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Geschichte

Als die Revolution nach Berlin kam

Vor 25 Jahren demonstrierten auf dem Alexanderplatz eine halbe Million Menschen gegen das SED-Regime. Das Ende der DDR war besiegelt.
Von Reinhard Zweigler, MZ

  • Nahezu eine Million Menschen strömten nach offiziellen Schätzungen am 4. November 1989 auf den Ostberliner Alexanderplatz. Foto: dpa
  • „Ich hatte noch große Angst. Zum einen, weil ich nicht wusste, wie viele Menschen kommen würden. Zum anderen, weil ich befürchtete, dass die Stasileute Gewalt provozieren würden“, bekannte der Wittenberger Pfarrer und Bürgerrechtler Friedrich Schorlemmer später. Foto: dpa

Berlin.Als sie sah, dass die Hände von Ex-Spionagechef Markus Wolf zitterten, weil die Leute gepfiffen haben bei seinem Auftritt, da meinte die inzwischen verstorbene Bürgerrechtlerin Bärbel Bohley zu Jens Reich, dem Mitbegründer der Oppositionsgruppe Neues Forum: „So, jetzt können wir gehen, jetzt ist alles gelaufen. Die Revolution ist unumkehrbar.“

Es waren schließlich schätzungsweise 500 000 Menschen, so die Zahl des DDR-Staatssicherheitsdienstes, die sich am Morgen des 4. November 1989 nach und nach zur Demonstration auf dem Alexanderplatz einfanden. Und es war die erste offiziell genehmigte Demonstration, die nicht von der SED und ihrem Machtapparat, sondern von Leuten aus dem Volk beantragt und ausgerichtet wurde.

Am 9. Oktober musste die Staatsmacht in Leipzig zum ersten Mal mutigen Demonstranten die Straße überlassen. Berlin brachte nun den endgültigen Durchbruch der friedlichen Revolution. Das DDR-Fernsehen übertrug die vierstündige Abschlusskundgebung ohne vorherige Ankündigung live. „Das Volk hat seine Sprachlosigkeit überwunden“, lautete der Kommentar aus Adlershof, wo man sich der alten Führung des Staatsfernsehens entledigt hatte.

Die Angst vor der Stasi war groß

Die Idee für die Demonstration hatten Schauspieler von Ost-Berliner Theatern. Zwei Wochen zuvor diskutierten sie auf einer Versammlung leidenschaftlich die Übergriffe von Polizei und Stasi gegen Demonstranten am 7. Oktober. Die Schaupielerin Jutta Wachowiak machte auf Anregung des Neuen Forums schließlich den Vorschlag einer Demonstration für eine demokratische DDR. Die Demonstration wurde unter Berufung auf die Versammlungs- und Pressefreiheit in der DDR-Verfassung angemeldet und von den Behörden sogar genehmigt, was damals einer Sensation gleichkam.

Pünktlich um zehn Uhr startete der Demonstrationszug vor dem Gebäude der DDR-Nachrichtenagentur ADN. Ganz vorn gingen Schauspieler mit Schärpen „Keine Gewalt“. Es war anfangs unwirklich still, fast andächtig. Der Wittenberger Pfarrer und Bürgerrechtler Friedrich Schorlemmer bekannte später: „Ich hatte noch große Angst. Zum einen, weil ich nicht wusste, wie viele Menschen kommen würden. Zum anderen, weil ich befürchtete, dass die Stasileute Gewalt provozieren würden.“

Und tatsächlich waren Hunderte Stasi-Leute im Einsatz. Die Video-Kameras des Sicherheitsapparates rund um den Platz nahmen alles auf. Und die Berliner SED-Bezirksleitung hatte Tausende Genossen auf die Straße geschickt. Polizei war dagegen kaum zu sehen.

Zum ersten Mal brandete Beifall auf, als der Schriftsteller Stefan Heym (damals 76) in der Menge erkannt wurde. Der von der SED-Führung verfemte Dichter sagte später auf der improvisierten Bühne auf einem Lastwagen das, was wohl viel dachten: „Es ist, als habe einer die Fenster aufgestoßen! Nach all’ den Jahren der Stagnation - der geistigen, wirtschaftlichen, politischen - den Jahren von Dumpfheit und Mief, von Phrasengewäsch und bürokratischer Willkür, von amtlicher Blindheit und Taubheit.“

Mit der Zeit entspannten sich die Menschen

Mit der Zeit wurde die Atmosphäre lockerer. Immer mehr Plakate wurden entrollt und die hatten so gar nichts mehr zu tun mit den jahrelang vorgegebenen SED-Losungen. Nun war etwa zu lesen: „Freiheit, Gleichheit, Ehrlichkeit“, „Glasnost und nicht Süßmost“, „SED allein - das darf nicht sein“, „Kein Artenschutz für Wendehälse“, „Pässe für alle - der SED den Laufpass“, „Sägt die Bonzen ab - nicht die Bäume“ oder „Jetzt geht es nicht mehr um Bananen, jetzt geht es um die Wurst“. Es ging um Meinungs- und Reisefreiheit und um die Abschaffung des Machtmonopols der SED. Einige beklebten das Gebäude des DDR-Scheinparlaments Volkskammer mit der Losung „Demokratie jetzt und hier“. Und die couragierte Schauspielerin Steffie Spira nahm später eine Losung in ihrer Rede auf: „Mein Vorschlag für den 1. Mai: Die Führung zieht am Volk vorbei!“

Der Demonstrationszug wurde immer länger. Eine Ende war nicht abzusehen. Der Menschenzug schlängelte sich die Karl-Liebknecht-Straße, Unter den Linden entlang bis zum Palast der Republik - und bog dort brav nach links ab, zurück über die Rathausstraße zum Alex. Im Vorfeld hatten Sicherheitskräfte befürchtet, die Demonstration könne die Berliner Prachtstraße Unter den Linden entlang direkt bis zum Brandenburger Tor marschieren. Doch man hielt sich an die vorgegebene Route. Die Mauer, die fünf Tage später fiel, blieb an diesem Tag tabu.

Der Schauspieler Ulrich Mühe eröffnete gegen halb zwölf die Ansprachen. „Es war einfach wunderbar“, meinte der Künstler, der Jahre später mit dem Stasi-Film „Das Leben der Anderen“ in Hollywood den Oscar bekam. Einprägsam waren auch andere Redner. Der Dramatiker Heiner Müller oder die Schauspieler Johanna Schall und Jan-Josef Liefers, der heutige„Tatort“-Star. Beifall ernteten auch die Bürgerrechtlerin Marianne Birthler oder der Molekularbiologe Jens Reich. Spärlicher beklatscht wurden der Anwalt Gregor Gysi oder der damalige Chef der Potsdamer Filmhochschule Lothar Bisky, die als SED-Reformer auftraten.

Schonungslos ausgepfiffen wurden schließlich Markus Wolf oder der spätere „Maueröffner wider Willen“ Günter Schabowski. Hunderttausende auf dem Alexanderplatz und wahrscheinlich Millionen an den Fernsehern zu Hause erlebten am jenem 4. November eine Art Volksfest der friedlichen Revolution. Voller Witz, Energie und Fantasie. Radikal, aber doch besonnen. Nur Wolf Biermann, der von Bärbel Bohley zum Singen auf den Alex eingeladen war, durfte nicht teilnehmen. An der Grenzübergangsstelle Friedrichstraße verweigerten ihm die DDR-Grenzorgane den Eintritt in die DDR.

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