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Andrea Petkovic im Interview

"Als ich 30 wurde, dachte ich zum ersten Mal, dass ich erwachsen bin"

Es geht um Ziele und Floskeln, um Fernsehen und Rassismus. Aber vor allem geht es im tiefschürfenden Interview mit Tennis-Star Andrea Petkovic um den Sport, der für sie voller Analogien zum Leben an sich steckt.

  • Rot ist ihre Farbe - jedenfalls als Moderatorin der "ZDF SPORTreportage", die Andrea Petkovic am Sonntag, 1. März (17.10 Uhr), ein weiteres Mal präsentieren wird. Im Interview spricht die 32-Jährige offen über ihre Karriere und ihr Leben. Foto: ZDF / Torsten Silz
  • "Ich bin gerade am Knie verletzt und erstmals seit Jahren länger als zwei Monate zu Hause - und anfangs fast durchgedreht": Andrea Petkovic zieht es zurück auf den Tennisplatz. Foto: ZDF / Torsten Silz
  • "Es gibt Spieler wie mich, die sich gut auf den Punkt konzentrieren", plaudert Andrea Petkovic ein wenig aus dem Tennis-Nähkästchen. "Andere wie Rafael Nadal zum Beispiel brauchen das Gefühl, mit dem Rücken zur Wand zu stehen. Dann spielt er gut." Foto: 2019 Getty Images/Clive Mason
  • "Ich weiß nicht, ob der Zuschauer bei uns unterschätzt wird, aber manchmal wünsche ich mir mehr Tiefgang und Ausführlichkeit", sagt Tennis-Star und ZDF-Moderatorin Andrea Petkovic im Interview. Foto: ZDF / Torsten Silz
  • "Journalisten fragen immer nach Zielen", sagt Andrea Petkovic. "Wäre ich ehrlich, würde ich sagen: Nummer Eins werden, alle Turniere gewinnen und niemals verlieren." Foto: 2019 Getty Images/Emmanuel Wong
  • "Als ich 30 wurde, dachte ich zum ersten Mal, dass ich erwachsen bin. Dabei bin ich schon mit 15 alleine ohne Geld um die Welt gereist", erinnert sich Andrea Petkovic. "Es gehört aber mehr dazu, als zu wissen, wie du von A nach B kommst. Werte wie Verantwortung und Zuverlässigkeit habe ich erst mit 30 gelernt. Als Tennisspieler gewöhnt man sich an Unverbindlichkeit." Foto: ZDF / Torsten Silz
  • "Ich stand mit 21, 22 in den Top-50 und konnte mir erst dann einen richtigen Trainer leisten", bekennt Andrea Petkovic. "Die Mädels heute haben mit 15 oder 16 professionelle Trainer, Physios und Mentalcoaches." Foto: 2019 Getty Images/Lintao Zhang
  • "Als Journalist hast du wenig Zeit und musst immer überlegen, wie viel der Zuschauer weiß": Andrea Petkovic hat sich im ZDF schnell Respekt erworben. Die Kritiken nach ihren bisherigen Auftritten als Sportmoderatorin waren gut. Foto: ZDF / Torsten Silz
  • "Wer findet Rassismus denn gut?" - Andrea Petkovic hat sich bereits deutlich geäußert. Ihr ist bewusst, dass sie immer wieder darauf angesprochen wird. Foto: ZDF / Torsten Silz
  • "Manchmal machst du alles gut und richtig, spielst ein super Match - und verlierst es. Die andere war besser. Punkt": Andrea Petkovic 2019 in Wimbledon, wo sie bereits in der ersten Runde scheiterte. Foto: 2019 Getty Images/Matthias Hangst

Eben noch eine der deutschen Tennis-Topspielerinnen und nun auf dem Weg zur Fernsehmoderatorin: Die Karriere der 1987 in Tuzla (Bosnien und Herzegowina) geborenen Andrea Petkovic (32) ist im Übergang. Seit Dezember 2019 ist die Darmstädterin Teil des Teams der "ZDF SPORTreportage", die sie am Sonntag, 1. März (17.10 Uhr), wieder moderieren wird. Gleichzeitig will sie nach auskurierter Verletzung weiter auf Top-Niveau Tennis spielen. Im Interview spricht "Petko" über Floskeln, Mindgames und die doppelte Sicht der Dinge.

teleschau: Wie oft haben Sie schon von der Torwand geträumt?

