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Ostern

Aleppo soll wieder stehen

Die syrische Stadt Aleppo liegt in Trümmern. Doch einige planen schon vom ungarischen Exil aus ihren Wiederaufbau.
Von Iris Mostegel

Aleppo ist zerstört. Noch während die Bomben fallen, entstehen Pläne für den Neubeginn. Foto: dpa
Aleppo ist zerstört. Noch während die Bomben fallen, entstehen Pläne für den Neubeginn. Foto: dpa

Über Aleppo fallen Bomben, über Budapest fällt Regen, dazwischen liegen 1947 Kilometer und eine hellblaue Website, die die scheinbar unvorstellbare Frage stellt: Wenn der Krieg morgen endet, wie soll Aleppo wiederaufgebaut werden? „Je früher wir uns Gedanken darüber machen, umso besser ist das später für die Stadt. Wir brauchen fertige Konzepte, wenn es losgeht“, sagt der Exil-Aleppiner AlHakam Shaar vom Institut für Konfliktforschung (CCNR) an der Central European University in Budapest. Der 29-Jährige ist einer der vier Köpfe hinter der hellblauen Website, dem Ergebnis eines multidisziplinären Projekts, in dem Aleppos Bürger – vor allem jene, die geflüchtet sind – im Zentrum stehen. Sie sollen ihre Wünsche und Visionen zum Wiederaufbau ihrer Heimatstadt deponieren: Umfragebögen von Stadtplanern beantworten, Kommentare einsenden, auf interaktiven Stadtkarten Bilder pinnen.

Wie kann man so bauen, dass ethnisch-konfessionelle Spannungen in der vormals 2-Millionen Einwohner-Metropole Aleppo reguliert werden? Der 29-jährige Aleppiner AlHakam Shaar bespricht mit seiner amerikanischen Kollegin Meghan Moore mögliche Optionen. Foto: Iris Mostegel
Wie kann man so bauen, dass ethnisch-konfessionelle Spannungen in der vormals 2-Millionen Einwohner-Metropole Aleppo reguliert werden? Der 29-jährige Aleppiner AlHakam Shaar bespricht mit seiner amerikanischen Kollegin Meghan Moore mögliche Optionen. Foto: Iris Mostegel

Noch steht das vor drei Monaten gestartete Projekt am Beginn, doch bereits jetzt ließen sich einige Trends ablesen. „Ebenso wie Aleppiner wissen, was sie wollen, wissen sie, was sie nicht wollen. Zum Beispiel gibt es einige Gebäude des syrischen Geheimdienstes, die im Krieg zerstört wurden – die will man keinesfalls wiederaufgebaut wissen. Diese Bauten sind Symbole für Folter und Entsetzen“, erzählt Shaar von einer unter 1001 Aleppinern durchgeführten Umfrage. „Dagegen ist ihnen die Wiederherstellung kulturhistorischer Denkmäler sehr wichtig. Das hat für sie viel mit Identität zu tun.“

Nur mit Bevölkerung gelingt Wiederaufbau einer Stadt

2012 aus Aleppo geflohen, gehört Shaar neben dem 26-jährigen Armenak Tokmajyan zu den zwei Aleppinern des Projekts, das vom neuseeländischen Konfliktforscher Robert Templer, Direktor des CCNR, ins Leben gerufen wurde. Jetzt sitzt der rotbärtige Neuseeländer neben dem braunbärtigen Shaar und der amerikanischen Kollegin Meghan Moore im Arbeitsraum Nr. 206 des Budapester Instituts: Papiertürme am Schreibtisch, ein paar übergeworfene Krawatten am Kleiderständer, in der Ecke eine zusammengerollte Landkarte. Das ist die Zentrale des „Aleppo-Projekts“, in der die hoffnungsreichen Visionen von Aleppinern zusammenlaufen, aber auch deren Dokumente zur Vergangenheit und Gegenwart der Stadt gesammelt werden.

Ziel ist die Schaffung einer Wissensdatenbank, die als Basis für den Wiederaufbau herangezogen werden kann. Dieser wiederum könne nur mit der Beteiligung der Leute gelingen, ist Templer überzeugt. Der neuseeländische Konfliktforscher hat sich mit der Geschichte anderer Kriegsstädte beschäftigt und kam zu dem Schluss, dass Erfolg oder Misserfolg eines Wiederaufbaus unmittelbar davon abhänge, inwieweit die Bevölkerung miteinbezogen ist. „Wenn man sich die gescheiterten Beispiele anschaut, findet man einen gemeinsamen Faktor: Überall dort, wo die Stadtbewohner nicht mitreden durften, ist es daneben gegangen, ob Beirut oder Sarajevo, ganz zu schweigen von Kabul.“

Die Zitadelle von Aleppo vor dem Bürgerkrieg Foto:  Manuel Meyer/dpa
Die Zitadelle von Aleppo vor dem Bürgerkrieg Foto:  Manuel Meyer/dpa

Doch neben der Beteiligung von Bürgern braucht es auch Experten: Wie kann man so bauen, dass ethnisch-konfessionelle Spannungen abgefedert werden? In welcher Prioritätensetzung soll man was zuerst aufbauen? Wer entfernt das Geröll zerstörter Gebäude, wo soll dieses abgeladen werden? Und was, wenn sich darunter unentschärfte Granaten oder toxischer Müll befindet? Ist ein Krieg zu Ende, tun sich zeitgleich Dutzende Fragen auf.

