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Innenpolitik

Angela Merkels junge Wilde

Die Partei der Kanzlerin steht vor der Erneuerung: Doch wer sind die aussichtsreichsten Anwärter auf eine CDU-Führungsrolle?
Von Reinhard Zweigler, Berlin-Korrespondent

Bundeskanzlerin Angela Merkel Foto: Maurizio Gambarini/dpa
Bundeskanzlerin Angela Merkel Foto: Maurizio Gambarini/dpa

Jens Spahn: Symbolfigur der Unzufriedenen

Schon in der Abiturzeitung offenbarte Jens Spahn seinen ehrgeizigen Berufswunsch: Kanzler wolle er werden. In der Jungen Union machte der 1,92-Mann aus dem Münsterland Karriere. Mit 22 Jahren zog er in den Bundestag und wollte dort keinesfalls als „Hinterbänkler enden“. Der 37-jährige Noch-Finanzstaatssekretär hat sich in den vergangenen drei Jahren als Symbolfigur der Unzufriedenen mit Angela Merkels Kurs, vor allem in der Flüchtlingspolitik, einen Namen gemacht. Offen kritisierte er die Willkommens-Kultur der Kanzlerin, verlangte eine Begrenzung der Flüchtlingszahlen, Abschreckung, den Mut zu Bildern weinender Frauen und Kinder, die abgeschoben werden. Auf dem Parteitag 2016 setzte er gegen Merkel ein Nein zur doppelten Staatsbürgerschaft durch. Mit dem sieben Jahre jüngeren österreichischen Kanzler Sebastian Kurz ist Spahn, der kürzlich seinen Lebenspartner ehelichte, befreundet. Die große Frage ist, ob Merkel ihren größten innerparteilichen Kritiker in die Regierung holen wird.

Carsten Linnemann: Das wirtschaftspolitische Gewissen

Carsten Linnemann,  Vorsitzender der Mittelstands- und Wirtschaftsvereinigung der CDU/CSU Foto: Guido Kirchner/dpa
Carsten Linnemann, Vorsitzender der Mittelstands- und Wirtschaftsvereinigung der CDU/CSU Foto: Guido Kirchner/dpa

Die Ressortaufteilung, vor allem der Verlust des Finanzministeriums, „geht mitten ins Mark der CDU“, monierte Carsten Linnemann. Für seine Partei könnte sich der Tag der Verkündung des Koalitionspapiers von Union und SPD, der 7. Februar, als Zäsur herausstellen, „als Anfang vom Ende der Volkspartei CDU“. So heftig hatte keiner der führenden CDU-Politiker das Vertragswerk und das Verhandlungsgeschick der Kanzlerin kritisiert. Lange war die ehemals einflussreiche Mittelstands- und Wirtschaftsvereinigung von CDU und CSU (MIT) nahezu in der Bedeutungslosigkeit verschwunden. Und das Wirtschaftsministerium wurde jahrzehntelang von FDP- und SPD-Politikern besetzt. Linnemann, der von 1997 bis 2001 auch Chef der Jungen Union war, verschafft als neuer MIT-Chef dem Unions-Wirtschaftsflügel wieder Beachtung. Der jugendlich wirkende Paderborner gilt als Vertreter des wirtschaftspolitischen Gewissens der CDU. Er hat noch Großes vor.

Michael Kretschmer: Sachsens Senkrechtstarter


Ausgerechnet kurz vor seinem größten Karrieresprung musste Sachsens CDU-Senkrechtstarter Michael Kretschmer seine schwerste Niederlage hinnehmen: Bei der Bundestagswahl verlor der 42-jährige Görlitzer sein Direktmandat an einen bis dahin unbekannten Malermeister und AfD-Kandidaten. Dabei hatte sich Kretschmer als CDU-Generalsekretär in Sachsen klar von der Flüchtlingspolitik der Kanzlerin distanziert, forderte eine deutsche Leit- und Rahmenkultur, zeigte Verständnis für die Pegida-Proteste und befürwortete den Bau des ungarischen Grenzzauns. Dennoch oder gerade deswegen machte ihn Ministerpräsident Stanislaw Tillich, der wegen des schwachen Abschneidens der CDU in Sachsen – knapp hinter der AfD – das Handtuch geworfen hatte, zu seinem Nachfolger. Kretschmer muss nun als Landesvater Erfolge liefern – und die Landtagswahl 2019 gewinnen. Schafft er das, könnte er seine Karriere fortsetzen.

