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Psychologie

Brauchen wir noch mehr Licht?

Unser Experte, Diplom-Psychologe Sebastian Sonntag, macht sich Gedanken über den Wandel von Ritualen.
Von Sebastian Sonntag

Was einmal als stille und schlichte Lichtsymbolik gedacht war, scheint zunehmend aus dem Ufer zu geraten. Foto: DRasa
Was einmal als stille und schlichte Lichtsymbolik gedacht war, scheint zunehmend aus dem Ufer zu geraten. Foto: DRasa

Regensburg.Mehr Licht!“ – das waren angeblich die allerletzten Worte des aus dem Leben scheidenden Dichterfürsten Johann Wolfgang v. Goethe. Ob er diese Worte heute noch einmal als Appell so wiederholen würde, angesichts einer Lichtinflation an angeblich weihnachtlicher Dekoration in unseren öffentlichen Räumen, wage ich zu bezweifeln.

Und wahrlich, mehr Licht brauchen wir wirklich nicht mehr, um unsere Straßen und Häuser als weihnachtliche Wegbegleiter zur Wirkung zu bringen. Was einmal als stille und schlichte Lichtsymbolik gedacht war, scheint zunehmend aus dem Ufer zu geraten. Wo Rituale den Boden verlieren, aus dem sie eigentlich wurzeln, werden Symbole und Zeichen oft zu oberflächlichen Handlungen und inhaltsleeren Verhaltensweisen. Die Adventszeit gilt in christlichen Kreisen als Vorbereitung auf das Weihnachtsfest, die Feier der Geburt Christi. Für gläubige Christen bedeutet das im wahrsten Sinne des Wortes: Es kommt Licht in die Welt, es kommt die bestärkende Hoffnung in die dunkle Welt, aus ihr letztendlich herauszufinden.

Der Mensch ist nicht für die Dunkelheit geboren

Für unsere Vorfahren war es nur verständlich, dass sie diese Erfahrungen und Sehnsüchte auch in Ritualen und Symbolen wirklich sinnenhaft ausdrücken wollten. Das natürliche Dunkel dieser winterlichen Jahreszeit war für sie ausdrucksstark genug, um diese Sehnsucht nach Licht ganz selbstverständlich in sich zu spüren. Der Mensch ist nicht für die Dunkelheit geboren und besitzt auch nicht wie manche Kreatur die dafür erforderlichen Fähigkeiten und Voraussetzungen, um sich darin problemlos und vertraut zu bewegen. Daher ist ihm nichts lieber, als möglichst bald aus dem für ihn unangenehmen bis bedrohlichen Zustand herauszufinden.

„Die Fähigkeit, Dinge als nun einmal unvermeidlich hinzunehmen und sich damit abzufinden, benötigen wir modernen Menschen immer weniger. Wir können uns fast alles und zu jeder Zeit leisten und ermöglichen.“

Sebastian Sonntag, Diplom-Psychologe

Für wen eben nicht so leicht und in Fülle Material für Beleuchtung zu haben war, wie unseren Vorfahren, dem blieb nichts anderes übrig, als sich in sein Schicksal zu fügen und die Zeit der Dunkelheit durchzustehen. Umso wertvoller und bereichernder waren für sie eben die kleinen Lichter oder Kerzen, die ein wenig die Finsternis erhellen und eine Ahnung vermitteln konnten von dem großen Licht, auf das sie warteten und hofften.

Diese Fähigkeit, Dinge als nun einmal unvermeidlich hinzunehmen und sich damit abzufinden, benötigen wir modernen Menschen immer weniger. Wir können uns fast alles und zu jeder Zeit leisten und ermöglichen. Wer unbedingt im Sommer skifahren möchte, wer in den Wintermonaten Erdbeeren genießen oder einfach statt Kälte pure Sonnentage erleben möchte, dem ist alles möglich. Wir müssen Dunkelheit nicht ertragen oder durchstehen. Wir können die Nacht zum Tag machen, wenn uns danach ist. Nicht umsonst spricht man heute zu Recht von der Gefahr der globalen Lichtverschmutzung.

Keine zart leuchtenden Lichterketten, sondern Fassaden-Lichter-Orgien

Damit einher geht eine weitere Entwicklung und Veränderung. Wir sind auch in der Gefahr, das rechte Maß zu verlieren, in die Maßlosigkeit abzurutschen. Am Beispiel der unwahrscheinlichen Lichtgestaltungen in Privathäusern und öffentlichen Räumen lässt sich dieses fehlende Empfinden für symbolische und maßvolle Illuminierung nur zu deutlich beobachten. Nicht einzelne zart leuchtende Lichterketten in den Fenstern, sondern ganze Fassaden-Lichter-Orgien, blinkende Rentiergespanne samt Kutschen und Nikoläusen, strahlende Balkon- oder Dach-erkletternde Weihnachtsmänner, es gibt nichts, was man nicht noch mehr erhellen könnte.

Immer wieder wird von der Adventszeit gesprochen von einer Zeit, in der man wieder mehr zur Besinnung und zur Stille finden sollte. Nicht nur Karl Valentin hat mit seinem oft zitierten Spruch die Absurdität dieser Wunschvorstellung deutlich gemacht: „Wenn die stade Zeit vorüber ist, dann kann es wieder etwas ruhiger werden!“ Die grundsätzliche Aufforderung zum Innehalten gilt trotzdem, auch in anderer Weise. Wir brauchen immer wieder Zeiten, in denen wir wach gerüttelt werden. Wie leben wir eigentlich? Was bestimmt unser Leben täglich und besonders prägend? Auch was unsere Fähigkeit anbelangt, mit dunklen Zeiten und Wegstrecken umzugehen. Sowohl innerlich wie auch im ganz konkreten Umgang mit der Gestaltung unserer Umwelt. An den kleinen Kindern können wir dazu etwas lernen. Mit welcher Intensität und Aufmerksamkeit schauen sie auf eine einzelne Kerzenflamme, auf diese Veränderung der Stimmung, wenn aus dem Dunkel im Zimmer plötzlich etwas auftaucht, was die ganze Aufmerksamkeit auf sich zieht. An ihnen erleben wir ein ganz natürliches Gefühl für das Schlichte, das Maßvolle und Angemessene. Vielleicht findet jeder auch für sich so einen Moment der stillen Betrachtung und Achtsamkeit.

Der Text ist eine Leseprobe aus der Sonntagszeitung, die die Mittelbayerische exklusiv für ePaper-Kunden auf den Markt gebracht hat. Ein Angebot für ein Testabo der Sonntagszeitung finden Sie in unserem Aboshop.

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