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Bürgerrechte

50 Jahre nach Martin Luther King

Auch heute sind die Gräben zwischen Weißen und Schwarzen in den USA nicht überwunden. Eine Spurensuche in Tennessee.
Von Thomas Spang

Dr. Martin Luther King winkt am 28. August 1963 von der Lincoln Gedächtnisstätte in Washington den Demonstranten zu: Hier hielt King seine berühmte „I have a Dream“-Rede.Foto: dpa
Dr. Martin Luther King winkt am 28. August 1963 von der Lincoln Gedächtnisstätte in Washington den Demonstranten zu: Hier hielt King seine berühmte „I have a Dream“-Rede.Foto: dpa

Tennessee.Rhonda Bellamy Hodge hat auf ihrer Reise entlang der Wirkstätten Martin Luther Kings einen langen Weg zurücklegt. Zusammen mit ihren Kommilitonen der „Southern Methodist University“ in Dallas pilgerte die schwarze Geschichtsstudentin von Atlanta, dem Geburtsort des Bürgerrechtlers, über dessen Wirkstätten in Birmingham, Montgomery und Selma bis nach Memphis. „Die letzten Meter sind die schwersten“, gesteht die 28-Jährige, während sie gebannt auf die gespenstischen Aufnahmen starrt, die auf einen verbeulten Müllwagen der Stadtwerke von Memphis flackern. Sie liest die Schlagzeilen, die Martin Luther Kings Rede zu den streikenden Müllarbeitern ankündigen. Dabei verfolgt Rhonda die grausige Vorstellung, wie die Hydraulik-Presse eines dieser Fahrzeuge Echol Cole und Robert Walker bei lebendigem Leib zerquetschte. Der Tod der beiden Müllwerker war der Auslöser der Arbeitsniederlegungen, die King Anfang April 1968 in die am Mississippi gelegene „Bluff City“ brachten. Er wollte sich mit den Arbeitern solidarisieren, um seiner „Poor Peoples Campaign“ Flügel zu verleihen.

Martin Luther King und seine Frau Coretta Foto: Handout/dpa
Martin Luther King und seine Frau Coretta Foto: Handout/dpa

King thematisierte den Mangel an sozialer Gerechtigkeit als Wurzel der drei Sünden Armut, Rassismus und Militarismus, die Amerika fest im Griff hielten. King sprach prophetisch von „schwierigen Tagen vor uns“, die ihn aber nicht beunruhigten, weil er schon auf dem Gipfel des Berges gewesen sei und das gelobte Land gesehen habe. „Ich gehe dort vielleicht nicht mit Euch zusammen hin, aber wir als Volk werden das gelobte Land sehen. (...) Ich fürchte mich vor nichts.“

Wie immer stieg er im „Lorraine Motel“ ab, eine der wenigen Unterkünfte für Farbige in der rassengetrennten Südstaaten-Stadt. Und wie gewohnt nahm King auch wieder im Raum 306 Quartier. Das Zimmer ist die letzte Station in dem „Civil Rights Museum“ und emotionaler Höhepunkt für Rhonda, die King an dem Ort die letzte Ehre erweist, an dem James Earl Ray ihn vor 50 Jahren mit einem einzigen gezielten Schuss ermordete. „Es fühlt sich wie gestern an“, sinniert die Studentin, für die dieser Ort mehr Gegenwart als Geschichte ist.

Die Gefängnisse sind voll

Reverend Spencer Stacy (52) kann das gut nachvollziehen. „Der teuflische Geist des Rassismus lebt in unseren Systemen und Strukturen weiter“, klagt der Führer der Bürgerrechts-Koalition Micah, zu der sich 42 Kirchen, Gewerkschaften und Bürgerrechts-Gruppen zusammen geschlossen haben. „Viele derselben Müllarbeiter hier in Memphis verdienen heute noch immer keinen Lohn, von dem sie leben können.“ Im Wohnzimmer seiner Großmutter im ländlichen Kentucky hörte Spencer schon als Kind Schallplatten mit den Reden Dr. Kings. Dessen moralische Klarheit in sozialen Fragen motivierte ihn, selber Prediger zu werden. Heute leitet der charismatische Pastor die „New Direction“-Megakirche, der mehr als zehntausend Gläubige angehören. Der Reverend versteht es als seine Aufgabe, „die Stafette aufzuheben, die Dr. King fallen ließ, als er auf dem Balkon des Lorraine Motels zusammensackte“. Stacy sieht sich als Teil der „New Poor People Campaign“, die versucht, die in der „Mountain-Top“-Rede entfaltete Vision Kings zu realisieren. „Wir sind nirgendwo nahe am Gipfel. Wir müssen in die Täler gehen und die Arbeit erledigen“. Die Micah-Koalition in Memphis versucht genau das. Und kann sich dabei auf eine Studie des „Benjamin L. Hooks Instituts“ der staatlichen Universität von Memphis stützen. Diese hat im Auftrag des „Civil Rights Museums“ harte Fakten zusammengetragen. Die Soziologin Maria Elena Delavega (55) die Ergebnisse des „Poverty Reports“ zusammen, der untersucht, wie es Schwarzen und Armen seit dem Tod Kings vor 50 Jahren in Memphis ergangen ist.

In unserer Bilderstrecke erfahren Sie mehr über das Leben von Martin Luther King:

Das Leben von Martin Luther King

Die Befunde sind deprimierend. Obwohl Afro-Amerikaner durch Reformen des Bildungswesens heute vergleichbare Abschlussraten an Schulen und Universitäten erzielen, halten sich hartnäckig Einkommensunterschiede. Wie zu Zeiten Kings verdienen in Shelby County, zu dem Memphis gehört, Farbige nur halb so viel wie Weiße. „Die Afro-Amerikaner tun das, was wir von ihnen erwarten“, bilanziert Delavega, „sie machen aber wirtschaftlich keine Fortschritte.“ Jedes zweite schwarze Kind lebt in Armut. Die Armutsrate unter Afro-Amerikanern insgesamt liegt 2,5 Mal über der weißer Bürger.

Gut bezahlte Jobs sind in der von Fedex und anderen Logistik-Unternehmen geprägten Umschlag- und Warenlager-Stadt am Mississippi Fehlanzeige. Ebenso bezahlbarer Wohnraum, Gesundheitsfürsorge, Zugang zu gesunder Ernährung und öffentlichen Nahverkehr. Die Soziologin sieht „institutionalisierten und endemischen Rassismus am Werke“.

Wie Martin Luther King zur Ikone wurde

  • Ein Kämpfer und Hoffnungsträger

    Es war sein Traum, dass seine Kinder nicht nach ihrer Hautfarbe beurteilt werden, sondern nach ihrem Charakter. Martin Luther King war ein Afroamerikaner, ein Kämpfer, ein Hoffnungsträger für Millionen.

  • Deutschland-Besuch

    Im September 1964 war er in West-Berlin zu Gast und wollte auch in die DDR. Seine Einreise nach Ost-Berlin löste fast eine diplomatische Krise aus. Er war im Westteil und entschied sich zu einem Besuch auf der anderen Seite der Mauer. King überbrachte seinen Ost-Berliner Zuhörern Grüße aus West-Berlin und Amerika und prangerte die Mauer an.Martin Luther King jr. kam am 15. Januar 1929 in Atlanta im US-Bundesstaat Georgia zur Welt.

  • Familie

    Seine Mutter war Lehrerin, der Vater Prediger. Als junger Mann studierte er. King wurde Pfarrer in Montgomery im Bundesstaat Alabama und heiratete seine langjährige Freundin Coretta Scott Williams. Sie bekamen vier Kinder.

  • Aufstieg zur Ikone

    Sein Aufstieg zur Ikone der Bürgerrechtsbewegung begann 1955, als sich die schwarze Rosa Parks in Montgomery weigerte, ihren Platz im Bus für einen Weißen freizumachen. Sie wurde festgenommen. Es kam zu Protesten, King führte die Aktion an.

  • „I Have a Dream

    Höhepunkt war im August 1963 der Marsch auf Washington mit rund 250 000 Teilnehmern. „I Have a Dream“, rief King der Menge in seiner Rede zu, in der er die Vision der Gleichheit von Schwarz und Weiß entwarf.

  • Civil Rithgs Act

    Präsident John F. Kennedy hatte bereits im Juni einen Gesetzentwurf zur Gleichberechtigung vorgelegt, kam aber nicht voran in seinen Bemühungen. Er wurde im November 1963 ermordet, doch sein Nachfolger Lyndon B. Johnson führte den Plan zu Ende. Am 2. Juli 1964 wurde der Civil Rights Act verabschiedet.