Julia Klöckner: Freundliche Weinkönigin

Julia Klöckner, Vorsitzende der CDU Rheinland-Pfalz Foto: Gregor Fischer/dpa
Julia Klöckner, Vorsitzende der CDU Rheinland-Pfalz Foto: Gregor Fischer/dpa

Bereits zwei Mal stand sie ganz oben: 1994 wurde die Tochter aus einer konservativ-katholisch geprägten Winzerfamilie Julia Klöckner Weinkönigin im Anbaugebiet Nahe und ein Jahr später sogar für ganz Deutschland. Die stets freundlich lächelnde CDU-Politikerin machte sich auch als junge Abgeordnete im Bundestag, in den sie 2002 einzog, einen Namen. Auf Landesebene in Rheinland-Pfalz scheiterte sie jedoch zwei Mal als Herausforderin der SPD-Ministerpräsidentin Malu Dreyer. Viele meinten, damit wäre Klöckners Karriere beendet. Angela Merkel behielt die inzwischen 45-Jährige jedoch immer im Blick. Sie wurde 2012 zur Vize-Vorsitzenden der CDU gewählt und gilt als Vertraute der Kanzlerin. Klöckner, derzeit noch Fraktionschefin der CDU im rheinland-pfälzischen Landtag, wird jetzt als heiße Anwärterin auf das Ministerium für Landwirtschaft und Ernährung gehandelt, in dem sie von 2009 bis 2011 unter der CSU-Ministerin Ilse Aigner bereits Staatssekretärin war.

Daniel Günther: Pragmatischer Jamaika-Premier

 Daniel Günther, CDU-Ministerpräsident von Schleswig-Holstein Foto: Gregor Fischer/dpa
Daniel Günther, CDU-Ministerpräsident von Schleswig-Holstein Foto: Gregor Fischer/dpa


Die Kieler Landesregierung von Ministerpräsident Daniel Günther galt als eine Art Blaupause für Jamaika auch im Bund. Nächtelang hatte der 44-jährige CDU-Politiker mit Grünen und Liberalen zusammengesessen und Vertrauen aufgebaut. Das war die Basis für die schwarz-grün-gelbe Koalition im Norden. Merkel stand dem jungen Pragmatiker anfangs reserviert gegenüber. Doch dass der im Mai 2017 den SPD-Amtsinhaber Torsten Albig schlagen und schließlich Jamaika zustande bringen konnte, nötigte ihr Respekt ab. Bei den GroKo-Verhandlungen in Berlin spielte der Hobbyläufer Günther eine wichtige Rolle. Der Katholik und Vater einer Tochter lässt sich nicht in Schubladen einsortieren. 2016 kritisierte er die „Doppelpassregelung“ und mahnte an, dass öffentliche Kantinen weiterhin Schweinefleisch anbieten müssten, was einige aus Rücksicht auf muslimische Flüchtlinge streichen wollten. Zugleich trat er für die gleichgeschlechtliche Ehe und das Adoptionsrecht für Homosexuelle ein.

Paul Ziemiak: Mahnender Jung-Unioner


Der 1985 im polnischen Stettin geborene und 1988 mit seinen Eltern ins westfälische Iserlohn übersiedelte Chef der Jungen Union ist gewissermaßen das konservative Pendant zum fast schon revolutionären Chef der Jungsozialisten (Jusos), Kevin Kühnert. Gegen die offizielle Linie der CDU-Führung würde der Katholik wohl nie mit solcher Leidenschaft aufbegehren. Ziemiak verpackt die Kritik der Jung-Unioner diplomatischer. Die Rentenpläne der künftigen GroKo findet er nicht überzeugend. Sie gingen zu Lasten der jungen Generation. Er mahnt die Konzentration auf Zukunftsthemen, wie Digitalisierung und Bildung, an. Attacke auf Merkels Politik wird eher indirekt gefahren, indem etwa Unions-Hoffnungsträger wie Jens Spahn oder Markus Söder auf Deutschlandtagen der JU wie Popstars gefeiert werden. Im September zog Ziemiak in den Bundestag ein. Dass er jetzt mit einem Regierungsamt betraut wird, gilt als unwahrscheinlich.

Alles zur Nominierung Annegret Kramp-Karrenbauers zur CDU-Generalsekretärin lesen Sie hier.

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