MyMz

Psychologie

Mut zum Einfachen haben

Unser Experte, Diplom-Psychologe Sebastian Sonntag, macht sich Gedanken über die kleinen alltäglichen Auflade-Situationen.
Von Sebastian Sonntag

Für so manche klingt das Wort „Paartherapie“ nach großangelegtem Durchpflügen aller Bereiche ihrer Partnerschaft. Das muss es gar nicht sein. Foto: Photographee.eu
Für so manche klingt das Wort „Paartherapie“ nach großangelegtem Durchpflügen aller Bereiche ihrer Partnerschaft. Das muss es gar nicht sein. Foto: Photographee.eu

Regensburg.Wir wissen selber nicht, wie es so gekommen ist, dass wir uns eigentlich nichts mehr zu sagen haben. Das Gefühl, das uns einmal verbunden hat, ist schon lange verschwunden! Zärtlichkeiten oder überhaupt das Bedürfnis nach körperlicher Nähe gibt es schon lange nicht mehr!“ Worte, die man leider immer wieder so oder ähnlich in einer ersten Paarsitzung zu hören bekommt. Es klingt, als ob alles am Ende wäre. Wie verbrannte Erde. Auf der nichts mehr gedeihen oder wieder neu wachsen kann. Obwohl eigentlich nichts Gravierendes, kein großartiger Streit oder ein Seitensprung als Ursache gesehen wird.

Eher eine Paarbegleitung als eine Paartherapie

Das Erste, was diesen Paaren gesagt werden darf, ist, dass sie diese traurigen und entmutigenden Erfahrungen leider mit vielen anderen Paaren verbindet. Aber: Der Unterschied zu vielen anderen in ähnlichen Situationen ist, dass sie sich jetzt entschlossen haben, trotz aller Zweifel und Bedenken, eine Paartherapie zu beginnen. Das ist ein wichtiger Unterschied. Und dies anzusprechen, ist für mich wirklich als eine ehrliche Anerkennung gemeint. „Sie versuchen es noch einmal. Es ist ihnen wichtig, alles zu unternehmen, um vielleicht doch eine gemeinsame Geschichte zu retten. Sie geben ihrer Beziehung damit einen Wert. Das ist ein wichtiges Potenzial!“

„Sie geben ihrer Beziehung damit einen Wert.“

Sebastian Sonntag, Diplom-Psychologe

Lieber nenne ich es eine „Paarbegleitung“. Denn für so manche klingt das Wort „Paartherapie“ nach großangelegtem Durchpflügen aller Bereiche ihrer Partnerschaft. Nach monatelangen wöchentlichen Sitzungen und Terminen. Alles muss sozusagen durchforstet und durchleuchtet werden und aus dem Dunkel oder den schamhaften Ecken geliftet werden. Das kann eher abschrecken vor einem ersten Schritt. Aber die Realität vieler Paarbegleitungen kann eher erstaunlich schonend und gar nicht so sehr aufdeckend und tiefschürfend sein. Sicher gibt es Paarkonstellationen, die aufgrund schwieriger Persönlichkeiten und Persönlichkeitsstörungen zu massiven Krisen geführt haben und daher wirklich einer tiefergreifenden und intensiveren therapeutischen Begleitung bedürfen.

Aber in so vielen Fällen geht es um das, was man den Ehe-Alltag nennt. Jeder weiß, wie sich Partnerschaften zum Beispiel ändern können, wenn sie zu Familiensystemen werden durch die Geburt und das Aufziehen von Kindern. So vieles verändert sich. Die Zeit, die man so gerne für sich selbst oder den Partner hätte, die Aufmerksamkeit füreinander, die Freizeitaktivitäten, der Kontakt zu Freunden und Kumpeln, die Belastbarkeit in Stresssituationen und so weiter. Wem soll man hier einen Vorwurf machen, dass so manches verloren geht? Den Kindern, dem Partner, den eigenen Entscheidungen zum Kinderwunsch?

Verhalten lässt sich ändern. Den Menschen ändert man weniger

Mit der Antwort auf diese Frage kann schon etwas beginnen: kein Vorwurf an den anderen. Eher sachliche und nüchterne Rückschau und Beurteilung der letzten Jahre. Gemeinsam! Fast wie zwei Chronisten, die einfach die historischen Tatsachen festhalten wollen. Vielleicht auch ein bisschen gemeinsame Wehmut. Schade! Wir haben zu wenig auf die täglichen Veränderungen und Verluste an Nähe und Bedürfnisse geschaut. Wie oft haben wir uns eigentlich in die Augen geschaut, den anderen wieder bewusster wahrgenommen? Wie oft hätten wir uns etwas Nettes sagen können? Uns gegenseitig bestätigen, was doch jeder für die Familie leistet?

Ja, es braucht schon auch Mut, dass man sich diesen ganz schlichten, einfachen Dingen zuwendet. Zu schnell wird oft verächtlich abgewunken, wenn man Paare auf die Bedeutung von einfachem, ehrlichem Lob als wichtiges Bindungs- und Beziehungsmittel hinweist. Die Voraussetzung dafür ist, dass man wieder aufmerksamer, achtsamer wird, seine Wahrnehmung schult. Viele sind der Meinung, warum soll ich etwas am anderen loben, was doch selbstverständlich ist. Was seine Aufgabe ist und was ich doch genauso mache. Denen möchte ich die Erfahrung gegenüberstellen, dass sich Paare, die eine gute, freud- und lustvolle Beziehung leben, dadurch auszeichnen, dass sie sich täglich viele solcher positiven, anerkennenden und dankbaren Zeichen und Gesten schenken. Wichtig ist, dass unter den Partnern nicht zu viele und zu verletzende Streitsituationen waren. Dass die gegenseitige Achtung und Wertschätzung nicht ganz verloren gegangen ist. Zum Beispiel eben, weil man das Bemühen des anderen sieht. Wenn es auch nicht immer erfolgreich war. Dass man grundsätzlich den anderen nicht für einen schlechten oder bösartigen Menschen hält. Dass man eher irgendwelches Verhalten kritisiert, nicht aber den Menschen an sich. Verhalten lässt sich ändern. Den Menschen ändert man weniger.

Und um noch so ein einfaches Rezept zu bringen: Mut und Vertrauen, Übung macht den Meister.

Der Text ist eine Leseprobe aus der Sonntagszeitung, die die Mittelbayerische exklusiv für ePaper-Kunden auf den Markt gebracht hat. Ein Angebot für ein Testabo der Sonntagszeitung finden Sie in unserem Aboshop.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht