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Bundestag

AfD fabriziert Nachrichten für „Fans“

„Newsroom“ im Bundestag macht Stimmung gegen Merkel und Flüchtlinge. Der AfD-Kanal eifert einem alten Bekannten nach.
Von Anne-Beatrice Clasmann

Die AfD-Mitarbeiter drehen Videos und posten Nachrichten auf Facebook und Twitter. Foto: Jörg Carstensen/dpa
Die AfD-Mitarbeiter drehen Videos und posten Nachrichten auf Facebook und Twitter. Foto: Jörg Carstensen/dpa

Berlin.„Liebesgrüße aus Berlin“, „es sollte nur noch AFD geben“, Smileys mit Herzchen auf den Augen und Zeichentrick-Kuscheltiere: In der Kommentarspalte neben dem Livestream feuern die Anhänger der AfD heute aus allen Rohren. Doch da kommt nicht nur Liebe raus. Ein Besucher der Facebook-Seite der AfD-Bundestagsfraktion schreibt: „abtreten Merkel und ins russische Arbeitslager !!!!!!“.

Publiziert hat den Livestream mit den Fraktionschefs Alexander Gauland und Alice Weidel die Medienabteilung der Fraktion, für die der parlamentarische Geschäftsführer Jürgen Braun zuständig ist. Zur Abteilung gehören die Pressestelle, Mitarbeiter, die sich um Öffentlichkeitsarbeit kümmern, ein kleines „Recherche-Team“ und eine sehr aktive Social-Media-Einheit, die AfD-Mitglied Mario Hau leitet. Hau sagt: „Wir haben nicht nur Wähler, wir haben auch Fans.“

Weidel ist die Quoten-Queen

Die jungen Mitarbeiter der Social-Media-Einheit drehen jeden Tag Videos und posten AfD-Inhalte auf Facebook und Twitter. Ihre Quoten-Queen ist Alice Weidel. Mehr als 230 000 User haben die Seite der Fraktionsvorsitzenden mit „gefällt mir“ markiert. Beim rechtsnationalen Thüringer AfD-Landeschef Björn Höcke haben rund 63 000 Nutzer das Daumen-hoch-Zeichen angeklickt.

„Wer zur Gewalt aufruft oder Symbole verfassungsfeindlicher Organisationen postet, der wird gesperrt.“

Mario Hau, Leiter Social-Media-Einheit

Zwei weitere Mitarbeiter der Social-Media-Einheit arbeiten von zuhause. Sie sind den ganzen Tag damit beschäftigt, die Kommentarspalten nach extremen Äußerungen zu durchsuchen. „Wer zur Gewalt aufruft oder Symbole verfassungsfeindlicher Organisationen postet, der wird gesperrt“, erklärt Hau. Das seien im Schnitt fünf bis zehn Prozent der Kommentare.

Die AfD hat ein gespaltenes Verhältnis zu den Medien. Einerseits wollen ihre Spitzenpolitiker in Talkshows eingeladen werden. Andererseits schimpfen sie auf ihren Parteitagen gerne auf die „Lügenpresse“, von der sie sich benachteiligt fühlen. Gauland beschwerte sich nach der Landtagswahl in Hessen Ende Oktober, ihn habe in Berlin am Wahlabend niemand vor der Kamera zu seiner Meinung befragen wollen. Die Pressekonferenzen, die der Sprecher der Fraktion, Christian Lüth, organisiert, sind jedoch manchmal so gut besucht, dass nicht alle Journalisten einen freien Stuhl finden.

AfD Medienleute

  • Journalisten:

    AfD-Medienmann Jürgen Braun Braun war früher selbst beim Fernsehen. Er hat den Ex-Sportjournalisten Holger Sitter zur AfD geholt, der nun als Koordinator der Medienabteilung arbeitet. Jörg Walter, früher Hörfunkmoderator beim SWR, vertont in einem Büro im Bundestag kurze Videos für die Fraktion.

  • Personalsorgen:

    Für die AfD sei es schwierig, gute Journalisten als Mitarbeiter zu gewinnen, sagt Braun. Von den 21 Planstellen für die Medienabteilung seien erst 16 besetzt. Kandidaten seien abgesprungen, weil sie die gesellschaftliche Ächtung gefürchtet hätten, die eine Tätigkeit für die AfD mit sich bringen könne.

Mit ihrem Fokus auf direkte Kanäle, in denen es keine kritischen Journalisten-Fragen gibt, ist die AfD ganz nah bei US-Präsident Donald Trump, der Weltpolitik lieber auf Twitter macht als in langatmigen Konferenzen mit Dutzenden von Staatschefs. „Unsere Anhänger und Interessenten wollen unsere Sichtweise direkt und unverfälscht sehen. Die wollen quasi AfD pur erleben“, erklärt Braun. Und: „Wir haben es einfacher als die etablierten Parteien, die ihre Strukturen erst so umbauen müssen, dass sie auf die veränderten Gewohnheiten der Menschen passen.“ Die AfD als neue Partei habe von Anfang an auf eine starke Präsenz in den sozialen Medien gesetzt.

„Recherche-Einheit“ in Chemnitz

Die AfD bezieht in ihre Medienarbeit auch Zeitungen ein, wie hier die BILD. Foto: Jörg Carstensen/dpa
Die AfD bezieht in ihre Medienarbeit auch Zeitungen ein, wie hier die BILD. Foto: Jörg Carstensen/dpa

Hinter dem Schreibtisch von Social-Media-Direktor Hau hängt eine Magnettafel. Darauf findet sich ein Tagesplan, an dem sich sein Team orientiert, wenn keine Pressekonferenzen und AfD-Reden im Bundestag anstehen. Da steht: „10.00 Uhr Thema finden!, 11.00 Uhr Text + Vertonung!, 12.00 Uhr Video!“ Unter der Rubrik „Merkel muss weg!“ klebt hier heute ein Titelblatt der „Bild“-Zeitung mit der Überschrift: „Polit-Beben in Berlin. Merkel am Ende ihrer Macht“. Daneben eine Liste von Argumenten, mit denen die AfD Stimmung machen will gegen den UN-Migrationspakt, für den die Bundesregierung wirbt.

Zwei Türen weiter ist das AfD-Bürgerbüro untergebracht, wo ein Mann mit Headset Emails und Anrufe beantwortet. „Mmh, mmh“, kommentiert er den Redefluss eines Anrufers mit verständnisvoller Stimme. Im gleichen Flur liegt ein großer Raum mit der Aufschrift „Newsroom“. Wer dahinter eine dynamische Truppe erwartet, die für die AfD Nachrichten sammelt, schreibt und telefoniert, wird enttäuscht. Bis auf ein paar Tische ist der Raum weitgehend kahl. Braun sagt, ein Mitarbeiter der „Recherche-Einheit“ sei gerade in Chemnitz unterwegs, um dort etwas herauszufinden. (dpa)

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