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Psychologie

So wichtig ist das Zuhören

Unser Experte, Diplom-Psychologe Sebastian Sonntag, macht sich diese Woche Gedanken über eine so wirksame Fähigkeit.
Von Sebastian Sonntag

Oftmals sind wir beim Zuhören meist schon innerlich auf der Suche nach den ersten Worten in einer Art innerem Aufbau einer Gegenargumentation. Foto: Ty
Oftmals sind wir beim Zuhören meist schon innerlich auf der Suche nach den ersten Worten in einer Art innerem Aufbau einer Gegenargumentation. Foto: Ty

Regensburg.Hören Sie Ihren Patienten einfach genau zu. Und Sie werden bestimmt die richtige Diagnose erfahren!“ Diese schlichte und doch so ungemein wertvolle Ermahnung stammt von einer Hamburger Professorin einer Medizin-Fakultät, die ihren Studenten und angehenden Ärzten diesen so wirkungsvollen Wegweiser mit auf ihren zukünftigen Berufsweg geben wollte. So mancher Patient wäre sicher froh, wenn er öfter einem Arzt gegenübersitzen würde, der offensichtlich diesen Ratschlag nicht vergessen hat. Leider sind die Erfahrungen der meisten anders. Da wandern manchmal bereits die Hände des Mediziners schon über die Tastatur des omnipotenten Computers, noch bevor der Rat- und Hilfesuchende seine Schilderungen über Schmerzen und Beschwerden abgeschlossen hat. Oder der Rezeptblock wird gezückt und in den Drucker gelegt, während man noch so gerne genauer dargelegt hätte, was einem Kummer und Sorgen bezüglich der Gesundheit macht.

Es gibt immer weniger Räume, die uns ganz natürlich zur Ruhe führen

Nein, es geht nicht um generelle Arzt-Schelte oder das bekannte Jammern über eine wenig empathische und unzureichende Gesundheitsversorgung. Erstens war es noch nie sinnvoll und hilfreich, zu verallgemeinernd Analysen und Diagnosen von gesellschaftlichen Zuständen zu verbreiten. Und zum anderen sind unsere Ärzte genauso wie wir alle in eine Welt hineingestellt, in der immer weniger selbstverständlich Räume angeboten werden, die uns ganz natürlich zur Ruhe und zum stillen Zuhören führen würden. „Zeit ist Geld“, lautet so ein unbarmherziger Spruch. Und leider ist es nicht nur ein Spruch, sondern oft ein Lebenskonzept.

Es genügt ein bewusster und aufmerksamer Blick, wenn man zum Beispiel in einem öffentlichen Verkehrsmittel einmal rundumschaut. Die Anzahl der Mitfahrgäste, die nicht auf ein Handy starren oder mit einem Knopf und Kabel im Ohr mit merkwürdig abwesendem Blick in unbekannte Räume schauen, ist meist in der Minderheit. Man muss ja schon froh sein, wenn etwa eine jugendliche Gruppe sich gemeinsam über ihre Displays beugt und die Erfahrungen und Beobachtungen laut- und lustvoll austauscht. Aber wo bleibt da das bewusste und zugewandte Zuhören?

„Zeit ist Geld“ ist leider nicht nur ein Spruch, sondern oft ein Lebenskonzept.“

Sebastian Sonntag, Diplom-Psychologe

In der Paartherapie ist es ein oft genutztes Mittel, die Paare darauf aufmerksam zu machen, wie sehr sie diese Fähigkeit des Zuhörens noch beherrschen oder eben zu wenig beachten. Die Regel dieser Übung dabei ist ganz schlicht. Die Partner werden aufgefordert, über irgendein Thema miteinander zu diskutieren. Der Unterschied zu den alltäglichen Diskussionen und Gesprächen besteht darin, dass jeder Partner, bevor er auf die Aussagen des anderen eingehen und antworten darf, zuerst möglichst wortwörtlich wiederholen muss, was der andere gerade gesagt hat. Es hört sich so einfach an. Aber ich empfehle jedem, das einfach einmal selber auszuprobieren. Tatsache nämlich ist, dass die meisten nicht in der Lage sind, ganz schlicht zu wiederholen, was sie gerade gehört haben. Manchmal nicht einmal sinngemäß.

Zuhören hört sich einfach an, ist es aber nicht

Wenn es nur um ganz banale und eher sachliche Themen geht, ist es schon nicht immer möglich, alles wiederholen zu können. Aber erst bei emotional belasteten Angelegenheiten ist es für die meisten nicht mehr nachvollziehbar. Warum? Weil wir beim Zuhören meist schon innerlich nach den ersten Worten in einer Art inneren Aufbaus einer Gegenargumentation sind. Die weiteren Worte oder gar die feineren Nuancen einer Meinung hören wir gar nicht mehr. Dies trifft vor allem auf Themen zu, die mit ganz bestimmten Reizworten versehen sind und oft mit Vorwürfen, Anklagen und Beschuldigungen zu tun haben. Die meisten Paare sind sehr erstaunt, wenn ein Außenstehender oder unbeteiligter Zuhörer, wie zum Beispiel der Therapeut, ihnen sachte erklärt, was sie eigentlich überhört oder falsch aufgenommen haben.

Ich bin dankbar für eine Erfahrung, die mir bis heute so einprägsam verdeutlicht hat, wie ungemein wertvoll, ja sogar heilsam und befreiend das ganz bewusste und einfühlsame Zuhören ist. Es war in einer meiner ersten Einsätze in einer Nachtschicht bei der Telefonseelsorge. Man kann sich denken, dass die innere Anspannung und Erwartung schon entsprechend war, denn man kann ja nie wissen, was einem in so einer Nacht alles an Schicksalen, Hilferufen und Notsituationen begegnen wird. Tatsächlich rief eine Frau an, die mir ein so schicksalschweres Leben schilderte, dass mir buchstäblich die Sprache versagte. Es war einfach unglaublich, wie es einen Menschen so treffen kann, wie sich wahrlich die ganze Welt gegen sie verschwört hatte. Ich konnte darauf einfach nichts sagen, jedes Wort des Trostes wäre fast wie eine Verletzung gewesen, das versucht, etwas zu beschwichtigen. Nach einer guten halben Stunde, in der ich unfähig war, etwas zu sagen, und einfach nur zuhörte, verabschiedete sich die Frau mit den Worten: „Ich danke Ihnen ganz herzlich, dass Sie mir zugehört haben. Sie haben mir sehr geholfen!“

Der Text ist eine Leseprobe aus der Sonntagszeitung, die die Mittelbayerische exklusiv für ePaper-Kunden auf den Markt gebracht hat. Ein Angebot für ein Testabo der Sonntagszeitung finden Sie in unserem Aboshop.

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