Deshalb hat man in Budapest begonnen – parallel zur Befragung von Aleppinern – ein Netz an Stadtplanern, Architekten, Politikstudenten und Konfliktforschern aufzuspannen, die das benötigte fachliche Unterfutter erarbeiten. Open collaboration heißt das Prinzip, sprich jeder vom Professor bis zum Flüchtling ist mit seinem Wissen willkommen. Und jene Syrer, die Aleppo einmal wiederaufbauen werden, sollen künftig über die hellblaue Website thealeppoproject.com auf das Datenmaterial zugreifen können. „Eine Garantie, dass es dann tatsächlich verwendet wird, haben wir aber nicht“ , sagt Templer nachdenklich.

In der Nähe der Zitadelle von Aleppo, die zum Weltkulturerbe zählt, wurde ein Hotel zerstört. Auch die Burg aus dem 13. Jahrhundert wurde in Mitleidenschaft gezogen. Foto: dpa
In der Nähe der Zitadelle von Aleppo, die zum Weltkulturerbe zählt, wurde ein Hotel zerstört. Auch die Burg aus dem 13. Jahrhundert wurde in Mitleidenschaft gezogen. Foto: dpa

Von wirklichem Wiederaufbau ist derweil weit und breit keine Spur. Noch ist der frühere wirtschaftliche Nabel Syriens bitter umkämpft. Die blutige Frontlinie zwischen Regierungstruppen und Rebellen verläuft quer durch die Stadt. Allein das historische Zentrum und Weltkulturerbe ist UN-Schätzungen nach zu 60% zerstört. Und keine 15 Kilometer entfernt wehen die ersten schwarzen Fahnen des IS. Sind da Wiederaufbauprojekte bei allem Optimismus nicht verfrüht? Nein, glauben mittlerweile erstaunlich viele. Denn unabhängig vom Budapester Projekt haben sich immer mehr Initiativen formiert, um für die Stunde Null vorzusorgen: Von Beirut und dem UN-Projekt „National Agenda for the Future of Syria“ bis nach Berlin zum deutsch-syrischen Archäologen Mamoun Fansa, dem Deutschen Archäologischen Institut oder der BTU Cottbus – betriebsam wird an Plänen für das Morgen gearbeitet. Die Projektziele sind unterschiedlich, der Ansatz ist einer: Bereit sein, wenn es losgeht.

Manche Orte haben einen heilenden Effekt

Ein schwieriges Unterfangen in Syrien, zumal es dort neben dem Wiederaufbau von Gebäuden vor allem um den Wiederaufbau einer zerrissenen Bürgerkriegsgesellschaft geht. Das Budapester Team ist sich des Spagats bewusst und will das eine durch das andere beeinflussen. Ein wesentlicher Faktor, sagen sie, sei das gezielte Vermischen der Bevölkerungsgruppen.

„Wenn man physisch komplett voneinander getrennt ist, wird es unheimlich leicht, sich das Schlimmste über den jeweils anderen auszumalen.“

Robert Templer, Konfliktforscher

Etwa durch das Zusammenspannen verschiedener Nachbarschaften in gemeinschaftlichen Wiederaufbau-Projekten, oder durch den Bau von Orten, in denen die Leute auf natürliche Weise vermischt werden. „Ein Beispiel“, sagt Templer. „Bagdad ist durch hohe Betonmauern in eine Art ethnische Enklaven geteilt. Wenn man physisch aber komplett voneinander getrennt ist, wird es unheimlich leicht, sich das Schlimmste über den jeweils anderen auszumalen.“ Die Schlussfolgerung für Aleppo laute daher: Jene Plätze wiederherstellen, die unterschiedlichste Bevölkerungsgruppen zusammenbrachten. Den 2012 zerstörten historischen Souk etwa, wo „der eine hingegangen ist, um Gemüse zu kaufen, der andere, um ein Vermögen für Gold auszugeben – unabhängig von Herkunft, Konfession oder Weltanschauung. Solche Orte haben einen heilenden Effekt auf gespaltene Gesellschaften.“

„Diese Gebäude aus Karton sollen eines Tages Wirklichkeit werden.“

Mohammed Qutaish (13), syrischer Schüler

Von der Heilung seines Landes träumt auch der 13-jährige syrische Schüler Mohammed Qutaish in Aleppo. Vermutlich kennt er weder das Wiederaufbau-Projekt aus Budapest noch die anderen Initiativen zu seiner Heimatstadt. Er hat sich aber im Vorjahr selbst seine Gedanken zur Zukunft gemacht und in der Werkstätte seines Vaters aus Karton und Papier eine riesige Modellstadt eines künftigen Aleppo gebaut. Architekt, sagt er in die TV-Kamera eines Channel 4 Teams, wolle er werden. „Diese Gebäude aus Karton sollen eines Tages Wirklichkeit werden.“ Dann schwenkt die Kamera auf einen kleinen Zettel, den der 13-Jährige an die Wand geklebt hat. „Die anderen zerstören, wir bauen wieder auf“, hat er darauf geschrieben.

Drei Flugstunden von Mohammed entfernt sagt Templer in Budapest einen ähnlichen Satz. „Aleppo wurde in seiner langen Geschichte mehrfach zerstört, aber jedes Mal wiederaufgebaut. Bisher ist diese Stadt noch immer zurückgekommen.“

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