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Geschichte

30 Jahre Mauerfall: Vier erinnern sich

Zum Jahrestag werden die alten Bilder hervorgekramt. Sie zeugen von Euphorie. Wer nachfragt, erfährt aber auch von Ängsten.
Von Anne-Beatrice Clasmann

  • Die Mauer fällt am 9. November 1989. 28 Jahre nach dem Bau verliert das Bollwerk seine Funktion, die Grenzen in der geteilten Stadt werden geöffnet. Tausende feiern am Brandenburger Tor. Foto: Kumm/dpa
  • Dem ehemaligen Hotelbesitzer Ernst Bleske ging es schon zu DDR-Zeiten nicht schlecht.

Berlin.Was gestern verboten war, ist heute erlaubt. Was gestern vom Staat gewünscht und gefördert wurde, ist über Nacht tabu. Vor 30 Jahren, als die Mauer fiel, katapultierte der Systemwechsel die DDR-Bürger in ein völlig neues Leben. Die Brücke zwischen Gestern und Heute wurde wackelig – auch wenn das von Euphorie und Aufbruchstimmung Ende 1989 erstmal überdeckt blieb. Vier Ostdeutsche erinnern sich und erzählen ihre Geschichte. So wie Mario Mackowiak, der es vom sozialistischen Kind bis zum Werksleiter brachte. Der 59-Jährige erzählt gerne vom „sehr disziplinierten Tagesablauf“ in den Grundschulen der sozialistischen DDR. Bei den Aufmärschen am Tag der Arbeit fährt er als Kind voller Begeisterung auf der mit Birkenzweigen geschmückten „Ameise“ mit, einem Mehrzweckfahrzeug. Mit Inbrunst singt er „Wir sind die junge Garde des Proletariats“.

Mario Mackowiak machte nach der Wende Karriere. Der Gießereifacharbeiter brachte es bis zum Werksleiter.
Mario Mackowiak machte nach der Wende Karriere. Der Gießereifacharbeiter brachte es bis zum Werksleiter.

„Ich war ein klassisches sozialistisches, atheistisches Kind“, sagt Mackowiak. Mit seiner Frau und dem Vater bewohnt er ein schmuckes Einfamilienhaus am Ortsrand von Krauschwitz, einem sächsischen Dorf im Landkreis Görlitz. Hier hat er fast sein ganzes Leben verbracht. Sein Lieblingsgericht sind Pellkartoffeln mit Quark und Leinöl.

Er, der so gerne viel redet, hält plötzlich inne. Im Haus der Familie stehen gusseiserne Öfen. Sie erinnern ihn an seine Arbeit in der Keulahütte, wo er 1976 eine Ausbildung als Gießereifacharbeiter begann. Nach der Wende kam die Treuhand, viele Mitarbeiter verloren ihren Job. Auch seine Frau, die in einem anderen Industriebetrieb angestellt war, musste gehen. Mackowiak selbst konnte bleiben.

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1991 übernahm er die Werksleitung. Das Ausstiegsangebot, das man ihm nach dem letzten Eigentümerwechsel vor einigen Monaten gemacht habe, sei gut gewesen, sagt er. Doch so richtig glücklich klingt er dabei nicht. Da ist noch so viel Energie übrig. Wo soll die nur hin?

Antrag zur Aufnahme in die SED

„Ich wollte immer etwas werden“, berichtet Mackowiak. 1978 stellte er einen Antrag zur Aufnahme in die SED. Das erschien ihm natürlich, der Vater war dort. Die Partei war mächtig und streng. Als er in einem Jugendforscher-Kollektiv einmal darauf hinwies, dass für ihr Projekt Hydraulikteile fehlten, hieß es: „Genosse, du diskutierst negativ.“ Wenn er heute mit ehemaligen Kollegen zusammenkommt, sagt er diesen Satz manchmal. Dann lachen sie. Im Schrank zuhause liegen noch Kladden mit den Musiklisten der alten Sammlung selbstbespielter Tonbänder. Im Regal stehen Romane bekannter DDR-Autoren und Bücher vom Polit-Provokateur Thilo Sarrazin.

„Ich wehre ich mich gegen die Reduzierung der DDR auf Fahnenappell, Stasi und Staatsbürgerkunde.“

Mario Mackowiak

In einer Stadt wie Dortmund, wo viele Zuwanderer leben, „da würde ich nie wohnen wollen“, sagt Mackowiak. In eine Partei ist er nach der Wende nicht mehr eingetreten. Im Gemeinderat von Krauschwitz hat er sich der CDU-Fraktion angeschlossen. Ihm sei wichtig, dass der Bus- und Bahnverkehr ausgebaut wird, damit die jungen Leute nicht wegziehen und die Alten nicht so weit fahren müssen zum Arzt. „Wir müssen ja zugeben, dass wir mit dem Sozialismus und seiner Planwirtschaft gescheitert sind.“ Dennoch „wehre ich mich gegen die Reduzierung der DDR auf Fahnenappell, Stasi und Staatsbürgerkunde“.

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Die letzten Wochen vor dem Mauerfall hat Mackowiak als Zeit der Unsicherheit erlebt. „Es herrschte große Unruhe im Betrieb, pausenlos gab es Parteiversammlungen“, erinnert er sich. Dann ging die Mauer auf. „Ich hatte Angst, ich hatte Respekt davor.“

Vom Punk zum Kulturmanager

Hans-Conrad Walter protestierte einst gegen die DDR-Führung. Im Kino Babylon, vor dem der Kulturmanager steht, ist hinter ihm das Programm an der Fassade des Kinos zu lesen: „Goodbye GDR!“ Fotos (4): Gregor Fischer/dPA
Hans-Conrad Walter protestierte einst gegen die DDR-Führung. Im Kino Babylon, vor dem der Kulturmanager steht, ist hinter ihm das Programm an der Fassade des Kinos zu lesen: „Goodbye GDR!“ Fotos (4): Gregor Fischer/dPA

Hans-Conrad Walter (49) erlebte die Angst einen Monat vor dem Wendetag: Bei der Protestdemonstration in Ost-Berlin am 7. Oktober 1989 zog er mit Hunderten von Menschen zum Palast der Republik. Dort feierte Staatschef Erich Honecker den 40. Jahrestag der Gründung der DDR. „Da waren viele Stasi-Leute und Reporter vom Westfernsehen.“ Er habe erlebt, wie eine Demonstrantin von einem Polizisten festgehalten worden sei, „ein anderer schlug ihr immer wieder ins Gesicht“. Da habe auch er begonnen, sich zu wehren. Die Schlagstöcke, die Handschellen: den Begriff „friedliche Revolution“ findet Walter unscharf angesichts der Gewalt, die er erlebt hat.

Walter sagt, er habe wegen seiner nicht-systemkonformen Haltung nicht Bühnenbildner werden dürfen. Stattdessen machte er eine Ausbildung zum Maler und Anstreicher. Später fand er eine Anstellung als Heizer, Hausmeister und Filmvorführer im „Babylon“-Kino in Berlin-Mitte. Nach der Kundgebung im Oktober 1989 kommt er eine Woche in Haft. Es war nicht sein erstes Mal in Handschellen: Als Punk war er als Teenager angeeckt. „Ich mochte die Gleichmacherei nicht.“

Da Haarfärbemittel in knalligen Farben in der DDR nicht leicht zu kriegen waren, experimentierte Walter mit Freunden. Erst bleichten sie die Haare mit Wasserstoffperoxid. Dann mischten sie eine Mahagoni-Tönung mit einem Mittel gegen Fußpilz. Das Ergebnis war ein knallroter Irokesen-Schopf.

Die Jugendrebellion von einst merkt man Hans-Conrad Walter heute nicht mehr an. Doch ein Getriebener ist er immer noch, voller Ideen und Pläne - als Inhaber einer Firma für Kulturmarketing und -sponsoring, jemand der Menschen zusammenbringt und berät.

„Ich wollte nie aus dem Land heraus, ich wollte es umgestalten.“

Hans-Conrad Walter

Obwohl er mit Kumpels damals im Tutti-Frutti-Eiscafé saß, wo man West-Touristen treffen konnte, dachte Walter nicht an Flucht. „Ich wollte nie aus dem Land heraus, ich wollte es umgestalten“, sagt er.

Die Maueröffnung am 9. November kam für ihn überraschend. Er empfand sie als „großes Glück“, auch wenn die Wiedervereinigung so, wie sie ablief, aus seiner Sicht nicht „der Königsweg“ war. „Heute leben wir in einer Leistungsgesellschaft und stehen unter Leistungsdruck - für die Auseinandersetzung mit der Gesellschaft fehlt oft die Zeit“, sagt er und tritt vor das „Babylon“-Kino.

