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Psychologie

Wie man die Würde bewahrt

Unser Experte, Diplom-Psychologe Sebastian Sonntag, macht sich Gedanken über wirkliche Qualitäten einer Partnerschaft.
Von Sebastian Sonntag

Trennungen sind immer ein Grund zum berechtigten Trauern. Gerade wenn die Beziehung besonders mit tiefen Gefühlen, Hoffnungen, Visionen und Erwartungen verbunden war. Foto: fizkes
Trennungen sind immer ein Grund zum berechtigten Trauern. Gerade wenn die Beziehung besonders mit tiefen Gefühlen, Hoffnungen, Visionen und Erwartungen verbunden war. Foto: fizkes

Regensburg.Es mag vielleicht zynisch klingen, oder auch pessimistisch und misanthropisch. Aber leider ist es eine Erfahrung, die man als Paartherapeut oft macht. Welche wirklich tiefe und tragfähige Qualität eine Paarbeziehung und auch der Charakter eines Partners hat, zeigt sich oft besonders deutlich und ungeschönt in schweren Krisensituationen. Besonders in den Phasen einer Trennung. Trennungen sind für mich immer ein Grund zum berechtigten Trauern. Gerade wenn die Beziehung besonders mit tiefen Gefühlen, Hoffnungen, Visionen und Erwartungen verbunden war. Trauer ist immer eine Reaktion der Seele auf einen schweren Verlust, der dem Leben tiefe Wunden zufügt. Unsere Seele besitzt – Gott sei Dank – Möglichkeiten, mit Trauer umzugehen und zum Weiterleben fähig zu werden.

Wut ist zuweilen notwendig und berechtigt

Bedauerlicherweise erlebt man aber bei so manchen Paaren in Trennungssituationen oft weniger ein Gefühl der Trauer. Was eigentlich angemessen wäre. Wenn aber zu viel an Verletzungen, an Enttäuschungen, Entwürdigungen und Verlogenheit im Spiel ist, ist die Trauer meist überlagert mit heftigen Gefühlen der Wut, der Aggression, der Demütigung und Hilflosigkeit. Aber Wut ist in vielen Fällen nur ein Schutz vor dem tiefen Absturz in die Traurigkeit. Und das ist zuweilen notwendig und berechtigt. Denn Wut ist eher ein energievolles Gefühl, Trauer nicht. Mit Wut kann man zumindest einige Zeit besser leben als mit der niederdrückenden Trauer. Aber Wut kann schwerer zur Heilung einer Verletzung beitragen, Trauer bewusst anzunehmen, mehr. Meist führt kein Weg daran vorbei, wenn man nicht Altlasten in die Zukunft mitschleppen möchte.

Was oft der Grund für solche heftigen Gefühle der Wut und Erniedrigung ist, ist die Art, wie in solchen Trennungssituationen mit Offenheit und Ehrlichkeit umgegangen wird. Und damit eigentlich mit der Achtung vor der Würde des anderen Partners. Leider erlebt man immer wieder, wie ein Partner wie aus heiterem Himmel völlig unvorbereitet und ahnungslos mit Vorwürfen, Klagen und Beleidigungen über den anderen herfällt. Es wird bemängelt, dass man keine Liebe mehr verspüre, weil der andere so wenig einfühlsam, so wenig gesprächsbereit, zu viel mit anderem beschäftigt gewesen sei, oder wofür auch immer er verantwortlich sei für die Defizite und das Ende der Beziehung. Es geht um Schuld. Hätte der andere nur das und das gemacht, wäre er auf die jahrelangen Bitten und Wünsche eingegangen, würde man heute nicht an diesem Super-Gau der Beziehung sich befinden.

Oft handelt es sich nicht in erster Linie um die genannten Probleme

Daran ist sicher manches wirklich begründet und nicht wenige Partner müssen erkennen, dass sie zu wenig die Bitten und Bedürfnisse des anderen ernst genommen und gewürdigt haben. Und dann ist irgendwann ein Punkt erreicht, an dem der bedürftige, aber frustrierte Partner nicht mehr kann und will. Und auch den Glauben an alle jetzt nachgeholten Beteuerungen und Versprechen verloren hat. Solche Szenarien haben aber meist kaum einen Überraschungscharakter, denn zu oft wurden solche Klagen, Wünsche und Vorwürfe im Laufe von Jahren geäußert.

Große Bedenken und Zweifel aber bekomme ich bei den oben geschilderten Situationen, in denen so unerwartet und scheinbar völlig aus der Luft gegriffen mit heftigen Angriffen und Vorwürfen einem Partner Versagen und Schuld zugesprochen werden, über die eigentlich im Laufe der Beziehung nie wirklich ernsthaft und ganz offen und deutlich geredet oder gestritten wurden. Es werden wohl die meisten erfahrenen Paartherapeuten dann das Gefühl nicht los, dass es sich nicht in erster Linie um die genannten Probleme handelt. In so vielen Fällen erfährt man, dass der eigentliche Grund für die Trennung eine neue Beziehung, ein neuer Partner oder eine neue Partnerin ist. Und das bisher geheim gehalten und verschwiegen wurde.

„Welche wirklich tiefe und tragfähige Qualität eine Paarbeziehung und auch der Charakter eines Partners hat, zeigt sich oft besonders deutlich und ungeschönt in schweren Krisensituationen.“

Sebastian Sonntag, Diplom-Psychologe

In solchen Situationen wird das deutlich, was ich eingangs zu verdeutlichen versucht habe. Wo bleibt hier der Respekt, die Achtung vor der Würde des anderen Partners? Wenn ich ihn belüge, ihm Schuldgefühle mache, ihn womöglich unter Druck setze, dass er an sich arbeiten müsse, dass er sich ändern müsse? Es ist oft das, was am meisten im Nachhinein schmerzt für die Partner, die sich schuldig fühlen. Es ging gar nicht um ihre Fehler. Sie hatten eigentlich keine Chance. Und oft bekommen sie auch gar keine Antworten, die ihnen helfen könnten, besser zu verstehen, wie alles so gekommen ist.

Das ist pure Hilflosigkeit und Demütigung. Wenn man das Gefühl bekommt, der Mensch, für den ich am wichtigsten sein möchte, verkauft mich für dumm, demütigt mich. Es bleibt ein ganz wichtiges Anliegen und eine Aufgabe in der Paartherapie, dieses Bewusstsein bei Partnern zu schärfen und zu stärken, dass sie – was immer auch passiert sein mag – dem anderen diese Art von Verletzung bitte nicht zufügen mögen. Auch wenn Offenheit und Ehrlichkeit schwer sein und viel Schmerz, Streit und Auseinandersetzung bringen können. Die Würde des Menschen, der sich mir anvertraut hat, ist es wert.

Der Text ist eine Leseprobe aus der Sonntagszeitung, die die Mittelbayerische exklusiv für ePaper-Kunden auf den Markt gebracht hat. Ein Angebot für ein Testabo der Sonntagszeitung finden Sie in unserem Aboshop.

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