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Psychologie

Für Neues ist es nie zu spät...

Unser Experte, Diplom-Psychologe Sebastian Sonntag, macht sich diese Woche Gedanken über (fast) unbegrenzte Möglichkeiten.
Von Sebastian Sonntag

Lernen und die Lust auf Entdecken hat nichts mit dem Alter zu tun. Foto: shevchukandrey
Lernen und die Lust auf Entdecken hat nichts mit dem Alter zu tun. Foto: shevchukandrey

Regensburg.Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr!“ Ein nicht ganz unbekannter Weisheits-Spruch, der vielleicht gut gemeint zur Motivation und Ansporn für kindlichen Fleiß und Ehrgeiz dienen sollte, jedoch für ältere Menschen ganz schön demotivierend sein könnte. Welchen Sinn macht es, wenn die Chance, Neues und Ungewohntes zu lernen, ab einem bestimmten Alter vorbei ist, sich noch um Weiterbildung zu bemühen? Bedeutet das, dass es mit jedem weiteren Lebensalter zuverlässig bergab geht, nicht nur, was die Gesundheit und Fitness anbelangt, sondern auch was die geistige Potenz anbetrifft?

Wie dankbar und erleichtert schauen wir da auf die Erkenntnisse der modernen Hirnforschung, die in den letzten Jahren zunehmend an Bedeutung und Aufmerksamkeit gewinnt. Der bekannte Neurobiologe und Hirnforscher Gerald Hüther macht uns da ganz andere Hoffnung und Bestärkung, was die Funktions- und Entwicklungsfähigkeiten der Hirnleistungen auch im fortgeschrittenen Alter anbetrifft. Mit Humor, aber auch mit ernsthaftem wissenschaftlichem Hintergrund beteuert er: „Ein 80-jähriger Mann wird spielend noch in seinem Alter die chinesische Sprache erlernen, wenn er sich in eine attraktive 75-jährige Chinesin unsterblich verlieben würde.“ Allgemein ausgedrückt, ist er der Überzeugung, „…dass das Allerwichtigste, das ein Mensch besitzt und das die Voraussetzung ist, dass er viel lernt und sich später im Leben zurechtfindet, die angeborene Lust am Entdecken und am gemeinsamen Gestalten ist“.

Mit Begeisterung, Freude und Neugier etwas Neues entdecken

Auch der von Rundfunk und Fernsehen bekannte Buchautor Werner Tiki Küstenmacher bestätigt diese mutmachenden Erkenntnisse. In seinem Buch „Limbi – Der Weg zum Glück führt durchs Gehirn“ erklärt er etwas vereinfacht und in alltagstauglicher Sprache, wie bedeutend für unsere Lernfähigkeit ein bestimmtes Areal in unserem Gehirn ist: Das sogenannte „Limbische System“. Diese Gehirnregion hat überwiegend zu tun mit unseren emotionalen und spontanen Reaktionen und Verhaltensweisen. Kurz und prägnant gesagt, bedeutet es: „Wer mit Begeisterung, Lust, Neugierde und Freude etwas lernen möchte, aktiviert vor allem diese Gehirnfunktion und hat die besten Chancen, wirklich Neues zu lernen und sein Wissen spielend zu erweitern. Und das in jeder Altersstufe.“

„Das Allerwichtigste, das ein Mensch besitzt und das die Voraussetzung ist, dass er viel lernt und sich später im Leben zurechtfindet, ist die angeborene Lust am Entdecken.“

Sebastian Sonntag, Diplom-Psychologe

Welche wirklich realen Auswirkungen diese Tatsache im Leben von ganz konkreten und auch sehr bekannten Menschen hat, beschreibt Dietmar Grieser in seinem Buch „Es ist nie zu spät – Ihr zweites Leben von Charlie Chaplin bis Karlheinz Böhm.“ Der Autor hatte sich aufgemacht, um sozusagen dem „Glück der Spätberufenen“ nachzuforschen. Er selbst bezeichnet sich als bestes Beispiel, denn auch er hat als aktiver Bücherschreiber bereits die 75-Jahre-Altersgrenze überschritten. Gefunden hatte er zum Beispiel die amerikanische Dienstmagd Anna Mary Robertson, die mit 75 Jahren mit ihren Ölbildern über ihr Heimatdorf urplötzlich unter dem Künstlernamen „Grandma Moses“ zur Weltmeisterin der naiven Malerei“ aufsteigt. Oder die Bäuerin Anna Wimschneider, die als bereits 66-Jährige mit ihrem Roman „Herbstmilch“ sämtliche Bestsellerlisten im deutschsprachigen Raum erklommen hat. Und das berühmte „Köchel-Verzeichnis“, das wertvolle Werkverzeichnis der Kompositionen von Wolfgang Amadeus Mozart, ist die Fleißarbeit eines pensionierten Staatsbeamten aus Krems. Der Wiener Bürgermeister Theodor Körner ist gar schon 78 Jahre, als er zum Bundespräsidenten der Republik Österreich gewählt wird. Auch im privaten Bereich geraten so manche berühmte Persönlichkeiten zu erstaunlichen Ausbrüchen später Jugendlichkeit. So lernt Bernhard Shaw erst mit 68 Jahren das Tanzen, Charlie Chaplin wird mit 73 Vater und Pablo Casals tritt mit 80 vor den Traualtar.

Mit Interesse und offenen Augen die Welt betrachten

Vielleicht ist es angesichts von solch aufmunternden Beispielen angesagt, sich anstelle des Eingangszitates über den Hans, der leider als Hänschen sich zu wenig um seine geistige und intellektuelle Ausbildung gesorgt hat, sich ein anderes Zitat zu Herzen zu führen. Es ist nur zu bekannt und bedauerlicherweise auch etwas ausgelaugt durch zu häufiges Zitieren. Aus dem bekannten Gedicht „Stufen“ von Herrmann Hesse stammt nicht nur das Wort: „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“, sondern auch die weiterführenden Zeilen: „Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten, an keinem wie an einer Heimat hängen…es wird vielleicht auch noch die Todesstunde uns neuen Räumen jung entgegen senden, des Lebens Ruf an uns wird niemals enden…“

Wir müssen nicht unbedingt an unsere Todesstunde denken, um uns Mut, Freude und Neugier zu erhalten, immer wieder Neues zu wagen, auf unsere geistige Beweglichkeit zu vertrauen und mit Interesse und offenen Augen die Welt zu betrachten und bewusst wahrzunehmen.

Etwas verschmitzt gesagt: Wer hier gerade die Sonntagszeitung liest, dem darf ich bestätigen, er tut schon etwas in dieser Richtung.

Der Text ist eine Leseprobe aus der Sonntagszeitung, die die Mittelbayerische exklusiv für ePaper-Kunden auf den Markt gebracht hat. Ein Angebot für ein Testabo der Sonntagszeitung finden Sie in unserem Aboshop.

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