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Naturschutz

Das Tier-Taxi von Weiherhammer

Wer Störche mag, rettet Amphibien: Junge Tierfreunde aus Zandt helfen Fröschen und Co über die Straße, weil ein Tunnel fehlt.
Von Roman Hiendlmaier

Ein Molch ist in einem Eimer gelandet. Monika Kerner (r.) erklärt Aussehen und Lebensweise des noch ziemlich starren Tierchens. Fotos: rh
Ein Molch ist in einem Eimer gelandet. Monika Kerner (r.) erklärt Aussehen und Lebensweise des noch ziemlich starren Tierchens. Fotos: rh

Zandt.Acht Grad, böiger Wind, Nieselregen. Kein Wetter für eine Spaziergang im Freien, schon gar nicht für Kinder im Grundschul- und Kindergartenalter. Isabell, Sophie, Jonathan und Simon macht das Wetter nichts aus. Genauer gesagt, ist es ihnen gerade ziemlich egal, dass ihre Mütter und Tanten gerade fröstelt, sie interessiert nur, was an den grünen Kunststoffzäunen vor sich geht, die sich entlang der Straßen zieht.

Hier in Weihermühle zwischen den Landkreisen Cham und Straubing hat das Straßenbauamt zu Monatsbeginn die rund 40 Zentimeter hohe Kunststoffbahn aufgestellt, die die Tiere am direkten Überqueren der Straße hindert. Bei der Suche nach einem Übergang fallen sie in eingegrabene Eimer. Die vier kleinen Tierfreunde aus Zandt und einige dutzend weitere in der Region können sie damit ganz entspannt nehmen und über die Straße in Richtung ihrer Laichgewässer tragen.

Was die Tiere so wichtig macht

Zielstrebig stapfen die Kleinen mit ihren Erziehungsberechtigten im Schlepptau die Ränder der Staatsstraße entlang. Der Weg ist das Ziel und den Kindern bestens bekannt. Schließlich erfolgt der Kontrollgang täglich und in Absprache mit Rentner Michael Schreiner, der ebenfalls stolzer Amphibienträger ist, teilweise sogar zweimal. LBV-Mitarbeiter Monika Kerner freut natürlich das Engagement. Dieser Tiertransport über die St 2140 sei auch viel mehr als nur ein Naturspaziergang von an Biologie interessierten Enthusiasten, sagt die Expertin für Umweltbildung am LBV-Zentrum in Nößwartling. Die Beliebtheit von Amphibien ist überschaubar, weil sie nicht kuschelig sind und keine Kulleraugen haben. Aber sind ein wichtiger Teil der Nahrungskette. Die allseits beliebten Störche bleiben nur, wenn sie genug zu fressen haben. Lurchi & Co. stehen auf der Speisekarte von mehr als 100 Tierarten, sagt Kerner. Jedes Tier seinerseits vertilgt tausende Insekten, so auch Mückenlarven.

Verstärkung: Neue Helfer können Lurchi & Co. im Landkreis Cham immer gebrauchen. Wer sich aktiv am Amphibienschutz beteiligen möchte, kann sich beim LBV-Zentrum Nößwartling, Tel. 09977/8227, melden.
Verstärkung: Neue Helfer können Lurchi & Co. im Landkreis Cham immer gebrauchen. Wer sich aktiv am Amphibienschutz beteiligen möchte, kann sich beim LBV-Zentrum Nößwartling, Tel. 09977/8227, melden.

So wichtig sie also für unsere natürliche Umgebung sind, so beschwerlich macht den Amphibien unsere Industriegesellschaft jeden Start ins neue Jahr. Amphibien kommen im Frühjahr kalt und klamm aus ihren Verstecken. Die Kaltblüter bewegen sich also in Zeitlupe und so ein Asphalt, den gerade die Frühjahrssonne erwärmt, wäre eigentlich der ideale Ort um sich aufzuwärmen und dann schneller bewegen zu können“.

Keine Scheu vor glitschigen Amphibien haben die Zandter Tiertransporter.
Keine Scheu vor glitschigen Amphibien haben die Zandter Tiertransporter.

Doch gerade Kreis- oder Staatsstraßen, auf denen Geschwindigkeiten bis zu 100 km/h gefahren werden, sind für sie ein Roulette, dem die meisten zum Opfer fallen. Es dauere manchmal Minuten, bis ein Tier über die Straße ist, weiß Kerner aus Erfahrung – zu lange. Bei den gefahrenen Geschwindigkeiten hilft es den Tieren auch nicht, wenn die Autos und Lkw um sie herumkurven. Zwischen den Rädern ist der Druck oft so groß, dass ihre Organe platzen. Laut Statistiken des Naturschutzbunds kommen bei Amphibienwanderungen bis zu 90 Prozent der Tiere um.

Auch an der Landkreisgrenze ist die Population der Amphibien in den vergangenen Jahren gesunken, hat Michael Schreiner notiert. Auch wenn die Kinder und er an manchen Tagen bis zu 50 Tiere über die St 2140 tragen – grundsätzlich werden es immer weniger. „Auch wenn wir noch so fleißig tragen – die Tiere machen sich irgendwann im Sommer auch wieder auf den Rückweg und dann stehen keine Zäune und kein Taxidienst über die Straße bereit,“ so Schreiner. Im Super-Sommer 2018 trockneten zudem etliche Pfützen und Tümpel aus, so dass sich die Kaulquappen nicht umwandeln konnten. Wiesen, in denen sich die Tiere im heißen Sommer aufhalten und Insekten fangen könnten, sind rar, weil diese dafür nicht oder nur ganz selten gemäht werden dürften. Auch das Ausbringen von Insektengiften oder Gülle während der Wanderphase der wechselwarmen Wirbeltiere führe zu ihrer Dezimierung.

Wunschtraum Krötentunnel

So engagiert die kleinen und großen Ehrenamtlichen sind, allein um den Rückweg der Tiere an dieser Stelle sicherer zu machen, wäre ein Krötentunnel das beste. „Amphibiendurchlässe“ aus Beton oder Stahl werden quer oder schräg in den Straßenkörper gebaut. Fest installierte Leiteinrichtungen ähnlich den mobilen Zäunen, führen die Tiere dann zu den Durchlässen. Bei einer lichten Höhe von mindestens einen Meter sind solche Durchlässe jedoch nicht billig. Die Tiere nehmen solche Querungshilfen erfahrungsgemäß nur an, wenn Licht von außen eindringt und der Boden feucht sei.

Gut gefüllt: Obwohl die Wandersaison erstbegonnen hat, sind die Eimer der Kinder beinahe täglich schon gut gefüllt. Im vergangenen Frühjahr haben die Ehrenamtlichen über 900 Tiere über die Staatsstraße getragen.
Gut gefüllt: Obwohl die Wandersaison erstbegonnen hat, sind die Eimer der Kinder beinahe täglich schon gut gefüllt. Im vergangenen Frühjahr haben die Ehrenamtlichen über 900 Tiere über die Staatsstraße getragen.

Ob und wann ein solcher Tunnel mehr Kröten ein Ende unter Autoreifen erspart, ist nicht abzusehen. Auch, weil in Weihermühle nicht nur zwei Landkreise sondern auch zwei Straßenbauämter aufeinander treffen. Bis dahin tragen weiter Isabell, Sophie, Jonathan, Simon und Herr Schreiner die Tiere über die Straße. In Sachen Naturschutz sind die Nachbarn fast schon eine Familie. Übrigens: Von den Kindern haben das bereits die Eltern gemacht – auch bei Wind und Wetter.

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