Die ehemalige Athletin

Heike Kahl (63) ist ein resoluter Typ mit klaren Ansagen. Menschen, die lieber auf „die da oben“ schimpfen, statt etwas zu bewegen, kann sie nur schwer ertragen. Ihre Heimatstadt Rostock fand die Buchhalter-Tochter nicht schön.

Heike Kahl war in der DDR eine erfolgreiche Eisschnellläuferin. Heute ist sie Vorsitzende der Geschäftsführung der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung.
Heike Kahl war in der DDR eine erfolgreiche Eisschnellläuferin. Heute ist sie Vorsitzende der Geschäftsführung der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung.

Der Eisschnelllauf bot die Chance zum Weggehen. Mit 14 kam sie in Berlin ins Sportinternat. Der Teenager fühlte sich wohl, galt als Nachwuchshoffnung. Dann wurde 1973 mit einem neuen Trainer vieles anders. „Es begann eine sehr strenge, harte Zeit“, erinnert sich Heike Kahl. Die Staatsführung habe gewollt, dass DDR-Sportler „schnell viele Medaillen erzielen“. Ein altes Bild zeigt sie mit dem ungeliebten Trainer, Wut sprüht aus ihrem Blick.

Im Jahr 1975 wurde sie in Schweden Vizeweltmeisterin im Eisschnelllauf und Juniorenweltmeisterin im Mehrkampf. Doch der Preis, den sie für die Erfüllung ihrer „Aufgaben“ zahlen sollte, wurde der Frau irgendwann zu hoch. „Wir haben nach den Wettkämpfen Infusionen bekommen. Irgendwann habe ich dann gefragt, was da drin war“, sagt die ehemalige Leistungssportlerin. Als sie bei den Olympischen Spielen in Innsbruck über 1000 Meter nur als Achte ins Ziel ging, wuchs der Druck, „unterstützende Mittel“ zu nehmen.

In diese Zeit fällt auch ihre Entfremdung vom politischen System. Sie kehrte der SED den Rücken und dem Spitzensport. Von einem Tag zum anderen durfte sie nicht mehr ins Berliner Sportforum, das schmerzte. Es stellte ihr Leben auf den Kopf. Dass sie trotzdem Literaturwissenschaft studieren konnte, führt sie darauf zurück, dass sie als Ex-Vorzeige-Sportlerin besser geschützt war. Sie wurde Mutter, heiratete, promovierte, fand eine Stelle in der Akademie der Künste.

Auf einem Foto aus den 80er Jahren trägt sie ein indisches Kleid, wie sie damals auch bei Alternativen im Westen modern waren. „Wir haben uns jedes Jahr gewundert, dass die DDR noch bestand – es war alles so schwerfällig.“

Statistik

  • Geburten:

    30 Jahre nach dem Mauerfall verschwinden die Unterschiede im familiären Zusammenleben zwischen Ost und West zusehends. Das zeigt sich etwa an der Zahl der Hochzeiten und dem Durchschnittsalter von Frauen bei der Geburt des ersten Kindes. Das Durchschnittsalter von Frauen bei der Geburt ihres ersten Kindes lag 1989 in der DDR noch bei etwa 23 Jahren, wie es weiter hieß. In der Bundesrepublik waren die Frauen mit rund 27 Jahren deutlich älter. 2018 bekamen Frauen in ganz Deutschland ihr erstes Kind noch später: Im Osten Deutschlands waren sie mit durchschnittlich 29 Jahren ein Jahr jünger als im Westen.

  • Hochzeiten:

    Die Eheschließungsziffer – die Zahl der Heiraten je 1000 Einwoher – war 1989 in der damaligen DDR noch höher als in der Bundesrepublik. Nach der deutschen Einheit kehrte sich das Bild um: 1991 betrug die Eheschließungsziffer im Osten nur noch 3,2, im Westen dagegen 6,3. Später näherten sich diese Werte an. Inzwischen ist die Häufigkeit in Deutschland insgesamt leicht gestiegen.

Als am 9. November die Mauer aufging, stand Heike Kahl in einer Berliner Turnhalle und leitete einen Aerobic-Kurs. Heute sagt sie: „Diese bedingungslose Euphorie, die Massenhysterie, die Bananen, das war mir alles suspekt.“ Für Kahl folgten Jahre voller Experimente. Sie arbeitete bei einem kleinen Verlag, der pleite ging, wurde arbeitslos. Ein Teil ihrer Freunde hielt dem Veränderungsdruck nicht stand. „Einige haben angefangen, morgens Wein zu trinken, weil plötzlich die Nische weg war und der Markt war da.“

Nach der Wende heiratete sie zum zweiten Mal. Ihre Lebensaufgabe fand sie 1994 bei der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung, wo sie bis heute Geschäftsführerin ist. Für ihr Engagement erhielt sie 2013 das Bundesverdienstkreuz.

Heike Kahl hat noch viel vor. Für Nostalgie und Groll ist kein Raum. „Ich habe meine Stasi-Akte nicht angeguckt“, sagt sie. Dann steigt sie aufs Fahrrad, tritt kräftig in die Pedale.

Der Wirt und die Stasi-Besucher

Ernst Bleske (76) aus Burg im Spreewald wollte es genau wissen. Deshalb war der Brandenburger enttäuscht, als man ihm sagte, seine Akte bei der Staatssicherheit in Leipzig sei wohl geschreddert worden. Die Akte, die man im Bezirk Cottbus über ihn angelegt hatte, habe er aber einsehen können, berichtet der pensionierte Koch.

Der Inhalt habe ihn zwar nicht überrascht, aber etwas betroffen gemacht, vor allem „dass ich von 15 Personen beobachtet wurde“. Dabei habe es über ihn gar nicht viel zu berichten gegeben. Politisch aktiv sei er nie gewesen. Er sei zwar damals CDU-Mitglied gewesen, aber nur aus praktischen Gründen: Weil der Mann, der im Bezirk für die Verteilung von Lebensmitteln an Handel und Gastronomie zuständig war, auch in der CDU war.

Ernst Bleske ist im Zweiten Weltkrieg geboren. Nach der achten Klasse beendete er die Schule, lernte Koch in einer staatlichen HO-Gaststätte. Es folgten Stationen an der Ostsee, in Bulgarien, auf der Messe in Leipzig. Als sich der Vater 1968 zur Ruhe setzte, übernahm er den Betrieb. Doch zur Frühjahrs- und Herbstmesse heuerte er weiter in Leipzig an - wegen der bezahlten Überstunden und weil er Lebensmittel abzweigen konnte, die er für den Privatbetrieb kaum bekam: Dorschleber, Mandarinen in der Dose und Ananas.

„Wir waren doch so erzogen.“

Ernst Bleske

„Ungefähr zweimal im Jahr kam die Preisinspektion, immer unangekündigt“, erinnert sich Bleske, der sein Restaurant mit den Gästezimmern inzwischen dem Sohn übergeben hat. Stimmte das, was auf den Teller kam, nicht mit dem überein, was der Gastwirt angegeben hatte, habe eine Strafe gedroht, wegen „Betrug am Volk“, erzählt er.

Ernst Bleske wirkt wie ein Mensch, der mit sich selbst im Reinen ist. Auch zu DDR-Zeiten sei es ihm nicht schlecht gegangen, erzählt er: „Wir waren doch so erzogen.“

Unrecht von Recht zu unterscheiden, solche Gedanken habe er sich erst viel später gemacht. Eine unangenehme Episode sei ihm aber bis heute in Erinnerung. In den 70er Jahren habe ihn die Stasi anwerben wollen. „Da kamen zwei Männer, die wollten mich sprechen“, erzählt Bleske. Er habe höflich abgelehnt. Bevor die Männer gegangen seien, hätten sie ihn gewarnt: „Sprechen Sie nicht mit Ihrer Frau darüber oder mit Ihrem Sohn“, andernfalls drohe eine Hausdurchsuchung. „Und dann finden wir schon etwas bei Ihnen.“ Er habe geschwiegen, jahrelang.

Am 9. November 1989 saß Bleske bei einer Versammlung in der Gaststätte seines Freundes. Als er hörte, dass man in den Westen durfte, fuhr er los. Doch der Stau in Richtung Berlin war so groß, dass er wieder umkehrte. Erst einen Monat später fuhr er schließlich hin. Im Dorf sei viel geredet worden damals: „Jeder hatte Angst, dass die Mauer wieder zugeht.“

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