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Was bleibt und was schwindet

Eine Mutter, ihr Sohn und der 1. Weltkrieg: Wie eine Nation sich an die Vergangenheit erinnert, bestimmt die Gegenwart.
Von Angelika Sauerer, MZ

Berlin.Neben ihm der Peter Kollwitz, im Schützengraben. „Auf einmal kommt ein Geschoss vom Himmel runter durch das Schützenloch, wo man eigentlich gar nicht reinschießen konnte, kam in den Mund, ins Herz. Er sackte zusammen, kein Wort mehr gesagt.“ Es war die Nacht vom 22. zum 23. Oktober 1914. Hans Koch hat aufgeschrieben, wie sein Freund an der Front zwischen Ypern und der belgischen Nordseeküste starb, an einer Chaussee nahe Diksmuiden. Peter, der Sohn der Künstlerin Käthe Kollwitz, war gerade einmal 18 Jahre alt geworden. Verheizt von der Kriegsmaschine. Ein Schicksal wie 17 Millionen andere.

Das Inventar der Neuen Wache und das nationale Gedächtnis

Trotzdem ein besonderes. Die Deutschen blicken auf seinen Tod und den Schmerz seiner Mutter, wenn sie in Berlin von der verkehrsumtosten Allee Unter den Linden in die klassizistische Kühle der Neuen Wache treten, um sich zu erinnern. Ein vierfach vergrößerter Bronzeabguss der im Original nur 40 Zentimeter kleinen Pietà gemahnt in der Zentralen Gedenkstätte der Bundesrepublik Deutschland an die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft. An Orten wie diesen vergewissern sich Nationen ihrer Identität, meint der britisch-irische Politikwissenschaftler Benedict Anderson.

Ursprünglich thronte hier ein mächtiger Eichenlaubkranz auf einem Granitblock, außen flankierten preußische Generäle den Erinnerungstempel. Nach dem Wiederaufbau während der DDR-Zeit brannte ein ewiges Licht im Innern der Neuen Wache über den Gräbern eines KZ-Häftlings und eines unbekannten Soldaten. Die Käthe-Kollwitz-Pietà rückt seit 1993 das Leid in den Mittelpunkt. Doch anfangs hieße es, sie blende Opfergruppen aus.

Nationales Gedächtnis, das zeigt auch der Umgang mit der zentralen Erinnerungsstätte, hat sehr viel mit der Gegenwart zu tun. In den 80er und 90er Jahren, in denen das verdrängte Erinnern an die Schuld am 2. Weltkrieg und am Holocaust endlich von der ganzen Gesellschaft nachgeholt wurde, musste man es genau nehmen: Niemand sollte vergessen werden. Jetzt darf Käthe Kollwitz’ stille Trauer um den toten Sohn für alle Opfer stehen. Und langsam aber sicher tritt auch der 1. Weltkrieg im nationalen Gedächtnis der Deutschen aus dem Schatten des 2. Weltkriegs.

Wie aber erinnert sich eine Nation? Zunächst, indem sich ihre Mitglieder erinnern. „Glaub bloß keine von den üblichen Redensarten von dem ,vorzüglichen Geist in unserem Heer‘. Es gibt nichts, was der Soldat draußen mehr wünscht, als den Frieden. Welch sinnloses, fürchterliches Ding der Krieg ist! Jetzt, nach der Begeisterung, spüren sie’s alle: Hass gegen den Krieg. Und der wird bei ihnen zum Hass gegen die Regierung, die den Krieg führt“, schrieb Erich Krems nach Hause. Er ist ein weiterer Freund von Peter Kollwitz, der kurz nach ihm an der Front fiel – mit nur 17 Jahren. Hans Koch überlebte als Einziger der Kameraden und konnte bis 1995 von seinen Erlebnissen erzählen.

Die letzten aktiven Soldaten sind tot, die Erfahrungsgeneration ist, was den 1. Weltkrieg betrifft, eine überlebte Generation. „Damit stehen wir – wie so oft in der Geschichte – vor dem Problem, Geschichte rekonstruieren zu müssen, ohne die Beteiligten noch fragen zu können“, sagt Professor Christoph Cornelißen, Historiker an der Goethe-Universität Frankfurt a. Main. Kriegsbriefe spielen daher eine sehr wichtige Rolle. „Sie haben das Bild des Krieges verändert“, meint Cornelißen. Das Leiden der Soldaten sei als Thema erkannt worden. „In den letzten 20, 30 Jahren vollzog sich in der Geschichtsforschung eine Abkehr vom Fokus auf die großen Vernichtungsschlachten und von der Frage nach dem Kriegsausbruch hin zu dem, was Frauen, Männer und Kinder tatsächlich im 1. Weltkrieg erlebt haben.“ Die Erinnerungsforschung geht davon aus, dass sich die gelebte Erinnerung über drei, vier Generationen hält. Cornelißen: „Jetzt sind wir in dem Stadium, wo sich diese kollektiven Erinnerungen in kulturelle Gedächtnisse erweitern.“ Was wird dort gespeichert werden?

Die Fragen von heute ähneln den Fragen von 1914

„Erinnerungen sind die hinfälligen, aber machtvollen Produkte dessen, was wir aus der Vergangenheit behalten, über die Gegenwart glauben und von der Zukunft erwarten”, schreibt der amerikanische Neuropsychologe Daniel L. Schacter. Das heißt, dass die Intensität, mit der wir uns gerade dem 1. Weltkrieg nähern, zwar mit dem Gedenkjahr zusammenhängt, andererseits aber auch viel zu tun hat mit den Unsicherheiten, die die Menschen nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa zurzeit verspüren: Unsicherheit über die internationalen Beziehungen, die wirtschaftliche Lage, gesellschaftliche Veränderungen, internationale Gewalt, ethnische Konflikte. „Unsere Fragen sind Fragen, mit denen sich die Zeitgenossen vor und um 1914 auch schon beschäftigt haben“, sagt Christoph Cornelißen.

