MyMz

Hannes Jaenicke im Interview

"Der Vorwurf der beruflichen Vielfliegerei ist ziemlich peinlich"

Seit mehr als zehn Jahren setzt sich der Schauspieler Hannes Jaenicke in seiner Sendereihe "Im Kampf für ..." im ZDF für bedrohte Tierarten ein. Nach Orang-Utans, Eisbären, und Haien sind nun unsere Singvögel an der Reihe. Jaenickes Kampf für bedrohte Arten kennzeichnet eine ehrliche, ausdauernde Wut.

  • Im Einsatz für Vögel: Diese Mönchsgrasmücke kann ihre Reise in den Süden dank Hannes Jaenicke fortsetzen. Foto: ZDF / Markus Strobel
  • Republik Zypern: Hannes Jaenicke befreit einen Singvogel von einer Leimrute. Foto: ZDF / Markus Strobel
  • Hannes Jaenicke im Flugtrainingsraum der Mauerseglerklinik in Frankfurt am Main, die er mit seinem Team besucht hat. Foto: ZDF / Markus Strobel
  • Der Hausgarten des Ornithologen Peter Berthold ist ein wahres Vogelparadies. Foto: ZDF / Markus Strobel

Er ist, man muss es dem Schauspieler und Umweltschützer Hannes Jaenicke lassen, ein Meister der nachhaltigen Wut. Jaenicke, der gern als "harter Kerl mit weichem Kern" bezeichnet wird und bislang in über hundert Filmen und Serienrollen zu sehen war, nimmt nach wie vor kein Blatt vor den Mund, wenn es um die Erhaltung der Natur und gefährdeter Tierarten geht. Dennoch ist der erklärte 59-jährige Veganer kein Eiferer, der andere bevormunden will. Dass er durchaus Humor hat, zeigt er in seinem neuesten Werbespot "What the Frog?", in dem er den Plastik-Rebellen "Hannes Gritzegrün" gibt: Der engagierte Recycler nimmt sich da im Kampf gegen den Plastikmüll selbst auf den Arm, erzeugt seinen eigenen Strom, kauft nur Bio ein und gründet sogar eine Anti-Plastik-Partei. Auch Jaenicke selbst streitet unermüdlich für eine saubere Umwelt, schreibt Bestseller zum Thema und dreht mit viel Leidenschaft für das ZDF die Tier-Dokureihe "Hannes Jaenicke: Im Einsatz für .." - Nach Orang-Utans, Eisbären und Gorillas ist die zehnte Folge der preisgekürten Reihe nun den Singvögeln gewidmet ("Hannes Jaenicke - im Einsatz für Vögel", 15.08., 22.35 Uhr).

teleschau: In ihrer Doku "Im Einsatz für Vögel" sagen Sie zu Beginn: "Es herrscht Totenstille in Deutschland." Ist das nicht doch ein wenig übertrieben, was die Dezimierung der Singvögel betrifft?

Hannes Jaenicke: Wir haben seit den 80er-Jahren 60 Prozent unserer Vögel verloren. Das haben wir dem Versagen der Politiker zu verdanken. Erst vor kurzem hat die Bundesagrarministerin Julia Klöckner die Verlängerung des Glyphosat-Einsatzes zugelassen. Insektenvernichtungsmittel, Pestizide nehmen den Vögeln ihre Hauptnahrungsquelle, die Insekten. Zusätzlich sorgt die Agrarindustrie mit ihren Monokulturen dafür, dass den Feldvögeln kein Lebensraum mehr bleibt. Jeder Acker wird bis zum letzten Zentimeter bebaut und abgeerntet. Und unter uns Endverbrauchern geht der Trend leider dahin, immer mehr steinerne Gärten anzulegen. Obendrein gibt es den durch Verkehr verursachten Vogelschlag, und auch die Vogeljagd in Südeuropa ist nach wie vor eine Katastrophe.

teleschau: Ein Phänomen, das seit Jahrzehnten kritisiert wird, aber offenbar nach wie vor existiert.

Jaenicke: Konservative Schätzungen sprechen von 50 Millionen gefangener und getöteter Vögel in Europa pro Jahr, vor allem in Italien, Spanien oder Griechenland, auf Malta und Zypern. Der dortige Vogelmord ist ein Riesengeschäft. Auf russischen Jachten werden dutzendweise Rotkehlchen, Mönchsgrasmücken und Nachtigallen verzehrt. Es gibt zwar Gesetze, die das verbieten, aber niemand achtet darauf. Man sollte erwähnen, dass wir auch in Deutschland bis ins 19. Jahrhundert Singvögel gegessen haben. Es war ein Arme-Leute-Essen, jetzt gilt es im Mittelmeerraum als Delikatesse.

"Müsste Beruf an den Nagel hängen, wenn ich nicht mehr fliegen wollte"

teleschau: Gegenwärtig ist das Fliegen mit dem Flugzeug in aller Munde, es scheint wegen des großen CO2-Ausstoßes ein Umschwung bevorzustehen. Sie selbst sind Deutschamerikaner, haben eine zweite Heimat in Los Angeles, weil sie einst mit ihren Eltern in die USA gezogen sind. Auch sonst fliegen Sie als Schauspieler viel.

