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Panorama

Wie knackt man eine Nuss?

Unser Experte, Diplom-Psychologe Sebastian Sonntag, macht sich diese Woche Gedanken über die liebevolle Tugend der Geduld.
Von Sebastian Sonntag

Cracking walnuts with tools
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Regensburg.Das nehme ich heut’ mit heim!“ Wie schön, wenn man so eine überzeugende Bemerkung nach einem Vortrag, einer Predigt oder einem Gespräch aussprechen kann. Wenn man von etwas berührt worden ist, einer Geschichte, einem Wort, einer Empfehlung, das von einem Redner oder Prediger an sein lauschendes und aufmerksames Publikum rübergebracht wurde. Meiner Erfahrung nach geschehen solche berührenden und bewegenden Momente bei Reden, die sehr authentisch und losgelöst sind von vorgefertigten Konzepten und Manuskripten. Begnadete Redner fesseln ihr Publikum durch freie Rede, mit ständigem Blickkontakt zu ihren Zuhörern. In einem amüsanten Beitrag im Internet wurde unter der Überschrift „Power ohne Point“ augenzwinkernd die Allgegenwart des Power-Point-Vortrages etwas aufs Korn genommen und dafür plädiert, wieder mehr der schlichten freien Erzählkunst eine Chance zu geben.

Don Bosco und seine Beziehung zu jungen Menschen in schwierigen Lebensphasen

Genau in dieser Weise wurde ich vor kurzem bei einer Predigt eines Salesianer-Paters berührt und nachhaltig angesprochen. Dass seine überwiegend freie und so wunderbar unkomplizierte Art des Predigens auch noch unverkennbar mit meinem geliebten schwäbischen Heimat-Dialekt durchzogen war, machte mein Interesse wahrlich nicht schwächer. Er wollte den Gottesdienstbesuchern zum Anlass des Don-Bosco-Festes ein paar grundsätzliche Gedanken dieses ungewöhnlichen und so menschenfreundlichen italienischen Heiligen Don Bosco näherbringen.

Die meisten wissen zumindest andeutungsweise von seinem großen Geschick, mit jungen Menschen in Kontakt und in Beziehung zu kommen. Sein Herz und seine Liebe galten vor allem den jungen Menschen, denen das Lebensschicksal nicht so hold war und die oft ohne Liebe und ohne ein Daheim auf der Straße aufgewachsen und der zunehmenden Verwahrlosung ausgesetzt waren. Dass es nicht einfach war, solchen teilweise auch in die Kriminalität abgerutschten jungen Menschen nahezukommen und ihr Zutrauen und ihr Vertrauen zu gewinnen, kann man sich ohne weiteres denken.

Wie dieser katholische Priester Johannes Bosco einen seiner wichtigsten Grundsätze in die Tat umsetzte, das war eines der Themen dieser Predigt des Salesianer-Paters. „Den guten Kern in einem Menschen zu suchen und zu finden“, das war das Herzensanliegen des unermüdlichen und so kreativen Seelsorgers aus Turin. Wie findet man den guten Kern in einer harten Schale? So wie das Herz dieser vom Schicksal gebeutelten Jugendlichen verhärtet war?

Zwei Arten, um an den Kern der Sache zu gelangen

Dazu brachte der Prediger ein wunderbares Beispiel, wie es Don Bosco demonstrierte: Er zeigte, wie man bei einer harten Nuss in verschiedener Weise versuchen konnte, an den inneren Kern heranzukommen. Dazu hieb er mit dem Hammer mit voller Wucht auf diese Nuss. Das Ergebnis: die Zertrümmerung der Schale mitsamt ihrem Kern.

Dann nahm er einen Blumentopf und legte sachte eine Nuss hinein. Erst einmal Raum schaffen. Dann häufte er Stück für Stück Erde in diesen Blumentopf und über diese Nuss. Das bedeutet, die Bedingungen zu schaffen, in denen etwas sich entwickeln kann. Die nötige Sonnenwärme und das Wasser zum Begießen als weitere Voraussetzungen zu ermöglichen. Und jetzt die Geduld aufzubringen, um darauf zu warten, dass dieser weiche gute Kern seine wirkliche Kraft entwickeln kann, um die harte Schale zu durchbrechen und seine ganze Wachstumskraft zu entfalten.

Nicht nur Eltern und Erzieher oder alle, die mit dem Heranwachsen von Kindern befasst sind, können aus dieser so schlichten und doch berührenden Geschichte so viel entnehmen. Auch für seine eigene seelische Entfaltung und Befreiung kann jeder selbst Wegweiser und Aufruf finden. Es braucht vor allem Vertrauen, dass in jedem das Potenzial zum Wachsen und Werden vorhanden ist. Aber auch das Wissen darum, was die Bedingungen und die Voraussetzungen sind für so ganz unterschiedliche Wesen. Und dass der toskanische Spruch auch für vieles in unserem Leben gilt: „Die Olive wächst nicht schneller, wenn du daran ziehst.“ Um wirklich geduldig und gelassen zu sein, brauchen wir ein Vertrauen, das aus der Liebe entspringt.

Ein von mir geschätzter Therapeut hat besorgten und bemühten Eltern eine Weisung für den Umgang mit ihren Kindern mitgegeben. Aus eigener schmerzhafter Erfahrung mit seinem Sohn, der durch eine äußerst schwierige Lebensphase musste, hat er versucht, den Eltern Mut und Vertrauen gegenüber ihren Sorgen zu vermitteln: „Ihr könnt euren Kindern letztendlich nicht wirklich helfen, indem ihr alles unternehmt, um sie vor Schaden zu bewahren. Ihr könnt ihnen nur euer bedingungsloses Vertrauen geben.“ Das kostet viel Mut! Und Geduld!

Der Text ist eine Leseprobe aus der Sonntagszeitung, die die Mittelbayerische exklusiv für ePaper-Kunden auf den Markt gebracht hat. Ein Angebot für ein Testabo der Sonntagszeitung finden Sie in unserem Aboshop.

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