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Kommentar

Aufklärung fängt erst an

Ein Kommentar von Christine Straßer, MZ

Der vom Bistum Regensburg und den Regensburger Domspatzen eingesetzte Gutachter hat seine Arbeit gemacht. Rechtsanwalt Ulrich Weber hat bewiesen, dass er seine Auftraggeber nicht schont. Das ist die positive Erkenntnis. Sie sollte ehemaligen Domspatzen, die mit dem Gedanken spielen, sich bei ihm zu melden, den Mut geben, das zu tun. Nur so kann Art, Ausmaß und Intensität der Geschehnisse und der Umgang mit denselben möglichst exakt erfasst werden. Webers Erkenntnisse könnten somit eine umfassende Aufklärung des Missbrauchsskandals in Gang bringen.

Beschämend ist das, was Weber zutage förderte, für das Bistum Regensburg. Bislang ging es von rund 70 Jungen aus, die in der damaligen Domspatzen-Vorschule von Betreuern massiv drangsaliert und brutal geprügelt worden sind. Zur Zahl der Opfer sexuellen Missbrauchs im gesamten Bistum hieß es nach kircheninternen Ermittlungen, dass seit 1945 rund 80 Kinder betroffen gewesen seien, darunter etliche Domspatzen. Weber ermittelte innerhalb weniger Monate mehr als dreimal so viele Gewaltopfer. Darüber hinaus erfasste der Rechtsanwalt bisher 60 mutmaßliche Opfer sexuellen Missbrauchs – allein bei den Domspatzen. Und: Die gemeldeten Fälle reichen bis in die Nullerjahre.

Es war ein großer Fehler des Bistums, sich am Freitag nicht zu äußern. Seit Jahren steht es immer wieder in der Kritik, das Ausmaß des Missbrauchsskandals vertuschen zu wollen und Opfer hinzuhalten. Das erneute Schweigen nährt den Verdacht, dass an dem Vorwurf, es gebe gar nicht den notwendigen Willen zu einer lückenlosen Aufklärung, etwas dran ist.

Die nächste Chance sollte das Bistum nicht so einfach verstreichen lassen. Sie tut sich Anfang Februar auf, wenn sich das beratende Kuratorium erstmals trifft. Die Opfer haben einerseits große Hoffnungen, dass sich etwas tut, wenn sie mit Bischof Rudolf Voderholzer an einem Tisch sitzen. Andererseits ist für sie auch klar: Eine Untersuchung der Aufarbeitung des Missbrauchsskandals durch Rechtsanwalt Weber allein reicht nicht. Der Jurist, der seit Jahren auch für die Opferorganisation Weißer Ring arbeitet, kann eine umfassende Aufarbeitung der Vorkommnisse gar nicht leisten. Dazu bräuchte es ein Engagement ähnlich wie im oberbayerischen Benediktinerkloster Ettal. Ist das Bistum dazu nicht bereit, wollen die Opfer selbst eine inhaltliche Aufarbeitung finanzieren.

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