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Selig im Interview

So wild waren die deutschen Rock-90-er

Selig erinnerten ihr Land vor 25 Jahren daran, dass man große Rockgesten mit Hingabe auch in deutscher Sprache verwirklichen kann. Heute blicken die MTV-Helden von einst auf ihre seltsame Karriere zurück und freuen sich über ein Tribute-Album prominenter Stars.

  • Selig, ein deutsches Rock-Phänomen der 90-er, ist 2020 wieder in aller Munde. Am 13. März erscheint ein Tribute-Album prominenter Fans. Zudem wird Sänger Jan Plewka (dritter von links) im April Protagonist der neuen "Sing meinen Song"-Staffel auf VOX sein. Foto: Dennis Dirksen
  • Die Band Selig 2016 beim GEMA Musikautorenpreis in Berlin, von links: Stephan Eggert, Christian Neander, Jan Plewka und Leo Schmidthals. Foto: 2016 Getty Images/Christian Marquardt
  • Auch ein Selig-Fan: Johannes Oerding singt auf dem Tribute-Album "Selig macht Selig" den Song "Sie zieht aus". Foto: Julia Muecke
  • Ein alter Weggefährte von Selig: Olli Schulz erinnert sich an die 90-er, als Jan Plewka - und nicht er - alle guten Mädchen bekam. Foto: Jenna Dallwitz
  • Das Tribute-Album "Selig macht Selig": 15 Titel, die an die "Größe" der 90er-Jahre-Band erinnern. Foto: Ferryhouse
  • Zurück im Geschäft nach zehnjähriger Rock'n'Roll-Pause zwischen 1999 und 2008: die Hamburger Band Selig. Foto: Dennis Dirksen
  • Philipp Poisel ist ebenfalls Selig-Fan: Auf dem Tribute-Album singt er die legendäre Selig-Ballade "Ohne dich". Foto: Michael Demuth
  • Comeback als gereifte Rocker: Selig bei "The Dome 50" in München, 2009. Foto: 2009 Getty Images/Miguel Villagran
  • Zwei Bands, die sich verstehen: Selig in Person von Sänger Jan Plewka (links) und der etwas jüngere Madsen. Seine Band covert das Stück "Wenn ich wollte". Foto: Ferryhouse
  • Auch BAP-Kopf Wolfgang Niedecken (Mitte) liebt Selig: Auf "Selig macht Selig" singt er den Song "Glaub mir" - natürlich auf Kölsch. Foto: Tina Niedecken

Nun gut, das 25-Jahre-Jubiläum des einflussreichen ersten Selig-Albums hätte man eigentlich 2019 feiern müssen. Im März 1994 erschien das Debüt "Selig", und dessen Musik begeisterte gleichermaßen Nirvana-, Rio-Reiser- und Lenny-Kravitz-Fans. Warum? Weil der hart rockende Soul der Hamburger, vor allem in Verbindung mit deutschen Texten, damals ein Stil-Unikum war. Schnell spielten sich die versierten Musiker im Grunge-Hippie-Outfit auf die Rotationslisten von MTV und Popradios. Aus kleinen Clubs wurden große Hallen. Doch es gab auch Kritiker, die den Größenwahn, das "Designte" und die Rockverliebtheit der Band um den charismatischen Sänger Jan Plewka geißelten. 26 Jahre später blicken er, knapp 50-jähriger Rock'n'Roller mit Lesebrille und vier Kindern, sowie sein Schlagzeuger Stephan "Stoppel" Eggert auf eine der ungewöhnlichsten Karrieren im deutschen Pop zurück.

teleschau: Wie war das Anfang der 90er-Jahre, wenn man als Band, die ernsthaft nach oben wollte, mit deutschen Texten bei einer Plattenfirma vorstellig wurde?

Stephan Eggert: Man wurde ernsthaft gefragt, warum man denn unbedingt auf Deutsch singen müsse. Wenn die Musik gut und international klang, war es im Denken von damals folgerichtig, dass man auch englische Texte schreibt. Heute würde man bei der Plattenfirma sicherlich gefragt, warum man denn unbedingt auf Englisch singen müsse. Die Musiklandschaft hat sich in den letzten 25 Jahren komplett verändert.

teleschau: 1994 kamen die erfolgreichsten Alben der deutschen Jahrescharts von Mariah Carey, Bryan Adams, Aerosmith, Take That und Phil Collins. Eine völlig andere Zeit?

Jan Plewka: Ja, ich denke schon. Wir waren Fans eines authentischen Rock- oder auch Soul-Gefühls, das es damals in den Charts nicht gab. Wir liebten die Black Crowes, die neu und noch "underground" waren. Wir hatten Lenny Kravitz im Hamburger Café "Schöne Aussichten" gesehen, als der eine Show hinlegte, die auch aus den 70-ern hätte stammen können. Wir liebten das Organische am Pop, das sich in den 80-ern durch Elektronik und bestimmte Produktionsweisen in Richtung Glätte und Distanziertheit verschoben hatte.

"Wir wollten Deutschland wilder machen"

teleschau: Deutsche Texte waren Mitte der 90-er ein Erfolgshindernis. Lediglich einzelne Phänomene wie Westernhagen, Die Ärzte und PUR als Schlagerpop-Vorboten waren damals neben vielem Englischen auch in den deutschen Jahres-Charts.

Plewka: Das stimmt, 80 oder eher 90 Prozent der Popmusik im Radio war Englisch. Wir hatten das Ziel, dass unsere Musik sehr international klingt, auch in Sachen Produktionsstandard, aber trotzdem deutsche Texte hat. Eigentlich waren wir total größenwahnsinnig. Wir dachten wirklich, wir könnten die hiesige Musiklandschaft verändern. Wir wollten Deutschland wilder machen.

teleschau: Wo nahmen Sie die Inspiration für deutsche Texte her?

Plewka: Ich habe schon mit neun Jahren auf Deutsch getextet und es niemals anders machen wollen. Darüber dachte ich nie groß nach. Außerdem war ich glühender Rio-Reiser- und Ton-Steine-Scherben-Fan. Dann hatte ich auf einmal diese fantastische Band. Eigentlich war mir völlig klar, dass wir mit dieser Musik Erfolg haben würden. Wir waren einfach zu gut, um scheitern zu können (lacht).

teleschau: Wie schnell sind Selig nach oben gekommen?

Eggert: Damals musste man sich - wie heute auch wieder - über die Live-Schiene nach oben spielen. Uns kam das entgegen, denn wir waren eine starke Live-Band. Wir begannen mit einer kleinen Club-Tour, aber es wurde rasend schnell größer. VIVA und MTV nahmen uns in ihre "Rotation" auf, sie spielten unsere Videos. Das war damals ein Quantensprung. Dadurch wurden die Konzerthallen sofort deutlich größer.

teleschau: Die Kritiker betrachteten Selig unterschiedlich. Einigen war die Musik der Band zu prätentiös. Waren Sie für die coolen 90-er vielleicht zu emotional?

Eggert: Benjamin von Stuckrad-Barre war damals Redakteur beim "Rolling Stone". Sein Text über unser erstes Album von 1994 war, soweit ich mich erinnere, mit der Schlagzeile "Wenn Männer weinen" überschrieben. Aber er meinte es positiv, würde ich sagen. Erst später, als wir großen Erfolg hatten, gingen die Kritiker auch immer mal härter mit uns um. Aber das gehört dazu, wenn man zum Massenphänomen wird und nicht mehr ganz neu ist.

"Für ein paar Jahre fühlte der Traum sich ziemlich echt an"

teleschau: Die 90-er gelten als das Jahrzehnt der Ironie. Waren Sie mit ihrem Hippie- und Grunge-Ansatz und den sehr emotionalen Texten vielleicht auch ein bisschen zu sehr aus der Zeit gefallen, um noch größer zu werden?

Plewka: Journalismus und Pop waren damals auf jeden Fall stärker von Ironie durchtränkt als heute. Stuckrad-Barre, der uns heute so zugetan ist, dass er einen Text auf dem Tribute-Album liest, mochte sowohl uns als auch Nationalgalerie - die andere Hamburger Band, die damals deutsche Popmusik mit internationaler Klasse spielte. Ich glaube, Stuckrad-Barre war der einzige Musikjournalist Deutschlands, dem beide Bands gefielen (lacht).

teleschau: Fühlten Sie sich zu dieser Zeit als Exoten oder gar Außenseiter im Musikbetrieb?

Plewka: Ja, so sind wir als junge Leute bewusst angetreten. Außenseiter zu sein, war unser Selbstverständnis. Wir sahen mit unseren Hippie-Klamotten, die sonst niemand trug, auch ziemlich seltsam aus. Ich erinnere mich daran, dass uns manche Veranstalter großer Festivals, auf denen wir damals spielten, erst gar nicht aufs Gelände lassen wollten. Sie dachten, wir wären Obdachlose. Ein Ordner ging zu seinem Chef und meinte: 'Hier sind so fliegende Händler. Irgendwelche Gaukler, die sagen, sie würden hier spielen.' Wir waren in Sachen Outfit Mitte der 90-er durchaus erklärungsbedürftig (lacht).

teleschau: War Selig eine "designte" Band?

Plewka: Es wurde uns immer vorgeworfen, dass wir von einer Plattenfirma gemacht worden wären. Es stimmte aber zu keinem Zeitpunkt. Wir haben uns als Band selbst designt, weil wir es so wollten. Wir waren jung und träumten den großen Rock'n'Roll-Traum. Für ein paar Jahre fühlte der Traum sich ziemlich echt an.

teleschau: Nach nur drei Alben löste sich die Band 1999 auf. Haben Sie den Erfolg damals schlecht verkraftet?

Eggert: Uns ist das passiert, was mit vielen Bands geschieht. Man findet jung zusammen, hat einen gemeinsamen Traum, und wenn der erreicht ist, merkt man nach ein paar Jahren, dass man auf sehr unterschiedliche Art erwachsen geworden ist. Bei uns war es extrem: Der eine wollte am liebsten zurück in die Fußgängerzone oder in einem Haus im Wald leben. Der andere liebte das Rock-Superstar-Leben und mochte am liebsten im Fußballstadion spielen. Das passte einfach nicht mehr zusammen.

"Ich sang von Sex, Drogen, Liebe, Betrug und Einsamkeit"

teleschau: Es heißt, Jan Plewka hätte sich damals mit Frau und erstem Kind auf eine einsame Hütte in Schweden zurückgezogen. Stimmt die Legende?

Plewka: Ja. Ich konnte einfach nicht mehr. Wir waren vor der Trennung vier Jahre lang sieben Tage die Woche und 24 Stunden am Tag Selig, Selig, Selig. Es war gnadenlos. Wir tourten ständig, machten PR oder arbeiteten im Studio. Nach dem Ende von Selig brauchte ich bestimmt ein Jahr, bis ich mein wirkliches Ich durch diese Hülle, in der ich war, wieder spürte.

teleschau: Gehört der große Crash wegen persönlicher Überforderung zu jeder großen Rockband dazu?

Plewka: Er ist zumindest recht wahrscheinlich. Man wird als junger Mensch mit einer wahnsinnigen Aufmerksamkeit, aber auch einem enormen Druck und Stress konfrontiert. Viele halten dem auf Dauer nicht stand, oder sie wollen es einfach nicht. Einige finden, so wie wir, nach langen Pausen wieder zusammen. Dabei geht es nicht nur ums Geld verdienen. Man wird auch reifer und betrauert das, was man kreativ verloren hat. John Lennon und Paul McCartney sahen sich nach der Trennung der Beatles zehn Jahre nicht - dann wurde John erschossen. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass es die Beatles noch einmal miteinander versucht hätten, wäre John damals am Leben geblieben.

teleschau: Wenn Sie heute auf dieses 26 Jahre alte Debütalbum zurückblicken - so wie es die meist jungen Bands tun, die es nun interpretieren - wissen Sie noch, von was Sie damals gesungen haben?

Plewka: Ja, das weiß ich genau. Ich sang von Sex, Drogen, Liebe, Betrug und Einsamkeit. Aber auch von Freundschaft und positiver Energie. Ich empfinde meine Texte von damals als durchaus "fresh", wenn ich sie heute höre oder lese. Gerade dann, wenn sie andere Leute singen.

"Damals musste man einfach nur entdeckt werden"

teleschau: Wären Sie lieber heute eine junge Band oder sind Sie froh, damals Stars gewesen zu sein? Vor der Zeit des Internets, als klassische Medien und Musik-Business noch sehr geordnet schienen ...

Eggert: Es ist schwer zu sagen, es gab damals wie heute Vor- und Nachteile. Anfang der 90-er war das Leben sicher einfacher und übersichtlicher. Besondere Musik konnte man nur dann hören, wenn man sich eine gute CD gekauft hatte oder sich darüber freuen durfte, einen ungewöhnlichen Radiosender zu empfangen. Wer als Band ein Album aufnehmen wollte, musste Plattenfirmen ein Demo-Tape schicken. Die stapelten sich dann in den Büros irgendwelcher Manager - und die meisten davon wurden wahrscheinlich nie gehört.

teleschau: Klingt danach, als wäre es heute eher leichter, gute Musik zu bekommen oder mit ihr bekanntzuwerden?

Eggert: Nicht unbedingt. Wenn man damals einen Fuß in die Tür bekam, wenn die Leute bei der Plattenfirma auf dich standen, haben danach viele Menschen etwas für dich getan. Man konnte sich mehr aufs Musikmachen selbst konzentrieren. Heute kann jeder mit seinem Youtube-Kanal erfolgreich sein, aber es braucht ein gewisses unternehmerisches Geschick und Rampensau-Qualitäten, um erfolgreich zu sein. Damals musste man einfach nur entdeckt werden. Egal, wie schratig man war.

Eric Leimann

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