Jaenicke: Wenn die Leute mir einen Fliegenden Teppich anbieten oder einen Ökoflieger, dann benutze ich den sofort mit Begeisterung. Der Vorwurf der beruflichen Vielfliegerei ist ziemlich peinlich. Es sind nicht einmal drei Prozent des weltweiten CO2-Ausstoßes, die durch Fliegen entstehen. Ich selbst fliege nur beruflich. Und die Leute, die mir das mit schöner Regelmäßigkeit vorwerfen, sind fast ausnahmslos Fleischesser. Es gibt eine britische Studie, die besagt, dass ein Veganer fünfmal im Jahr rund um die Welt fliegen könnte und immer noch eine bessere CO2-Bilanz hat als ein Fleischesser.

teleschau: Sie gedenken also nicht, sich einzuschränken?

Jaenicke: Die größten Umweltverschmutzer sind Kohlekraftwerke und die Agrar-, vor allem die Fleischindustrie. Natürlich sollte man möglichst wenig fliegen, schon gar nicht innerdeutsch. Aber nach Abu Dhabi oder Marokko, wo ich gerade die Serie "Mirage" gedreht habe, kommt man nun mal nicht mit öffentlichem Verkehr oder Fahrrad. Und von dort nach Amsterdam auch nicht. Ich müsste meinen Beruf an den Nagel hängen, wenn ich nicht mehr fliegen wollte.

teleschau: Im Comedy-Spot "What the Frog?" für eine Putzmittel-Firma sind Sie ein geradezu fanatischer Umweltschützer. Wie sieht Ihr eigener Alltag in dieser Hinsicht aus?

Jaenicke: Ich kaufe nur Bio, benutze Bio-Putzmittel, lebe vegan. Ich kaufe Klamotten gebraucht oder aus sauber produzierter Baumwolle und fairen Produktionsbedingungen. Meine Hauptsünde ist sicher das Fliegen. Ich fahre ein Elektroauto - was mir in Deutschland auch schon wieder vorgeworfen wird, weil in der Batterie ja angeblich Kinderarbeit steckt. Wenn man Avocados oder Mandeln isst, wird einem vorgehalten, sie seien zu wasserintensiv. Die deutsche Meckerei und Kritiksucht ist ein Volkssport - sogar die Schüler, die am Freitag die Schule schwänzen, um zu demonstrieren, bleiben nicht verschont.

teleschau: Apropos: Nicht zuletzt dank der Fridays-For-Future-Bewegung scheint die Gesellschaft im Aufbruch, es sieht danach aus, als sei der Moment des Handelns gekommen. Ist die Zeit des Redens vorbei?

Jaenicke: Ich glaube, bei den Verbrauchern passiert tatsächlich etwas. In der Politik wird nur geredet, in der Industrie ebenso. Wenn man sich vor Augen hält, dass Frau Merkel Greta Thunberg lobt, aber ihre eigenen Klimaziele krachend verfehlt, kann man nur den Kopf schütteln. In Bayern hat Markus Söder clever reagiert und sich an die Spitze des Volksbegehrens "Rettet die Bienen" gesetzt. Ansonsten betreiben Politik und Industrie hauptsächlich Greenwashing. Wir kriegen weder ein Plastiktüten-Verbot noch eine Kerosin-Steuer oder ein Tempolimit hin, wir sind das einzige Land der Welt, in dem es noch keines gibt. Wir brauchen autofreie Innenstädte, unser Städte wurden ja ursprünglich nicht für Autos, sondern für Menschen gebaut. Regensburg, Zürich, Stockholm, Kopenhagen oder Amsterdam sind großartige Vorbilder.

"Schule ohne Rassismus"

teleschau: Neben vielen Umweltinitiativen setzen Sie sich auch für die Initiative "Schule ohne Rassismus" ein, die Zivilcourage und Toleranz befördern will.

Jaenicke: Die Initiative selbst gibt es seit mehr als 15 Jahren. Möglicherweise hat sie jedoch ihr Ziel verfehlt. Betrachtet man die Wählerquoten der AfD, dann bräuchten wir in dieser Hinsicht neue Aktivitäten - letztlich auch, weil die halbe Welt, von Polen bis hin zur Türkei, gegenteilig wählt. Es ist eine Welle, die hoffentlich auch wieder eine Gegenwelle produziert.

teleschau: Wie bringen Sie eigentlich alle Ihre Aktivitäten unter einen Hut: die Schauspielerei, das Schreiben, die politischen Initiativen. Wird Ihnen das nicht zu viel?

Jaenicke: Das hat mich meine Mutter, die im Februar verstorben ist, auch immer gefragt. Weil mir so ziemlich alles Spaß macht, was ich so treibe, mache ich immer noch mehr als ich unterbringen kann. Aber solange ich das Gefühl habe, etwas bewegen zu können, nehme ich die Gelegenheit wahr.

teleschau: Und in Ihrem Hauptberuf, der Schauspielerei, in dem Sie immer noch sehr erfolgreich sind, gibt es da ein Lieblingsgenre, eine Lieblingsrolle: womöglich den Schurken, den harten Hund?

Jeanicke: Am liebsten spiele ich in Komödien. Wenn ich da ein Drehbuch in die Hände bekomme, das auch nur annähernd Erfolg verspricht, greife ich sofort zu. Trotz zwei neuer Amsterdam-Krimis und dem kürzlich abgedrehten europäisch koproduzierten Spionagethriller "Mirage" wäre mir eine Komödie wie "Allein unter Töchtern", wo ich als überforderter Ex-Soldat versuche, drei Töchter großzuziehen, derzeit am liebsten.

teleschau: Und wie geht es Ihnen selbst im Augenblick privat?

Jaenicke: Bestens. Mehr sage ich dazu bekanntlich nur ungern.

Wilfried Geldner

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht