MyMz

Maximilian Brückner im Interview

Wettlauf mit dem Irrsinn der realen Welt

Noch härter, noch abgründiger: Ab Dienstag, 26. November, zeigt das BR-Fernsehen die neuen Folgen der zweiten "Hindafing"-Staffel. Hauptdarsteller Maximilian Brückner outet sich im Interview als Serien-Junkie und verrät, warum er zunächst arg mit der Provinzgroteske ziemlich haderte.

  • "Ich finde selbst, dass die zweite Staffel einen Zacken besser, schärfer und tiefer geworden ist", meint Maximilian Brückner über die neuen "Hindafing"-Folgen. Foto: BR/NEUESUPER GmbH/Arvid Uhlig
  • Plötzlich Serienfan: "Man muss einfach sehen, dass sich die Serie in den vergangenen Jahren, angetrieben auch durch Netflix, Sky und Amazon, unfassbar stark verändert hat", so Maximilian Brückner. Foto: Sebastian Widmann/Getty Images
  • "Diesen extremen Mut, Geschichten so zu erzählen, haben die Serien beflügelt", sagt Maximilian Brückner über die Radikalität moderner Produzenten. Foto: Hannes Magerstaedt/Getty Images
  • "Wir drehen mit 'Hindafing' im Vergleich ja eher eine Doku. Wenn man die Realität betrachtet, kann man das, was wir gedreht haben, ja fast nicht mehr als Satire bezeichnen", sagt Maximilian Brückner. Foto: Sebastian Widmann/Getty Images
  • "Was da draußen gerade in dieser Welt passiert, ist doch wirklich unfassbar", sagt Maximilian Brückner (Mitte) über die Radikalität der zweiten "Hindafing"-Staffel. Foto: Arvid Uhlig/Neue Super/BR
  • "Zischl kommt aus der Kreisliga. Und plötzlich muss er vielleicht noch nicht ganz in der Bundesliga, aber irgendwo dazwischen mitspielen", sagt Maximilian Brückner (rechts, mit Christian Hoening) über die neuen Folgen. Foto: Arvid Uhlig/Neue Super/BR

Abgründige Charakterköpfe zu spielen, damit ist Maximilian Brückner, der 30-jährige Absolvent der Otto-Falckenberg-Schule in München, noch nie schlecht gefahren. Seine Paraderolle, die ihn zum Theaterstar in seiner Heimatstadt München machte: der Boandlkramer in Kurt Wilhelms Stück "Der Brandner Kaspar und das ewig' Leben". Es ist ein volkstümliches Spiel, aber eben auch eines der letzten Dinge und nicht so ganz fern vom Horror. Als eine "Mischung aus Pumuckl, Marilyn Manson und Gollum aus 'Herr der Ringe" beschrieb Brückner seinen perfiden Boandlkramer einmal selbst. Auch sein Provinzdesport Alfons Zischl aus der ersten "Hindafing"-Staffel war mit den weit aufgerissenen Augen und dem Koks unter der Nase, wie Kinder einen Milch-Bart tragen, eine Mischung aus einer grotesken und einer sehr gefährlichen Figur. In der zweiten Staffel der BR-Erfolgsserie darf Maximilian Brückner noch tiefer schürfen. Er hat seinen Zischl, der es mittlerweile zum Landtagsabgeordneten in München gebracht hat, noch fieser, verdorbener, auf gut Bairisch: "hinterfotziger", aber gleichzeitig auch verletzlicher und streckenweise sogar bemitleidenswerter angelegt. Im BR-Fernsehen sind die neuen Folgen ab Dienstag, 26. November, um 20.15 Uhr, zu sehen.

teleschau: Herr Brückner, Gratulation zur zweiten "Hindafing"-Staffel. Die neuen Folgen kommen noch drastischer rüber - ist Ihnen das bewusst?

Maximilian Brückner: Ja. Ich sage das jetzt nicht nur, weil ich als Beteiligter natürlich parteiisch bin: Ich finde selbst, dass die zweite Staffel einen Zacken besser, schärfer und tiefer geworden ist.

teleschau: Vor einiger Zeit war noch zu hören, dass Sie sich nicht wirklich um eine Rolle in einer Serie gerissen hätten.

Maximilian Brückner: Stimmt. Eine Serienrolle hätte ich mir noch vor gar nicht so langer Zeit überhaupt nicht vorstellen können.

teleschau: Wie kam's zu Ihrem Umdenken?

Maximilian Brückner: Man muss einfach sehen, dass sich die Serie in den vergangenen Jahren, angetrieben auch durch Netflix, Sky und Amazon, unfassbar stark verändert hat. Ich will die gängigen Vorabendserien nicht schlecht machen. Die müssen, was den Zeit- und Geld-Aufwand angeht, mit ganz anderen Größen haushalten. Aber wenn mir so eine Produktion angeboten wurde, winkte ich dann doch lieber ab - auch wenn es immer wieder mal Ausnahmeerscheinungen gab. Es stimmen mir sicher viele zu, wenn ich sage: Noch vor wenigen Jahren hatte die Serie bei weitem nicht den Stellenwert, den sie heute hat.

teleschau: Was genau ist heute anders?

Maximilian Brückner: Die Leute haben mittlerweile gemerkt, welches Potenzial in einer Serie stecken kann. Mit ihr lässt sich ja eine ganze Welt aufbereiten. Plötzlich entwickeln sich aus Nebenrollen, von denen zuvor nur dreimal ganz kurz etwas zu sehen war, umfangreiche Handlungsstränge. Eine Serie ist ein Universum, das man erschafft - und das sich in alle Richtungen ausdehnen kann. Ich finde auch den Mut der Serienmacher beeindruckend. Oft hat man sich doch als Zuschauer gerade erst mit einer bestimmten Figur identifiziert - schon rollt plötzlich wie bei "Game of Thrones" ihr Kopf. Man bekommt einen Schock und drückt sofort den Schalter, um sich die nächste Folge anzusehen. Serien sind heutzutage sehr intelligent.

teleschau: Das hört sich aber mehr als nur nach der professionellen Sicht eines Schauspielers aufs Dramaturgische an. Sie wirken, als steckte in Ihren auch privat ein Serien-Junkie.

Maximilian Brückner: Natürlich. Bin ich. Mich fasziniert aber auch das Konzept dahinter.

teleschau: Wie meinen Sie das?

Maximilian Brückner: Etwa die Cliffhanger. Total spannend, finde ich. Ein Cliffhanger ist ja nichts anders als ein emotionales Loch, an dessen Abgrund ich den Zuschauer hinführe. Und mit dem Abgrund muss er irgendwie fertig werden. Diesen extremen Mut, Geschichten so zu erzählen, haben die Serien beflügelt. Beim Film ist das viel schwieriger, weil man da maximal 120 Minuten zur Verfügung hat. In dieses Zeitkorsett muss dann alles hineingepresst werden. Und so bleiben Nebenfiguren oft wirklich nur Nebenfiguren, die den Hauptfiguren irgendwie dienen müssen. Beim Serienerzählen haben sich viel mehr Möglichkeiten ergeben - und viel mehr Radikalität. Seitdem liebe ich Serien.

"Eine Radikalität, die ich früher immer bei den Österreichern beneidete"

teleschau: Aus Schauspielersicht: Wie viel reizvoller ist es denn, einen richtig schwierigen Charakter wie Ihren Alfons Zischl aus "Hindafing" zu spielen?

Maximilian Brückner: Über den Zischl habe ich mich natürlich sehr gefreut. Mich beeindruckt auch, dass der BR überhaupt so ein Thema zugelassen hat. Das betrifft ja auch die Art, wie wir filmen. Die Verantwortlichen hinter "Hindafing" arbeiten für eine sehr junge Produktionsfirma - und mit einem nicht mehr ganz so jungen Hauptdarsteller. Sie stehen für eine Radikalität, die ich früher immer bei den Österreichern beneidete.

teleschau: Sie spielen etwa auf die Serien "Braunschlag" oder "Altes Geld" von David Schalko an?

Maximilian Brückner: Unter anderem. Allerdings gab's auch viel früher schon sehr krasse Sachen aus Österreich. Nehmen Sie die "Piefke-Saga". Oder die "Kottan ermittelt"-Krimis. Schräg und vor allem gnadenlos! So lange habe ich mich gefragt: Warum kriegen wir so etwas eigentlich nicht hin? Mit der "Hindafing"-Produktionsfirma Neuen Super ging das plötzlich. Da stecken eben auch Leute wie der Produzent Rafael Parente dahinter, die beruflich mit Netflix groß geworden sind.

teleschau: Eines der Hauptmerkmale der modernen Serie, ist die Beobachtung, dass man mit dem Grundvertrauen in den Hauptprotagonisten als Zuschauer lieber vorsichtig sein sollte. Mit seinen vielen dunklen Seiten ist Zischl ja schon ein Musterbeispiel für diesen neuen gebrochenen Typ.