Peter Kollwitz und seine Freunde waren Wandervögel – Mitglieder einer Jugendbewegung, die seit der Jahrhundertwende die fortschreitende Industrialisierung, gesellschaftliche Zwänge, Drill und Schulstress, Autoritäten generell in Frage stellten. Ulrich Grober hat 1996 für die „Zeit“ das „kurze Leben des Peter Kollwitz“ rekonstruiert. Er schreibt: „Peter Kollwitz war ein Suchender, der sich mal als dandyhafter Ästhet, dann als wilder Wandervogel oder durchgeistigter Revolutionär inszenierte.“ Sie gaben eine Schülerzeitschrift heraus, „Der Anfang“ hieß sie, in der sie die Schulordnung als „Zwangsjacke“ und den Unterricht als „geistige Vergewaltigung“ brandmarkten. In Bayern – und das wundert einen auch aus heutiger Sicht irgendwie gar nicht – war das hektographierte Blättchen verboten. Zu den Autoren zählte auch Walter Benjamin, der Philosoph, der später den Blick auf die „Trümmer der Geschichte“ lenken sollte, auf alles, „was verraten, unterdrückt und vergessen“ wurde. 1940 nahm Benjamin sich an der spanischen Grenze auf der Flucht vor den Nazis das Leben. 1913 aber lauschte er noch zusammen mit Peter und den Wandervögeln auf dem Freideutschen Jugendtag auf dem Hohen Meißen Reden, die gleichzeitig vor Krieg warnten, den deutschen Geist beschworen und zur Rettung des Vaterlands aufriefen. Da ging einiges durcheinander in dieser verwirrten und deshalb so leicht beeinflussbaren Generation. Wer Parallelen zur Gegenwart sucht, wird sie finden – wobei wilhelminische Machtpolitik durch moderne Wirtschaftspolitik zu ersetzen wäre, die ihre Interessen auf den globalen Märkten gegen die Schwächeren durchsetzt.

Besiegte verdrängen eher

Den Sommer 1914 verbrachten Peter Kollwitz und seine Freunde in Norwegen. Sie wanderten durch die Wildnis, „terra incognita“. Auf der Heimfahrt schwatzten sie mit Franzosen und Engländern im Zugabteil. Bald würden sie aufeinander schießen. Erst jetzt, 100 Jahre später und nach fast 70 Jahren Frieden beginnen die Erinnerungen von Siegern und Besiegten sich langsam anzunähern. „Besiegte erinnern sich anders als Sieger“, sagt Cornelißen. Besiegte verdrängen eher. Vorsichtige Ansätze für einen Ausgleich habe es bereits in den 60er und 80er Jahren gegeben, meint der Historiker: Das Treffen von Adenauer und Charles de Gaulle in Reims sei ein Akt „gemeinsamer Erinnerungsvergewisserung“ genauso wie der Auftritt von Kohl und Mitterrand auf dem Friedhof von Verdun. „Was von oberster politischer Seite inszeniert wird, muss aber nicht zwangsläufig von allen angenommen werden“, so Cornelißen. Was davon in die Gegenwart oder in die Zukunft mitgenommen werde, handeln die Gruppen einer Gesellschaft in einem „alltäglichen Plebiszit“ aus.

2014 wird der 1. Weltkrieg neu verhandelt, „im aktuellen Fall auch beträchtlich medial gestützt“ (Cornelißen), dieser Text ist ein Teil davon. Was Peter Kollwitz für lebenswert hielt, las Ulrich Grober aus den Tagebüchern der Mutter heraus: Skifahren, Bergsteigen, Gitarre spielen, Billard, Kino, die Freunde, lesen, die Toskana im Mai, Schlittschuhlaufen, rauchen, Schule schwänzen, rumhängen. Chillen hieße das heute, aber sonst passt die Liste immer noch. Und Politik? Hans Koch fasste zusammen, was alle glaubten: „Die Welt: ein Irrenhaus.“ Auch das hat Bestand.

Wen das Vaterland braucht

Wieder zu Hause in Berlin setzten die drei jungen Freunde in ihren Familien durch, sich freiwillig melden zu dürfen. „Das Vaterland braucht dich noch nicht, sonst hätte es dich schon gerufen“, sagte Käthe Kollwitz zu Peter. „Das Vaterland braucht meinen Jahrgang noch nicht, aber mich braucht es“, entgegnete Peter. Die Mutter gab nach. „Diese einzige Stunde. Dieses Opfer, zu dem er mich hinriss...“, notierte sie in ihrem Tagebuch.

Fast hat sie die Katastrophe vorausgesehen. 1903 entstand die Radierung „Frau mit totem Kind“, in der Käthe sich und den siebenjährigen Peter als Modell verwendete. Eineinhalb Jahre vor Peters Tod, im Mai 1913, schrieb sie in ihr Tagebuch: „Ich habe ihn seit Jahren nicht weinen sehen, nur als Junge, und dieses fassungslose, fast gebrochene Schluchzen, an das denk ich immer. Dass er ebenso weinen wird, wenn ich sterbe. Auch wenn er schon ein Mann ist.“ Es kam anders.

Ihre eigenen Tränen be- und verarbeitete Käthe Kollwitz 18 Jahre lang in den trauernden Elternfiguren, die 1932 auf dem Soldatenfriedhof in Belgien als Totenmal für die Opfer des 1. Weltkriegs aufgestellt wurden.

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