Andrea Petkovic: Ich habe mich am Anfang meiner Karriere blamiert, da war ich vielleicht 21. Als Tennisprofi war ich eingeladen und wurde gefragt, wie viele Treffer ich mir zutraue und ich sagte: Alle sechs. Als Sportlerin muss ich vom Besten ausgehen. Ich habe exakt null Mal getroffen (lacht). Aber ich glaube weiterhin jedesmal daran, dass ich sechs reinmache. Sonst bräuchte ich nicht anzutreten. Gnadenlose Selbstüberschätzung.

teleschau: Muss das als Sportlerin so sein?

Petkovic: Ich denke schon. Journalisten fragen immer nach Zielen. Wäre ich ehrlich, würde ich sagen: Nummer Eins werden, alle Turniere gewinnen und niemals verlieren. Das ist wahrscheinlich nicht realistisch, aber das Ziel eines jeden Sportlers. "Ich will nur mein Bestes geben", ist eine Floskel, die wir alle benutzen.

teleschau: Floskeln gehören scheinbar zum Sportlerdasein. Demnächst wechseln Sie komplett die Seite, und aus der Tennisspielerin wird endgültig die Journalistin. Nervt diese Floskelei im Sport?

Petkovic: Sicherlich nervt das. Auf der anderen Seite merke ich, wie schwer es ist, über diese Floskeln hinauszukommen. Als Journalist hast du wenig Zeit und musst immer überlegen, wie viel der Zuschauer weiß. Als ich kürzlich Dominic Thiem interviewte, konnte ich mich durchsetzen und ihm immerhin eine strategische Frage zu seinem Tennis stellen. Es ging um seine Taktik im Spiel gegen Djokovic. Mir war aufgefallen, dass er mit mehr Spin gespielt hat, und da habe ich nachgehakt.

teleschau: Und in anderen Sportarten?

Petkovic: Eine Anekdote: Als Frankreich 2018 Weltmeister wurde, war ich in England. Die BBC sendete eine 45-minütige Talkrunde, die sich nur mit dem Spiel von Olivier Giroud beschäftigte, der zwar im ganzen Turnier kein Tor geschossen hatte, aber mit seinen Laufwegen die entscheidenden Räume geöffnet hatte. Sie zeigten Videos und erklärten seine Bewegungsmuster. Die 45 Minuten kamen mir vor wie 30 Sekunden. Es war beste Sportunterhaltung und erklärte mir Fußball, wie er mir bisher nicht erklärt worden war. Ich weiß nicht, ob der Zuschauer bei uns unterschätzt wird, aber manchmal wünsche ich mir mehr Tiefgang und Ausführlichkeit.

teleschau: Fast jeder Zuschauer kennt die Ergebnisse. Wollen die nicht eben genau darüber hinaus informiert werden?

Petkovic: Ich bin bei der "ZDF SPORTreportage", und da ist es mein Ziel, mehr über Taktik zu erfahren. Ich will weg vom pauschalisierenden "Er, sie oder die Mannschaft ist gescheitert". Das Interessante am Sport ist, dass er kompakt das Leben symbolisiert. Nicht das Resultat ist interessant, sondern der Weg dahin. Das Resultat macht ein, zwei Tage im Leben aus, aber der Weg dahin hat 15, 20, 30 Jahre gedauert.

teleschau: Wie verändert das die Beurteilung von Ihren Kolleginnen und Kollegen?

