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Politik

Abgeschrieben: Guttenbergs Jahr 2011

Von der Allzweckwaffe zum „Münchhausen der Politiklandschaft“ - Deutschlands einst beliebtester Politiker Guttenberg stürzt über seine Doktorarbeit

Aufgeflogen, zurückgetreten, ausgewandert: Karl-Theodor zu Guttenberg.

Berlin. Noch zu Jahresbeginn kann ihm keiner etwas anhaben: Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) ist 39 Jahre alt und ungeachtet aller Bundeswehraffären Deutschlands beliebtester Politiker. Dann stürzt er in nur wenigen Wochen über seine in weiten Teilen abgekupferte Doktorarbeit, tritt am 1. März von allen politischen Ämtern zurück und geht im Sommer in die USA. Doch seine politische Abstinenz ist nur von kurzer Dauer. Wenige Tage nach seinem 40. Geburtstag am 5. Dezember übernimmt er in Brüssel eine Stelle bei der EU-Kommission – ausgerechnet als Berater für das Thema Internetfreiheit.

Gerade mal 16 Monate war der CSU-Politiker Chef des Wehrressorts und krempelte in dieser Zeit die Bundeswehr um wie kein Minister vor ihm. Nach mehr als 50 Jahren ist im Sommer die Wehrpflicht abgeschafft worden – und die Unions-Parteien feiern das als ihren eigenen Erfolg. Ohne einen Guttenberg wohl undenkbar. Doch spätestens nach seiner jüngsten CSU-Schelte in dem Buch „Vorerst gescheitert“ denken viele in seiner Partei mit Schrecken an ein mögliches Comeback.

„Der kann auch Kanzler“

Dabei ist es noch gar nicht lange her, dass die CSU Guttenberg sogar als möglichen Kanzlerkandidaten ins Spiel brachte. „Der kann auch Kanzler“, hieß es in weiß-blauen Parteikreisen. Als „heimlicher Außenminister“ hatte sich der fränkische Adlige ohnehin schon profiliert – und diesen Anspruch spätestens mit seiner Indien-Reise im Februar untermauert, als er vom indischen Premierminister deutlich länger als eigentlich geplant empfangen wurde. Zudem warb er auf dem Subkontinent für den Eurofighter-Jet und präsentierte sich quasi als EADS-Chefverkäufer.

Sein forsches Auftreten gerade in den von der FDP beanspruchten Feldern der Außen- und Wirtschaftspolitik brachte Guttenberg offenkundig das Misstrauen einiger Kabinettskollegen ein. So schien es wenig überraschend, dass die Veröffentlichungen über Bundeswehraffären von geöffneter Feldpost bis zur „Gorch Fock“, die zu Jahresbeginn erfolgten, mit liberalen Absendern in Verbindung gebracht wurden. Das alles kann Guttenberg zunächst nichts anhaben.

Absturz eines Überfliegers

Dann folgt der Absturz – schnell, hart und ohne Vorwarnung. Eigentlich hatte sich Guttenberg in seinem Ministerium eine kleine Abteilung für strategische Kommunikation eingerichtet, um mediale Pannen wie bei seinem Vorgänger Franz Josef Jung (CDU) zu vermeiden – neun von zehn Artikeln sind auch positiv. Die Kooperation mit der „Bild“-Zeitung funktioniert hervorragend.

Mitte Februar bringt die „Süddeutsche Zeitung“ dann die Plagiatsaffäre ins Rollen. Selbst konservative Zeitungen steigen schnell in die Kritik ein, als mit GuttenPlag-Wiki erstmals eine Webseite für die Schummel-Recherche eröffnet und schnell das mögliche Ausmaß des Betrugs deutlich wird. Insgesamt 1.218 Plagiatsfragmente aus 135 Quellen auf 371 von 393 Seiten werden schließlich aufgelistet. Auch Kanzlerin Angela Merkel (CDU) kann die Welle der Empörung nicht brechen. Als sie sich öffentlich mit dem Satz hinter Guttenberg stellt: „Ich habe keinen wissenschaftlichen Assistenten oder einen Promovierenden oder einen Inhaber einer Doktorarbeit berufen, sondern hier geht es um die Arbeit als Bundesverteidigungsminister“, beschweren sich tausende Doktoranden über eine „Verhöhnung“ aller wissenschaftlichen Hilfskräfte.

Vorerst gescheitert

Am 1. März ist es schließlich soweit: Nach 14 Tagen Dauerfeuer tritt Guttenberg als Minister zurück. Auch die „enorme Wucht der medialen Betrachtung“ seiner Person habe zu diesem Schritt beigetragen, sagt er. Und weiß: „Wer sich für die Politik entscheidet, darf kein Mitleid erwarten.“ Die CSU spricht noch lange von einer „Treibjagd“ auf ihren einstigen Hoffnungsträger.

Neun Monate später meldet sich Guttenberg mit dem Buch „Vorerst gescheitert“ zurück, lässt die Bezeichnung seiner Doktorarbeit als „Textcollage“ unwidersprochen und räumt „die größte Dummheit meines Lebens“ mit der Dissertation ein, die aber – zumindest juristisch – „kein Plagiat“ gewesen sei. Passend dazu stellt auch die Staatsanwaltschaft Hof das Ermittlungsverfahren gegen Guttenberg wegen Urheberrechtsverletzungen ein – allerdings gegen eine Geldauflage in Höhe von 20.000 Euro. Wenig später wird er Berater der EU-Kommission für Internetfreiheit – mit Standort USA. Eine Rückkehr nach Europa schließt er vorläufig aus.

So wird es CSU-Chef Horst Seehofer leicht gemacht, dem verirrten Schaf kurz vor Weihnachten zu verzeihen. Guttenberg werde sich wieder „in das Team einfügen“, sagt der Parteivorsitzende. Die Angst, der Freiherr werde gar eine eigene Partei gründen, hat Seehofer derzeit offenbar nicht.

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