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Schauspielerin Anja Kling im Interview

"Auch in der DDR hatte ich fröhliche Jahre"

Bescheiden, bodenständig, beliebt: Anja Kling spielt vielseitige Rollen, und sie kommt auch beim Publikum gut an. Was sie sich von ihrer neuen Krimireihe erhofft, verrät die 49-Jährige im Interview.

  • Anja Kling gehört zu den beliebtesten Schauspielerinnen des Landes. Foto: 2018 Getty Images/Andreas Rentz
  • "Ich wähle meine Rollen nach der Geschichte und der Qualität des Buches aus - egal, welches Genre": Anja Kling gilt als überaus vielseitig. Foto: 2018 Getty Images/Oliver Hardt
  • Mit ihrer Schwester Gerit Kling (links) verbindet Anja Kling nicht nur Familiäres, sondern auch die Schauspielerei. Foto: 2018 Getty Images/Sebastian Reuter
  • Vielseitige Schauspielerin: "Das Quartett" verhilft Anja Kling, hier mit Anton Spieker, wieder zur Ermittlerinnen-Rolle. Foto: ZDF/Oliver Vaccaro
  • Anja Kling ermittelt als Kommissarin Maike Riem unter anderem mit Linus Roth (Anton Spieker). Foto: ZDF/Oliver Vaccaro
  • Im "Quartett" ermittelt Anja Kling als Maike Riem (zweite von rechts) gemeinsam mit Linus Roth (Anton Spieker, links), Pia Walther (Annika Blendl) und Christoph Hofherr (Shenja Lacher). Foto: ZDF/Oliver Vaccaro

Vom "Tatort" zum "(T)Raumschiff Surprise"; ob leichte RomCom, tiefes Drama oder - wie zuletzt mit "Jenseits der Angst" - veritabler Psychothriller: Anja Kling gehört zu den beliebtesten Schauspielerinnen im deutschen Fernsehen - und zu den vielseitigsten. Neben Talent und Charme braucht es dafür auch jene gelassene Bescheidenheit, mit der sich die gebürtige Potsdamerin in die Herzen des Publikums spielte. Nun wird die 49-Jährige, die sich bereits in mehreren Filmen als Ermittlerin versuchte, abermals zur Kommissarin: Im als Reihe angelegten Krimi "Das Quartett", der am Samstag, 12. Oktober, 20.15 Uhr, im ZDF Premiere feiert, löst Kling mit Hilfe dreier Kollegen und modernster Technik Mord- und sonstige Fälle in und um Leipzig. Warum ihr neues Format das Zeug zum Erfolg hat, wie sie mit dem Ruf der bodenständigen Prominenten umgeht und wie sie eigentlich den November 1989 verbrachte, verrät Anja Kling im Interview.

teleschau: Ist eine mögliche neue erfolgreiche Krimi-Reihe wie "Das Quartett" als Schauspielerin erstrebenswerter als ein einzelner Film?

Anja Kling: Ob das besser ist, kann ich so gar nicht sagen. Einzelprojekte wie Serien haben ihren Reiz. Immer etwas Neues für 90 Minuten zu drehen, ist natürlich abwechslungsreich, dafür bin ich dankbar. Aber eine Figur für eine Reihe über einen längeren Zeitraum entwickeln zu können, ist ebenfalls spannend.

teleschau: Spielt das Umfeld hinter der Kamera eine Rolle für Sie?

Kling: Es gibt durchaus Filme, in denen man mit den Umständen des Drehs nicht glücklich ist. Wenn man das in einer Reihe hat und immer denkt: "Jetzt muss ich da wieder hin" - dann ist das natürlich unschön (lacht). Das ist beim "Quartett" Gott sei Dank nicht so. Ich kannte meine drei Kollegen vorher nicht persönlich, es hätte also passieren können.

teleschau: Es ging aber alles gut?

Kling: Wir sind super zu viert! Wir funktionieren vor und hinter der Kamera großartig miteinander. Und ich freue mich wahnsinnig, mit den dreien wieder zu drehen. Insofern hoffe ich, dass wir eine Reihe werden dürfen und auch zu viert über einen längeren Zeitraum etwas für uns entwickeln können. Das entscheiden aber die Zuschauer. Wenn keiner guckt, sind wir wieder raus.

teleschau: Ist es schwer, in Deutschland eine innovative Krimireihe zu schaffen?

Kling: Auf jeden Fall. Es gibt so viele Krimis - man würde lügen, wenn man sagte wir haben nicht genug (lacht). Aber offenbar hat das auch seine Berechtigung. Es gucken eben sehr viele Menschen gern Krimis. Ich wähle meine Rollen nach der Geschichte und der Qualität des Buches aus - egal, welches Genre. Berührt sie mich in irgendeiner Form, nimmt sie mich mit, sehe ich mich dort? Ob dann da "Krimi" oder was auch immer draufsteht, das ist egal.

teleschau: Was war das Besondere am "Quartett"?

Kling: Am "Quartett" mag ich die große Normalität der vier Kommissare. Der Reiz dahinter ist, dass man eben nicht noch etwas Außergewöhnlicheres als alle anderen machen will. Wir stehen mit unseren Persönlichkeiten ein wenig im Hintergrund, es geht vor allem um die Fälle. Wir spielen normale Menschen, die respektvoll miteinander umgehen, immer auf Augenhöhe sind und sich gegenseitig schätzen.

teleschau: Ein paar Ansätze US-amerikanischer Krimis findet man allerdings auch ...

Kling: Ich mag es, dass alle zusammen im Kommissariat wie in einer WG wohnen und dort übernachten. Und das Besondere ist natürlich der Einsatz der Technik, mit deren Hilfe man sich per Brille in virtuellen Räumen bewegt. Das gibt es ja wirklich, das war nicht ausgedacht!

teleschau: Hatten Sie Kontakt mit "echten" Polizisten, die diese Technik einsetzen?

Kling: Das existiert bei der Kriminalpolizei, wenn auch nicht überall. Wir selbst konnten uns das nicht anschauen, aber die Regisseurin und die Producerin haben das ausprobiert. Damit sie uns erklären konnten, was wir da sehen. Am Set selbst hatten wir schließlich nur schwarz vor Augen (lacht). Ich will das bald mal in einem Escape Room ausprobieren.

teleschau: Ist das eine neue Herausforderung auch für Schauspieler?

Kling: Ich bin zum Glück schon an ungewöhnliche Arten des Drehens gewöhnt. Bei "Hilfe, ich habe meine Lehrerin geschrumpft" habe ich über Wochen in einer grünen Halle gedreht, und meine Drehpartner waren lediglich grüne Laserpunkte. Das war wirklich anstrengend. Aber man gewöhnt sich daran.

"Stolz, dass ich alles spielen darf"

teleschau: Mochten Sie beim "Quartett" den Dreh in Leipzig?

Kling: Meine ganze Familie väterlicherseits kommt aus der Leipziger Umgebung. Für mich war es daher ein Heimspiel. Eine wunderschöne Stadt, ich bin da gern. Von Berlin ist es ja auch ein Katzensprung. Gedreht wurde aber auch viel in Berlin, was vor allem mit Drehgenehmigungen und Geldern zu tun hat.

teleschau: In Ihrer Karriere spielten Sie schon so gut wie jedes Genre. Das ist schon recht außergewöhnlich, oder?

Kling: Man wird am Anfang gern auf etwas festgelegt und ist nicht sofort in allen Genres zu Hause. Ich war zunächst immer das brave Mädchen, danach habe ich im deutschen Fernsehen sehr viel geweint. Komödien hat man mir nicht angeboten. Dann kam "Traumschiff Surprise" und danach spielte ich zwei Jahren nur noch Komödien. Da wäre ein Drama auch mal wieder schön gewesen (lacht). Inzwischen, nach 30 Jahren im Geschäft, bin ich stolz, dass ich alles spielen darf und überhaupt nicht mehr in einer Schublade feststecke.

teleschau: Das ist nicht bei allen Kolleginnen und Kollegen von Ihnen der Fall ... Tauscht man sich darüber aus?

Kling: Na klar. Unser Job ist der tollste der Welt, wenn man viel und abwechslungsreich zu tun hat. Wenn man dagegen nicht gefragt ist, und das Telefon immer still steht, kann der Beruf ein sehr trauriger sein.

teleschau: Sie hatten mehr Glück - und gelten zudem als eine der beliebtesten Schauspielerinnen hierzulande überhaupt. Ist Ihnen das eigentlich bewusst im Alltag?

Kling: Das freut mich natürlich, aber ich google mich jetzt nicht. Was ich weiß: Ich glaube nicht, dass mir vor einem neuen Dreh mit neuem Team der Ruf vorauseilt, wahnsinnig zickig oder anstrengend am Set zu sein (lacht). Da bin ich mir immer sehr treu geblieben. Ich empfinde mich als Teil des Teams, nicht mehr und nicht weniger. Wir haben alle das gleiche Ziel, wir wollen einen guten Film abliefern, und dafür tut jeder das, was er kann.

teleschau: Inwiefern?

Kling: Meinen Kindern sage ich immer diesen alten Spruch: "Wie du in den Wald hineinrufst, so schallt es hinaus." Die beiden können das schon nicht mehr hören (lacht). Aber so ist es! Dass dir Leute so begegnen, wie du ihnen, habe ich mit der Muttermilch aufgesogen. Und privat behandele ich Menschen so, wie ich selbst behandelt werden möchte.

teleschau: Glauben Sie, dass ein solches hierarchiefreies Denken auch mit Ihrer DDR-Sozialisation zu tun hat?

Kling: Das weiß ich nicht. Ich kenne wirklich auch Arschlöcher aus der ehemaligen DDR (lacht)! Das Einzige, was in der DDR vielleicht ein wenig größer geschrieben wurde als in der BRD war Solidarität - ein abgedroschenes Wort. Ist aber so. Man hat sich mehr geholfen, ohne was zurückzuverlangen, weil alle gleich wenig hatten. Ansonsten gibt es drüben wie hüben die Freundlichen und die nicht so Freundlichen.

teleschau: Im November ist es 30 Jahre her, dass die Mauer fiel. Als Schauspielerin, die in beiden Systemen lebte und spielte - wie blicken Sie auf diese Zeit zurück?

Kling: Mit 17 drehte ich meinen ersten Film bei der DEFA, zu meinem größten Erstaunen. Es war gar nicht mein Wunsch, Schauspielerin zu werden. Durch den recht erfolgreichen Film, der ein wenig DDR-kritisch war, ergaben sich neue Rollen. Als dann die Mauer fiel, hatte ich schon ein paar Filme gedreht. Fünf Tage vor dem 9. November bin ich über die Tschechoslowakei in den Westen gegangen. Heute könnte ich allerdings nicht sagen, was aus mir geworden wäre, wenn die Mauer geblieben wäre. Vielleicht hätte ich noch einmal eine andere Ausbildung gemacht.

teleschau: Der Mauerfall entschied sozusagen auch über Ihre Karriere?

Kling: Im Grunde schon. Schließlich waren meine Eltern ja im Osten, und ich hätte nicht gewollt, dass sie mich im Westfernsehen sehen, mich aber nicht mehr live erleben dürfen. Aber Gott sei Dank ist es anders gekommen. Und plötzlich drehte ich nicht mehr nur in Leipzig, Dresden und Berlin, sondern auch in München und im Ausland.

teleschau: Denken Sie in diesem Jahr in besonderer Weise an das Jubiläum?

Kling: Bei 30 Jahren Mauerfall denke ich vor allem: Wow, zu der Zeit war ich ja auch schon erwachsen! Ich war 19, als die Mauer fiel. Das kommt mir nicht vor wie 30 Jahre (lacht). Jede Zeit hatte ihre Besonderheit. Auch in der DDR hatte ich fröhliche Jahre.

Maximilian Haase

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