Petkovic: Es ist manchmal schwierig für mich. Als Resultat steht da: Das klappt gerade nicht. Aber ich kenne die Hintergrundgeschichten, weiß über Sorgen in der Familie oder gesundheitliche Probleme, über die er oder sie nicht sprechen will. Man kann oder muss sich als Journalist fragen, was dahintersteckt, aber sich vor allem immer wieder vor Augen halten, dass auch Sportler nur Menschen sind.

teleschau: Wird zu sehr vereinfacht oder wenigstens abstrahiert? Macht immer der, der gewinnt, ein gutes Spiel und die, die verliert, immer ein schlechtes?

Petkovic: Manchmal machst du alles gut und richtig, spielst ein super Match - und verlierst es. Die andere war besser. Punkt. Aber ich habe in meiner Karriere auch Matches gewonnen, deren Siege ich nicht verdient hatte. Im entscheidenden Moment hat deine Gegnerin angefangen, nachzudenken, dazu einige blöde Schiedsrichterentscheidungen gegen sie ... Und so gewinnst du Matches unverdient, obwohl du schlechter warst. Manchmal können Resultate Trugschlüsse sein.

"Es gibt verschiedene Arten mentaler Stärke"

teleschau: Dieses Mindgame, das Sie beschreiben, lässt sich das trainieren oder muss man dafür ein spezieller Typ sein?

Petkovic: Es gibt Spieler wie mich, die sich gut auf den Punkt konzentrieren. Andere wie Rafael Nadal zum Beispiel brauchen das Gefühl, mit dem Rücken zur Wand zu stehen. Dann spielt er gut. Es gibt verschiedene Arten mentaler Stärke, davon ist einiges prädisponiert. Aber: Meditationsübungen, Entspannungsübungen, Fokussierung, das alles lässt sich üben, trainieren wie das Körperliche auch. Grob vereinfacht: linke Hirnhälfte Verstand, rechte Hirnhälfte Kreativität und Instinkt ... Und in wichtigen Momenten musst du in der rechten Hälfte sein. Du hast alles trainiert. Entweder du kannst es oder nicht, aber lernen wirst du es jetzt nicht mehr. Du musst dich in diesen Momenten auf die rechte Hälfte verlassen. Und das kann man trainieren.

teleschau: Welchen Anteil nimmt das Mentale ein?

Petkovic: Maria Scharapowa war damals die erste, die Mentaltraining betrieb wie ihr Tennistraining auch. Sie hatte ihre Rituale schon in der Jugend gelernt. Ich habe mit 22, 23 damit angefangen. Da konnte ich mir einen richtigen Trainer leisten, und der hat mir das beigebracht. Damals gab es einige, die das Mentale trainierten, andere ließen es drauf ankommen. Heute kann das und trainiert das jede Jugendspielerin! In dieser Generation gibt es keine, die improvisiert und Matches über sich ergehen lässt. Der Sport entwickelt sich weiter, das liegt auch an den erhöhten Preisgeldern. Ich stand mit 21, 22 in den Top-50 und konnte mir erst dann einen richtigen Trainer leisten. Die Mädels heute haben mit 15 oder 16 professionelle Trainer, Physios und Mentalcoaches.

"Man ist ungreifbar für die Menschen"

teleschau: Sie vergleichen in Ihrer Kolumne für die "Süddeutsche Zeitung" Ihr Leben mit dem eines Zirkuskindes. Das beinhaltet vieles, diese verklärte Welt des Zirkus, aber auch dieses Entwurzelte. Was hat dieses Leben als Zirkuskind mit Ihnen gemacht?

Petkovic: Ich bin gerade am Knie verletzt und erstmals seit Jahren länger als zwei Monate zu Hause - und anfangs fast durchgedreht. Ich musste über dieses Rastlose hinwegkommen, um es zu Hause genießen zu können. Es ist ganz schön, montags und mittwochs Einkaufen zu gehen und jeden Abend zu kochen. Das Gefühl, gleich wieder los zu müssen, war aber tief in mir drin.

teleschau: Wie verändert das einen?

Petkovic: Gerade in Beziehungen ist man distanzierter. Man weiß, dass man bald weg ist. Man ist ungreifbar für die Menschen und meldet sich, wenn man da ist. Als ich 30 wurde, dachte ich zum ersten Mal, dass ich erwachsen bin. Dabei bin ich schon mit 15 alleine ohne Geld um die Welt gereist. Es gehört aber mehr dazu, als zu wissen, wie du von A nach B kommst. Werte wie Verantwortung und Zuverlässigkeit habe ich erst mit 30 gelernt. Als Tennisspieler gewöhnt man sich an Unverbindlichkeit.

teleschau: Woran merken Sie das?

Petkovic: Trainerwechsel stehen ganz gut dafür. Wenn es mit dem Trainer nicht klappt, wechselt man ihn eben. Als Tennisspieler bezahlst du einen Trainer dafür, eine Autorität für dich zu sein. Das ist verzwickt. Stell dir das im Fußball vor: Thomas Müller bezahlt Niko Kovac, und der stellt ihn dann nicht auf. Der wäre am nächsten Tag und nicht erst nach einem halben Jahr weg. Paradox.

teleschau: Sie haben sich kürzlich gegen Rassismus ausgesprochen. Wieso verzichten Sportler so häufig darauf, sich in der Öffentlichkeit gesellschaftlich zu positionieren?

Andrea Petkovic: Als Sportler wirst du auf jede deiner Aussagen immer wieder angesprochen. Gerade weil sich niemand zu irgendwas äußert. Ich werde sicher in den nächsten Jahren in jedem Interview auf mein Statement gegen Rassismus angesprochen. Aber wer findet Rassismus denn gut? Relativ einfach heruntergebrochen: Jede Anfrage mehr, kostet Zeit und Energie. Mit vollem Turnierkalender - wir spielen fast jede Woche - kannst du dir vor einem Match nicht zu viele Pressetermine erlauben. Deshalb halten sich Sportler raus. Sie sind nicht angewiesen auf gute oder schlechte Presse. Solange sie gewinnen, verdienen sie Geld. Sie wollen sich ihren singulären Fokus so gut wie möglich erhalten.

teleschau: In der jüngeren Sportgeschichte hat letztendlich einzig die Karriere von Football-Star Collin Kaepernick aufgrund von politischer Äußerung Schaden genommen. Hat ihn seine kritische Haltung die Karriere gekostet?

Petkovic: In einem Sport wie dem American Football wirst du dafür einen Kopf kürzer gemacht, was deine Karriere angeht. Das kann ja eigentlich nicht wahr sein. Nike ist direkt auf den Zug aufgesprungen und hat eine riesige Kampagne mit ihm gemacht, und zack, am nächsten Tag schnellten die Aktienkurse hoch. Serena und Venus Wiliams wurden in ihre Rollen als erste Schwarze Frauen im weißen Tennissport gedrängt. Die kamen mit Swag und Hiphop und wurden zu Popkultur-Ikonen. Venus Williams hat das genutzt und gleich hohe Preisgelddotierungen bei den Grand Slams für uns Frauen erkämpft. Billie Jean King hat für Gleichberechtigung auf der Tour gekämpft und die WTA-Tour auf den Weg gebracht. Sie hat mir mal erzählt, dass sie ohne diesen Kampf doppelt so viele Titel gewonnen hätte und noch ein paar Jahre länger die Nummer Eins gewesen wäre. Damals musste sie direkt nach ihren Spielen in Verhandlungen mit Sponsoren und Medien. Sie hat Teile ihrer Karriere geopfert, aber das hat sie zur Ikone gemacht.

Denis Demmerle

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