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Tango und „lautes Zuprosten“ verboten

In Anzeigen lockten Mittel für „üppige Brüste“ – doch Tango galt als verrucht. Wie tickte die Welt 1914, bevor der Weltkrieg über sie hereinbrach?

Eine fröhliche Gesellschaft von Frauen, Männern und Kindern badet um 1913 im Familienbad in der Ostsee vor Ahlbeck auf Usedom. Foto: Sammlung Sauer/dpa

Berlin.Die Polizei erlässt zum Karneval in München ein Tangoverbot: Der Tanz sei zu verrucht. Aus Furcht vor der Zensur wird ein Vorabdruck von „Der Untertan“ gestoppt, darin rechnet Heinrich Mann mit der Moral der Kaiserzeit ab. Die Bademode ist noch züchtig. Die Rocksäume der Frauen rutschen über die Knöchel, aber Hosen sind noch undenkbar. Im Kriegsjahr 1914 ist an Silvester in den Berliner Lokalen kein „überlautes Zuprosten“ gestattet, „gedenket der Krieger in den kalten Schützengräben“. So tickte die Welt vor 100 Jahren.

Berlin war zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch nicht so wild wie in der Weimarer Republik, aber schon durchaus verrucht, der „lüderlichste Ort von ganz Deutschland“, wie ein Zeitgenosse 1910 meinte. Der Historiker David Clay Large schreibt, dass es um die Jahrhundertwende schätzungsweise 20 000 Prostituierte in der Reichshauptstadt gab. Einige Dirnen gingen ihrer Arbeit in offenen Kutschen im Tiergarten nach. In der Halbwelt waren die Ganoven der „Ringvereine“ unterwegs.

Bevor der Erste Weltkrieg ausbrach, muss Berlin sehr fortschrittlich gewesen sein. Der Künstler George Grosz notierte 1912, es gebe „Kabarette und Revuen, Bierpaläste, so groß wie Bahnhofshallen“, außerdem Weinlokale über vier Etagen, Sechstagerennen und futuristische Ausstellungen.

Homosexualität war strafbar

Mit Toleranz und Emanzipation war es noch nicht weit her. Frauen durften bis 1918 nicht wählen. Männliche Homosexualität war laut Paragraf 175 strafbar. Einer der größten Skandale der Kaiserzeit wurde die Harden-Eulenburg-Affäre (1906-1909). Ein Journalist diskreditierte einen Berater von Wilhelm II. als homosexuell, was mehrere Prozesse nach sich zog.

Immerhin zählte Berlin vor dem Ersten Weltkrieg 40 Schwulenkneipen. Der Forscher Magnus Hirschfeld, Pionier der Schwulenbewegung, veröffentlichte das „Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen“. Und schon 1914 stand Claire Waldoff, die kesse, Frauen liebende Sängerin, auf der Bühne, im Stück „Immer feste druff“.

Prüderie war zu Kaisers Zeiten die Norm. „Aber natürlich gab es Möglichkeiten des Amüsements für Männer, die von der Kirche nicht goutiert worden wären“, sagt die Historikerin Ute Frevert. Und ohne die Bereitschaft zum Ehebruch bei gut verheirateten Damen hätte der Wiener Dramatiker Arthur Schnitzler sein Theaterstück „Reigen“ nicht schreiben können. Uneheliche Schwangerschaften? Im Bürgertum damals ein „Riesenproblem“, in der Arbeiterschaft eher nicht, erklärt Frevert

Binde gegen das Doppelkinn

Bis zur kessen Frau mit Bubikopf dauerte es noch einige Jahre. Die Schönheitsinteressen 1914 waren ähnlich wie heute. Aber die Mittel sahen anders aus. Das zeigt ein Blick in die Kleinanzeigen einer Frauenzeitung von damals: Beim Doppelkinn sollte eine Kinnbinde helfen. „Üppige Brüste“ versprach das Nährpulver „Grazinol“. Heiratswilligen Damen wurde das „schwarze Buch der Koketterie“ angepriesen.

In der Mode ist es die Zeit von Coco Chanel, die 1913 ihr erstes Geschäft eröffnete. Das Korsett ist allmählich auf dem Rückzug, die Säume wurden kürzer und erreichten die Mitte der Wade. Auf der Straße trugen Frauen lange, schmale Röcke, ein strenges Jackett nach dem Beispiel der Herrenmode und kleine bis mittelgroße Hüte, wie die Literaturwissenschaftlerin und Mode-Expertin Gertrud Lehnert erklärt. „Die Mode wird in dieser Zeit moderner, Frauen können sich besser bewegen, zum Beispiel in den Städten.“ Beispiele sind für sie die Frauen auf den Bildern des Expressionisten August Macke.

Das Selbstbewusstsein wuchs. Für die „Selbstfahrerin“ im Auto gab es eine eigene sportliche Mode. Und wie würde sich eine Frau von damals fühlen, wenn sie bei einer Zeitreise in der Welt von heute landen würde? „Sie wäre ziemlich verwirrt“, glaubt Lehnert. „Wir haben eine Freiheit des Verhaltens in der Öffentlichkeit, in sexuellen Dingen und last but not least in der Mode, die damals nicht vorstellbar war. Aber die Wurzeln davon gehen in die damalige Zeit zurück.“ (dpa)

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