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Kriminalität

Thailand verharmlost Vergewaltigungen

In der Sprache Thailands gibt es zwei Begriffe für den Tatbestand der Vergewaltigung. Der Mord an zwei Ausländern facht die Debatte erneut an.
Von Cod Satrusayang, dpa

In Indien wird immer wieder gegen Vergewaltiger demonstriert – auch in Thailand werden Vergewaltigungen immer noch heruntergespielt. Foto: dpa

Bangkok.Empört haben viele Thailänder und Ausländer nach dem Mord an zwei britischen Touristen auf einer Ferieninsel auf Äußerungen von Regierungschef Prayuth Chan-ocha reagiert. Der legte nahe, dass Touristinnen im Bikini eine Mitschuld hätten, wenn ihnen etwas angetan werde. „Touristen meinen, sie könnten machen, was sie wollen, aber sind sie im Bikini wirklich sicher?“, sagte er.

„Das zeigt tief sitzende sexistische Einstellungen“, sagt Wirtschaftsprofessorin Pavida Pananong von der Thammasat-Universität. Und auch in sozialen Netzwerken regten sich viele Menschen auf. Prayuth entschuldigte sich, aber seine Einstellung ist in der thailändischen Gesellschaft so ungewöhnlich nicht. Ein Kondomhersteller machte vor kurzem mit diesem Satz Reklame: „28 Prozent der Frauen, die sich wehren, sind nachher einverstanden.“

Vergewaltigungen werden in beliebten Fernsehserien heruntergespielt oder als Heldentat dargestellt. Legendär ist „Jam Loey Rak“ (Gefangene der Liebe), eine der erfolgreichsten Seifenopern. Der Protagonist entführt eine keusche junge Frau, sperrt sie ein und zwingt sie zum Sex. Sie wehrt sich erst, verliebt sich dann in ihn - und alles wird gut. Die Serie ist vorbei, der Plot war aber so erfolgreich, dass praktisch alle Serien heute solche Eroberungen zeigen. Sexszenen sind tabu, gezeigt wird nur, wie der Mann die Frau aufs Bett wirft. Und dann, wie ihre verkrampfte Hand sich plötzlich löst.

Vergewaltigung als „gerechte Strafe“ dargestellt

Selbst in der thailändischen Sprache wird Vergewaltigung verharmlost. Es gibt zwei Wörter dafür. Der Begriff „kom-keun“ bezeichnet die Straftat: Jemand wird gegen seinen Willen zum Geschlechtsverkehr gezwungen. Es gibt aber noch die Bezeichnung „plam“. Damit ist etwa das Verhalten des Helden in der Seifenoper gemeint: Er zwingt sie zum Sex, ohne, dass sie eingewilligt hat, aber sie fügt sich schließlich.

„Plam wird im kulturellen Kontext Thailands nicht als Vergewaltigung betrachtet“, sagt Kaewmala, Autorin eines bekannten Buchs über Sexverhalten. Sie verweist auf andere Formen der Verharmlosung im Fernsehen, wenn Vergewaltigungen als gerechte Strafe dargestellt werden: „Wenn es das „böse Mädchen“ ist, das vergewaltigt wird, haben nur wenige Leute Mitleid mit ihr.“

Eine Fernsehproduzentin meint, dass die Quote sowie die Werbeumsätze solche Szenen rechtfertigten. „Letzten Endes ist dies Unterhaltung. Die Leute können doch zwischen dem echten Leben und dem in Seifenopern unterscheiden“, meint sie – entgegen allen Studien, wonach junge Leute sich sehr mit Seifenopern-Helden identifizieren.

Das meint auch Analyst Pumsaran Tongliemnak im Bildungsministerium. Kinder könnten durch solche Sendungen den Eindruck gewinnen, das Verhalten sei akzeptabel, sagt er. „Solche Szenen zeugen unterschwellig von einer Einstellung, die Opfer sexueller Gewalt stigmatisieren und ihnen Schuld an der Gewalt geben“, kritisiert auch Menschenrechtler Sunai Phasuk von Human Rights Watch.

Frauen tragen die Verantwortung für ihre Sicherheit

Im vergangenen Jahr wendeten sich knapp 31 900 Menschen ratsuchend an das Gesundheitsministerium, nachdem sie nach eigener Aussage vergewaltigt wurden. Das entspricht rechnerisch etwa einem Fall alle 15 Minuten. Fast in der Hälfte der Fälle bezichtigten die Betroffenen nach Angaben des Ministeriums Bekannte oder Verwandte. Erfasst hat die Polizei 2013 aber gerade mal 4000 Fälle von Vergewaltigung – davon führten 2400 zu einer Verurteilung.

Die Darstellung im Fernsehen einer angeblich akzeptablen Form des Zwangs zum Sex zeigt nach Ansicht von Kaewmala ein tiefsitzendes Problem. „Diese Darstellungen sind mehr Symptom als Ursache“, sagt sie. Traditionelle Werte bedeuteten nach wie vor, dass Frauen die Verantwortung für ihre Sicherheit und Unversehrtheit tragen. „Solche Darstellungen sind überholt“, sagt die bekannte Schauspielerin Sarunrat Visutthithada.

Die Einstellungen ändern sich. Die Kondomfirma musste ihre Reklame nach einem Sturm der Entrüstung zurückziehen. Auf der Plattform change.org starteten Thailänder eine Petition, die ein Ende von Gewalt gegen Frauen im Fernsehen fordert. 27 000 Unterzeichner gaben der Petition so viel Gewicht, dass die Rundfunk-Kommission sich jetzt mit dem Thema befasst.

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