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Psychologie

Die besondere Ruhe des Sonntags

Unser Experte, Diplom-Psychologe Sebastian Sonntag, macht sich diese Woche Gedanken über Ruhezeiten zum Lebens.
Von Sebastian Sonntag

Regensburg.Darf man am Sonntag Semmeln verkaufen? Oder, anders gesagt, wie es eine bestimmte Zeitschrift formuliert: „Wann ist eine Sonntags-Semmel nur eine Semmel – und wann ist sie illegal?“ So mancher hat zumindest am Rande die Debatten und Urteile zu dieser Frage in den Medien mitbekommen. In bekannter Manier haben Juristen hier spitzfindig Lösungen gefunden. Wer möchte, kann sich ja darüber ausführlich in einschlägigen Berichten informieren. Mit etwas Humor lassen sich die juristischen Verklausulierungen sogar als Sonntags-Lektüre verwenden, vielleicht sogar, während man eine dieser Sonntags-Semmeln kaut.

Die Diskussionen um „offene Sonntage“

In einer aktuellen Rundfunkdiskussion wurde diese eng begrenzte Frage allerdings erweitert auf ein grundsätzliches Thema: Welche Folgen und Auswirkungen hat es, wenn die Sonntagsarbeit mehr und mehr sich ausweitet? Für ernsthafte und grundlegende Antworten auf diese Fragen reichen allerdings meiner Meinung nach juristische Spitzfindigkeiten allein nicht mehr aus. Es geht nicht nur darum, was Recht und Gesetz erlauben oder verbieten. Es geht um mehr. Es geht letztlich auch darum, was unseren Lebensalltag und damit unser Leben ausmacht. Die Diskussionen um Sonntagsarbeit, Ladenschlusszeiten und sogenannte „offene Sonntage“ blühen ja immer wieder einmal auf. Sei es vonseiten bestimmter Berufsverbände oder Gewerkschaften, oder auch von kirchlicher Seite. Wenn man sich bewusst macht, dass mit dieser Frage immer ganz konkrete Menschen und deren Lebensalltag verbunden sind, dann kommt man nicht umhin, ernsthafter darüber nachzudenken.

Es geht nicht nur darum, was Recht und Gesetz erlauben oder verbieten. Es geht um mehr. Es geht letztlich auch darum, was unseren Lebensalltag und damit unser Leben ausmacht.

Sebastian Sonntag, Diplom-Psychologe

Befürworter von liberaleren und freizügigeren Lösungen sprechen von der Freiheit und Eigenständigkeit jedes Menschen, dem möglichst wenig an Verordnungen und Verboten in den Weg gelegt werden sollte. Andere sehen die Gefahr, dass durch die Ausweitung der Arbeitszeiten über die Werktags-Woche hinaus viele Menschen immer weniger an gemeinsamer Zeit für Kinder und Familie, für Partnerschaft und Freizeiterleben finden würden. Was schon durch die Veränderungen des Alltagslebens mit zwei berufstätigen Eltern an gemeinsamer Familienzeit oft zerstückelt und reduziert wird, könnte noch mehr verringert werden.

Die Argumente für oder gegen diese Ausweitungen der Arbeitswelt sind genügend diskutiert und ausführlich begründet und gerechtfertigt worden. Mir zeigen diese Überlegungen und Diskussionen vor allem, dass es in dieser Frage zumindest um zwei sehr grundlegende Wertfragen geht. Das eine ist: Müssen wir Menschen eigentlich immer alles und zu jeder Zeit ohne Einschränkungen zur Verfügung haben? Sicher, ich habe auch nicht ungern ab und zu am Sonntag frische Semmeln, direkt aus dem Bäckerladen. Und so geht es ja nicht nur mit den Semmeln. Wir wollen auch in der Winterzeit nicht auf die frischen Erdbeeren oder Südfrüchte verzichten, oder im Sommer genauso unserer Lust auf den Wintersport weiter frönen, dann eben in den Gletscherregionen. Und wenn wir in unseren Wintermonaten in unserer Gegend nicht sonnenbaden können, dann fliegen wir eben dorthin, wo es immer möglich ist. Ist ja nicht schlimm. Und es liegt mir fern, hier moralinsauer ein Spaßverderber zu sein.

Aber für mich bleibt die Frage, wie verändert sich unser gesamtes Bewusstsein auch in anderen Lebensbereichen, in denen wir nicht in dieser Selbstverständlichkeit alles verfügbar haben. Wie verändern sich unsere Fähigkeiten, verzichten zu können, warten zu können, Frustrationen auszuhalten? Unser Bewusstsein wird unmerklich im Laufe von Jahren verändert durch scheinbar absolut sichere Gewohnheiten und Bedürfniserfüllung.

Klare Abgrenzungen von Arbeitswelt und Ruhephasen

Die andere Frage ist: Was braucht unsere Gesellschaft, unser Leben eigentlich gerade in unserer Zeit nötiger? Brauchen wir mehr Vollzeit- und Rundumversorgung und 24-Stunden-Einkaufs-möglichkeiten, bei denen wir keinerlei Rücksicht und Aufmerksamkeit benötigen, um gewisse Zeiten und Phasen im Blick und Gedächtnis zu behalten? Oder brauchen wir nicht viel mehr wieder klare Abgrenzungen von Arbeitswelt und Ruhephasen?

Es ist zu naiv, zu glauben, dass der Einzelne das für sich selber ja zur Genüge planen und sichern kann. In einer Umgebung, in der alles wie an jedem Tag voller Unruhe und Geschäftigkeit ist, ist der Raum für den Einzelnen, für die eigene Familie nicht so gesichert und frei von Einflüssen. Nicht erst die zunehmenden Fälle von Burn-out-Symptomatik, von Kindern mit Verhaltensdefiziten rufen danach, wir können unser Leben wieder mehr in diesen lebensnotwendigen Wechsel von Arbeit und Ruhe, von Anspannung und Entlastung bringen. Nicht nur für den Einzelnen, sondern auch für unser öffentliches Leben.

In diesem Sinne: Ich wünsche einen geruhsamen Sonntag!

Der Text ist eine Leseprobe aus der Sonntagszeitung, die die Mittelbayerische exklusiv für ePaper-Kunden auf den Markt gebracht hat. Ein Angebot für ein Testabo der Sonntagszeitung finden Sie in unserem Aboshop.

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