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Psychologie

Wie kann man es allen recht machen?

Unser Experte, Diplom-Psychologe Sebastian Sonntag, macht sich diese Woche Gedanken über die eigene Entscheidungsgewalt.
Von Sebastian Sonntag

Bei den „Fridays for Future“ demonstrieren mittlerweile Schüler auf der ganzen Welt für mehr Klimaschutz. Foto: Klaus-Dietmar Gabbert
Bei den „Fridays for Future“ demonstrieren mittlerweile Schüler auf der ganzen Welt für mehr Klimaschutz. Foto: Klaus-Dietmar Gabbert

Regensburg.Sie sind zur Zeit, wenn schon nicht in aller, so doch in vieler Munde: Die Schülerinnen und Schüler, die unter dem Schlagwort „Fridays for future“ Woche für Woche auf die Straßen gehen, um für etwas zu demonstrieren, was diese jungen Menschen am nachhaltigsten betrifft: die Sorge um die Rettung und Erhaltung einer zukünftigen lebenswerten und schützenswerten Welt.

Sie haben in jedem Fall eine heftige Bewegung ausgelöst, die nicht nur die Öffentlichkeit, sondern auch die innersten privaten Bereiche in den Familien erfasst hat. Von allen Seiten werden Kommentare und Bewertungen über Recht und Rechtmäßigkeit dieser Aktionen abgegeben. Ist es erlaubt und darf man so etwas einfach tolerieren oder gar genehmigen, dass Schüler unerlaubt und ungestraft Schulstunden schwänzen?

Im Grunde geht es um eine Art der Güterabwägung

Von betroffenen Eltern, über Lehrer und Lehrerverbände, Kultusbeamte bis hin zu Personen des öffentlichen und kulturellen Lebens sucht jeder nach möglichst überzeugenden Argumenten für seine Beurteilung. Auch eine politisch nicht unbedeutende Persönlichkeit wie die CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer bringt sich öffentlich mit ihrer Meinung ein: Sie würde ihren Kindern die Teilnahme nicht erlauben. Wie immer man dazu stehen mag, was nun richtig oder falsch, berechtigt oder Unrecht ist und welche unterschiedlichen Motive hinter den Engagements der jungen Menschen stehen, Tatsache ist, dass man von diesen Jugendlichen nicht behaupten kann, dass sie nur im Sinn hätten, was sie in ihrer Jugendsprache mit „chillen“ meinen. Also gleichgültig und egoistisch nur auf Vermeidung von Anstrengung und Herausforderungen zu schauen und sich nicht um höhere Belange zu kümmern.

„Wie immer man dazu stehen mag, was nun richtig oder falsch ist, Tatsache ist, dass man von diesen Jugendlichen nicht behaupten kann, dass sie nur im Sinn hätten, was sie in ihrer Jugendsprache mit „chillen“ meinen.“

Sebastian Sonntag, Diplom-Psychologe

Im Grunde geht es wie in vielen philosophischen Fragen, die mit Ethik, Moral und Entscheidungssituationen zu tun haben, um eine Art der Güterabwägung. Welche Werte dürfen notfalls auf Kosten von anderen Werten durchgesetzt und gerechtfertigt werden?

Viele solcher schwierigen moralischen Entscheidungsfragen ziehen sich durch die Geschichte der Menschheit. Ich möchte hier aber nicht in die Diskussion eingreifen, inwiefern der Schulunterricht mit seinem vorgeschriebenen Lehrplan und seinem Bildungsauftrag solche jugendlichen Spontan-Aktionen verkraften und auffangen kann oder ob er darunter schweren unwiederbringlichen Schaden erleidet. Oder inwiefern sozialer Ungehorsam eine moralische Untat oder ein Ausdruck von erwachsener Persönlichkeitsbildung ist.

Das tun, was man für richtig hält

Ich denke hier eher ganz pragmatisch und praktisch an die Situation dieser jungen Menschen, die angesichts einer so unterschiedlichen und oft gegensätzlichen Meinungsvielfalt sich für ein ganz konkretes Handeln entscheiden müssen. Ihnen empfehle ich, sich eventuell an der folgenden Geschichte zu orientieren.

Ein Vater zog mit seinem Sohn und einem Esel in der Mittagshitze durch die staubigen Gassen. Der Sohn führte und der Vater saß auf dem Esel. „Der arme kleine Junge“, sagte ein vorbeigehender Mann. „Seine kurzen Beine versuchen, mit dem Tempo des Esels Schritt zu halten. Wie kann man nur so faul auf dem Esel sitzen, wenn man sieht, dass das Kind sich müde läuft?“ Der Vater nahm sich dies zu Herzen, stieg hinter der nächsten Ecke ab und ließ den Jungen aufsitzen. Es dauerte nicht lange, da erhob schon wieder ein Vorübergehender seine Stimme: „So eine Unverschämtheit! Sitzt doch der kleine Bengel wie ein König auf dem Esel, während sein armer, alter Vater nebenherläuft.“ Dies tat nun dem Jungen leid und er bat seinen Vater, sich mit ihm auf den Esel zu setzen. „Ja, gibt es sowas?“, sagte eine alte Frau. „So eine Tierquälerei! Dem armen Esel hängt der Rücken durch und der junge und der alte Nichtsnutz ruhen sich auf ihm aus. Der arme Esel!“ Vater und Sohn sahen sich an, stiegen beide vom Esel herunter und gingen neben dem Esel her. Dann begegnete ihnen ein Mann, der sich über sie lustig machte: „Wie kann man bloß so dumm sein? Wofür hat man einen Esel, wenn er einen nicht tragen kann?“ Der Vater gab dem Esel zu trinken und legte dann die Hand auf die Schulter seines Sohnes. „Egal, was wir machen“, sagte er, „es gibt immer jemanden, der damit nicht einverstanden ist. Ab jetzt tun wir das, was wir selber für richtig halten!“ Der Sohn nickte zustimmend.

Vielleicht wäre es hilfreich, wenn die demonstrierenden Schüler bei Konfrontation mit Passanten, die ihnen ihre Meinung und Ratschläge aufdrängen wollten, diesen eine Kopie dieser Geschichte in die Hand drücken. Mit Gelassenheit und Humor kann man vielleicht den einen oder anderen sogar zum Nachdenken bringen.

Der Text ist eine Leseprobe aus der Sonntagszeitung, die die Mittelbayerische exklusiv für ePaper-Kunden auf den Markt gebracht hat. Ein Angebot für ein Testabo der Sonntagszeitung finden Sie in unserem Aboshop.

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