Maximilian Brückner: Bei ihm fragt man sich schon immer wieder: Wie weit kann man den Bogen überspannen? Die Kunst bei Zischl ist eine Gratwanderung. Wie weit sind die Zuschauer bereit, bei ihm mitzugehen? Aber das kennt man ja auch etwa aus "House of Cards". Dort hat man es mit abgrundtief bösen, widerlichen Menschen zu tun. Und trotzdem fiebert man mit, ob und wie sie nach oben kommen. Völlig idiotisch eigentlich! Es gibt eine Faszination des Abgründigen. "Hindafing" ist richtig scharf und hart - aber halt auch Satire. Der Humor ist immer noch die Maske, die wir uns überstülpen. Mir war schon wichtig, dass man Zischl in den neuen Folgen genau beobachten kann und trotzdem nicht weiß, in welche Richtung er abdriften wird. Die neue Macht, die er erhalten hat, macht etwas mit einem Menschen.

teleschau: Parallelen zur realen, überdrehten Politikerwelt drängen sich geradezu auf.

Maximilian Brückner: Oft dachte ich mir zunächst, dass wir mit unseren Stoffen vielleicht ja doch ziemlich weit gehen. Aber dann schaut man sich die politische Landschaft an und denkt sich: Wir drehen mit "Hindafing" im Vergleich ja eher eine Doku. Wenn man die Realität betrachtet, kann man das, was wir gedreht haben, ja fast nicht mehr als Satire bezeichnen.

teleschau: Sie konkurrieren stark mit dem Irrsinn der Welt - mit immer neuen Schlagzeilen rund um leider sehr reale Polit-Clowns.

Maximilian Brückner: Was da draußen gerade in dieser Welt passiert, ist doch wirklich unfassbar. Man merkt immer stärker, dass das Geschehen leider nicht mehr komisch ist. Allerdings muss man auch sagen: Reale Politiker liefern uns leider halt auch mehr als genügend Material.

teleschau: Alfons Zischl kriegt in "Hindafing 2" eine deutlich größere Bühne - als Landtagsabgeordneter in München.

Maximilian Brückner: Es weht jetzt ein anderer Wind - in der Stadt. Mir war immer wichtig, dass wir nicht in Hindafing bleiben. Ich war schon bei der ersten Staffel nicht ganz glücklich mit der Situierung. Ich wollte keine Serie über einen Bürgermeister in einem Dorf erzählen. Mir schwebte schon mehr vor. Und einschränken lassen wollte ich mich nicht. Mittlerweile ist "Hindafing" aber fast schon ein stehender Begriff für Chaos geworden. Insofern passt's.

teleschau: Die zweite Staffel spielt ja auch gar nicht mehr viel im fiktiven Hindafing.

Maximilian Brückner: Eigentlich so gut wie gar nicht mehr. Der Name hat sich aber bei den Leuten eingebrannt. Und mittlerweile mag ich ihn auch. Der Irrsinn im Kleinen gleicht ja auch dem im Großen.

teleschau: Auf dem politischen Parkett der Landeshauptstadt muss sich Zischl mit seinem Fraktionsvorsitzenden und weiteren intriganten Kollegen herumschlagen. Zu einem Gespräch mit der Ministerpräsidentin kommt es erst gar nicht. Er ist in der Hauptstadt zunächst einmal ein kleineres Würstel, oder?

Maximilian Brückner: Zischl kommt aus der Kreisliga. Und plötzlich muss er vielleicht noch nicht ganz in der Bundesliga, aber irgendwo dazwischen mitspielen. Das überfordert ihn total. Er stolpert ja oft in Sachen rein. Die rasche Wandlung bleibt ein Wesenszug seines Charakters. Man weiß einfach lange nicht, was mit ihm passiert. Und das gefällt mir gut. Aus meiner Sicht kann man den Klamauk und die ganzen Überspitzungen - wenn heutzutage überhaupt noch Überspitzungen möglich sind - durchaus machen. Aber die Figuren müssen für mich immer Tiefe haben. Am Schluss kriegt der Zischl - wie auch die Zuschauer einen Schlag in die Magengrube.

Rupert Sommer

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht