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Aufstände

Islamisten reiten auf der Welle der arabischen Revolution

Fast ein Jahr hält der Arabische Frühling nun an – vor allem die Islamisten haben davon profitiert.

„Unsere Revolution ist siegreich“: Eine Regimegegnerin mit den Farben der jemenitischen Flagge auf ihrer Hand.

Tripolis/Kairo. Für die Araber war 2011 das Jahr der großen Wende. Menschen, die jahrzehntelang korrupte Diktatoren erduldet hatten, gingen auf die Straße und riefen: „Das Volk will den Sturz des Regimes.“ Auch Festnahmen und Schüsse konnten ihre entfesselte Wut nicht mehr bremsen. Ein Diktator nach dem anderen wurde von den jungen Demonstranten, die ihren Aufstand über Facebook und andere Internet-Netzwerke organisierten, zu Fall gebracht. Nach knapp einem Jahr Revolution zeichnet sich ab, das vor allem die Islamisten vom sogenannten Arabischen Frühling profitiert haben.

Bei der Wahl in Tunesien wurde die islamistische Nahdha-Partei stärkste Fraktion. In Marokko erhielt ein Islamist den Auftrag zur Regierungsbildung. Für die Parlamentswahl in Ägypten konnten die Muslimbrüder mehr Kandidaten mobilisieren als jede andere Partei. In Libyen sprach sich der Vorsitzende des Übergangsrates, Mustafa Abdul Dschalil in seiner ersten Ansprache nach der „Befreiung Libyens“ dafür aus, die Beschränkungen für die islamische Ehe mit bis zu vier Ehefrauen aufzuheben.

Kompromissfähig, nicht radikal

Es sind nicht die militanten Islamisten mit Sympathien für Al-Kaida, die auf der arabischen Revolutionswelle reiten. Es sind die bürgerlichen Frömmler, die das Glücksspiel verbieten und Studentinnen mit Gesichtsschleier das Recht auf einen Studienplatz erstreiten wollen. Die meisten von ihnen sind kompromissfähig. „Bei uns gibt es keine Radikalen“, sagt der Ministerpräsident der libyschen Übergangsregierung, Abdulrahim al-Kib, der viele Jahre an US-Universitäten unterrichtet hat. In Tunesien bildeten die Islamisten eine Koalition mit Parteien aus dem liberalen und linken Spektrum.

Der Vormarsch der älteren Herren mit den kurz gestutzten Bärten, die sich auf die „Scharia“ (das islamische Recht) berufen und gegen Israel wettern, schockiert viele Menschen im Westen, die mit den jungen Studenten auf dem Tahrir-Platz in Kairo sympathisiert hatten. Auch viele arabische Intellektuelle sind entsetzt über den Siegeszug der Islamisten.

Wirklich überraschend ist diese grüne Islam-Welle jedoch nicht. Sie ist das Ergebnis einer vor mehr als 20 Jahren von Saudi-Arabien begonnenen und mit viel Geld unterfütterten Frömmigkeitskampagne. Die politischen Erfolge der Islamisten sind auch die Folge des Scheiterns linker und nationalistischer Ideologien, die in den arabischen Staaten in den 60er Jahren Hochkonjunktur hatten und später als Fassade für Regime dienten, die sich schamlos bereicherten und Günstlinge mit gut dotierten Jobs versorgten. Außerdem waren die islamischen Bewegungen für die Diktatoren der Region stets besonders schwer zu bekämpfen. Denn die Moscheen, die oft über karitative Einrichtungen tief in die Gesellschaft hineinwirkten, waren in vielen arabischen Ländern der einzige Ort, an dem sich die Menschen überhaupt legal versammeln konnten.

Die Zeit der großen Despoten ist vorbei

Gut gelaunt stellten sie sich im Frühjahr 2010 im libyschen Sirte nebeneinander auf: Der ägyptische Präsident Husni Mubarak, Gastgeber Muammar al-Gaddafi, Jemens Präsident Ali Abdullah Salih und der tunesische Staatschef Zine el Abidine Ben Ali. Es sollte ihr letztes gemeinsames Gruppenfoto sein. Heute lächelt keiner von ihnen mehr. Gaddafi ist tot. Mubarak sitzt hinter Gittern. Ben Ali hockt im saudischen Exil. Und der Jemenit Salih hat unter Zwang seine Rücktrittserklärung unterschrieben.

Die vier alten Männer hatten im Gespräch mit westlichen Diplomaten stets übereinstimmend gewarnt: „Wenn mein Regime stürzt, werden die Islamisten die Macht ergreifen.“ Geholfen hat es ihnen nicht. Auch die USA und die Europäer stellten sich dieses Jahr nach anfänglichem Zögern auf die Seite der Revolutionäre. Auch das seit März von Oppositionellen bedrängte syrische Regime von Präsident Baschar al-Assad, das wegen seiner brutalen Gewaltanwendung gegen Demonstranten inzwischen weitgehend isoliert dasteht, präsentiert sich als Bollwerk gegen militante Islamisten.

Doch die arabischen Diplomaten, die glauben, dass Assad in einem Jahr noch an der Macht sein wird, kann man bald schon an einer Hand abzählen. Die Lage in Syrien ist reichlich kompliziert. Doch noch komplexer stellen sich die Verhältnisse in den Golfstaaten dar, wo sich inzwischen auch Protest regt. In Kuwait holen sich islamistische Abgeordnete für ihren Kampf gegen korrupte Politiker jetzt erstmals Unterstützung von der Straße. In Bahrain und Saudi-Arabien protestieren Schiiten, die sich von den Sunniten diskriminiert fühlen. Der Arabische Frühling, so scheint es, ist noch lange nicht vorbei.

Regime, Arabischer Frühling, Gaddafi, Mubarak, Libyen, Syrien, Assad, Dispoten, Al-Kaida, Ägypten

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