  • Der Mord

    King wurde am Abend des 4. April 1968 er auf dem Balkon eines Motels in Memphis erschossen – der Rassist James Earl Ray wurde dafür verurteilt. King starb mit nur 39 Jahren. (dpa)

Einen Befund, den Anwalt Josh Spickler aus seiner Arbeit für „Just City“ nur teilen kann. Er beschäftigt sich mit einem Phänomen, das zu Lebzeiten Kings noch nicht bekannt war, sondern, so seine Analyse, erst eine Reaktion auf das Ende der Rassentrennung war. Seit Ende der 70er Jahre der sogenannte „Krieg gegen die Drogen“ begann, landeten Afro-Amerikaner überproportional hinter Gittern. Die Zahl der Gefangenen stieg von knapp einer halben Millionen USA-weit auf 2,3 Millionen Menschen an. Dabei wanderten fünf Mal so viele Schwarze ins Gefängnis wie Weiße. Ein Trend, der auch auf das Zentrum des Blues zutrifft. Die Zahl der schwarzen Gefängnis-Insassen stieg um 50 Prozent, während die weiße Gefangenenpopulation leicht abnahm. Spicklers Organisation „Just City“ hilft ehemaligen Gefangenen, wieder auf die Füße zu kommen. Denn mit dem Verbüßen der Strafe hören die Sanktionen lange nicht auf.

Eine unvollendete Mission

Solche Urteile begleiten die Betroffenen oft ein Leben lang – von der Jobsuche über die Möglichkeit eine Wohnung oder Kredite zu bekommen bis hin zu dem Ausschluss von Wahlen. Spickler macht die Strafjustiz als Paradebeispiel für strukturellen Rassismus aus. „Erst haben wir die Leute auf Schiffe gesteckt und gegen ihren Willen hier hingebracht, dann haben wir sie nach der Sklaven-Befreiung mit den Jim-Crow-Gesetzen unterdrückt. Und nach der Abschaffung der Rassentrennung erfanden wir das System des Wegschließens der schwarzen Männer.“ Memphis nahm dabei eine Vorreiter-Rolle ein. „Das ist der Geburtsort dieses Systems der Masseninhaftierung“, sagt Professor Andrew E. Johnson. der im Streit um den Verbleib von Südstaaten-Denkmälern in Memphis bis dahin unbeachtete Details aus der Biografie des Konföderierten-Generals Nathan Bedford Forrest ausgrub. Bis zur Demontage der Denkmäler vergangenen Dezember feierte Tennessee Forrest als „erfolgreichen Geschäftsmann“. Ohne zu sagen, womit er sein Geld verdiente: Sklavenhandel. Terri Johnson vom „Civil Rights Museum“ im ehemaligen „Lorraine Motel“ glaubt, King wäre gewiss „enttäuscht über diese Wohlstandskluft und das Strafrechtssystem mit seiner Gefangenen-Population“. Wenn am 4. April in den USA, aber auch in Deutschland und vielen anderen Ländern, die Glocken zum Gedenken an Kings Tod läuteten, sei das auch ein Signal, an die unvollendeten Aufgaben eines Bürgerrechtlers, der schon damals global dachte und lokal handelte. Wie bei dem Streik der Müllarbeiter in Memphis. Die unmittelbare Reaktion auf den bisher nicht lückenlos aufgeklärten Mord an King, zu dem noch rund 600000 Dokumente für zehn Jahre unter Verschluss bleiben, waren die größten Rassenunruhen in den USA seit Ende des Bürgerkriegs. Die blutige Bilanz: Mehr als 40 Tote und über 3000 Verletzte. Auch das war nicht im Sinne des Ermordeten, der arme Schwarze und Weiße in seiner „Armen-Kampagne“ zusammenbringen wollte.

Diese Aufgabe fällt nun seinen Erben zu, die unter Führung von William Barber, die „New Poor People Campaign“ organisieren, der sich auch Pastor Stacy und die Micah-Koalition angeschlossen haben. 50 Jahre nach dem Tod Martin Luther Kings versuchen sie aus den 95 Millionen Amerikanern, die von Lohntüte zu Lohntüte oder unter der Armutsgrenze leben, eine multi-ethnische Koalition zu schmieden. Die Studentin Rhonda Bellamy Hodge sieht am Ziel ihrer langen Reise im Zimmer 306 des „Lorraine Motel“ klarer als zuvor, wie aktuell Kings unvollendete Mission bleibt. Ihr Fazit zum 50. Todestag Kings: „Der Marsch geht weiter“.

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