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Bayern blickt auf Regensburger Synagoge

Aus der Asche wiederauferstanden: Die älteste jüdische Gemeinde des Freistaats erhält ihr Gotteshaus zurück
Von Helmut Wanner

 Tanz unterm Baldachin: Rabbiner Josef Chaim Bloch überführt die Thorarollen mit seinen Rabbiner-Kollegen in die neue Synagoge. Foto: altrofoto.de
Tanz unterm Baldachin: Rabbiner Josef Chaim Bloch überführt die Thorarollen mit seinen Rabbiner-Kollegen in die neue Synagoge. Foto: altrofoto.de

Regensburg.Der 27. Februar 2019 wird als Freudentag in die Regensburger Geschichtsbücher eingehen. Am Mittwoch gegen 13 Uhr übergab Architekt Thomas Eckert den Schlüssel der Synagoge an die Bauherrin Ilse Danziger, die Vorsitzende der jüdischen Gemeinde. Er war am Morgen erst fertig geworden. Nach knapp dreijähriger Bauzeit wurde der Entwurf der Architekten aus dem Team Volker Staab in der Mitte der Altstadt Wirklichkeit. „81 Jahre nach der Auslöschung der Regensburger Synagoge in der Pogromnacht 1938 ist sie aus der Asche wiedererstanden“, freute sich der Regensburger Rabbiner Josef Chaim Bloch. „Die verwaiste Stelle am Brixner Hof wurde wiederhergestellt.“

Impressionen von der Einweihung sehen Sie in unserer Bilderstrecke:

Neue Synagoge in Regensburg eingeweiht

Von jetzt an ertönt der Dreiklang von katholischem Dom, Protestantischer Neupfarrkirche und jüdischer Synagoge wieder. Die Alte Kapelle aber läutete um 12.10 Uhr dazwischen. Die Festgäste nahmen es leicht. Sogar der Himmel hatte am Mittwoch auf Frühling umgestellt. Er wurde nur übertroffen von der Freude der Rabbiner, als sie mit Musik und Tanz die drei Thorarollen der Gemeinde mit den handgeschrieben Texten der Bibel unter einem Hochzeits-Baldachin überführten.

Freudenszenen im Synagogenhof

Diese Emotionen haben den Regensburger Bischof Dr. Rudolf Voderholzer so bewegt, dass er später in seinem Grußwort davon sprach: „Es hat mich tief beeindruckt, wie Sie gleichsam als offizielles Zeichen der Eröffnung der Synagoge die Thora-Rollen in den dafür vorgesehenen Schrein getragen haben. Sie haben die Rollen umarmt wie ein geliebtes Kind. Die Rollen sind gekrönt wie ein König, wie die Königin Ester.“ Welch ein Zeichen sei das in einer Zeit der Säkularisierung, die die Wirklichkeit Gottes und seines Wortes meint entbehren zu können, so der Bischof.

Freudenszenen standen am Beginn der Einweihung der Synagoge am Brixner Hof. Als Baldachinträger und Rabbiner mit den Thorarollen in den oberen Raum der Synagoge einzogen, war es der Israeli David Katz, ein ehemaliges Regensburger Gemeindemitglied, der den Thoraschrein erstmals öffnete. Sichtlich bewegt rezitierte der Regensburger Rabbiner Josef Chaim Bloch den Psalm 24. „Ihr Tore, hebt eure Häupter, hebt euch, ihr uralten Pforten, denn es kommt der König der Herrlichkeit!“ Es standen nicht die Spitzen aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Kirche im Mittelpunkt des Festakts, sondern der für den das Haus erbaut wurde.

„Und nun stehe ich hier“

Ilse Danziger, Vorsitzende der jüdischen Gemeinde, begann ihre Begrüßungsrede mit den originalen Begrüßungsworten eines Vorgängers im Amt, David Heidecker, der im August 1912 bei ähnlich schönem Wetter und ähnlich großem Andrang begrüßt hatte. „Und nun stehe ich hier“, setzte Danziger fort, „500 Jahre nach dem 22. Februar 1519.“ Danziger rief alle Daten der Geschichte in Erinnerung: 9. November 1938 und den Karsamstag 1942, als sich hier 250 Juden zum Transport in die Lager sammelten. Eine Frau saß unbemerkt als Zeugin im Saal, Juliane Koch. Ihr Opa hatte die Jugendstil-Synagoge gebaut. Sie freute sich über diesen Tag der Wiedergutmachung.

Stellvertretend für den bayerischen Ministerpräsident Markus Söder beglückwünschte Kultusminister Prof. Dr. Michael Piazolo die 950 Mitglieder große jüdische Gemeinde zu diesem großen Freudentag. „Dieser Tag ist auch ein Glück für uns in Bayern“, sagte Dr. Piazolo. Bürgermeisterin Gertrud Maltz-Schwarzfischer wünschte. die Synagoge solle ein Haus des Friedens sein, der Einsicht, der Vergebung und der Erinnerung. Sie solle ein klares Zeichen senden, „dass Antisemitismus in Regensburg keinen Platz hat“.

Weitere Eindrücke sehen Sie im Video:

Ein erster Blick in die neue Synagoge

Bewegt und bewegend waren die Grußworte des katholischen Bischofs, der vor Regionalbischof Hans-Martin Weiss und Dieter Weber vom Förderverein sprach. Dr. Rudolf Voderholzer verneigte sich lange vor dem Thoraschrein, ehe er zum Rednerpult schritt. Dieser Geste sollte etwas in Regensburg noch nicht Dagewesenes folgen.

In Erinnerung an die große Vergebungsbitte von Papst Johannes Paul II. 2000, nahm der Bischof die Eröffnung der neuen Synagoge zum Anlass, „heute nicht nur den Allmächtigen, sondern auch Sie als die entfernten Nachkommen derer, die seinerzeit ihres Zuhauses und ihres Heiligtums beraubt wurden, um Vergebung zu bitten für das Leid, das Ihnen von Menschen angetan wurde, die unter dem Anspruch des biblischen Liebesgebotes und der Bergpredigt gestanden hatten. Es schmerzt uns, dass sich die Vertreter der Kirche 1519 nicht nur nicht schützend vor die jüdischen Mitbürger gestellt, sondern einige sogar noch Profit aus ihrer Ausweisung gezogen haben; und dass die Christen 1938 in der überwiegenden Mehrheit nicht den Mut aufbrachten, sich öffentlich mit den jüdischen Mitbürgern zu solidarisieren.“

Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dr. Josef Schuster, kennt den Synagogenplatz noch von seiner Kindheit her. „Ich hätte es nie geglaubt, dass es Architekten schaffen würden, dieses architektonische Meisterwerk von Synagoge hier hereinzubekommen. Er erinnerte daran, jüdisches Leben seit Jahrhunderten zu dieser Stadt gehört. „2021 werden wir in Deutschland 1700 Jahre jüdisches Leben feiern. In Regensburg wurde im Jahre 981 jüdisches Leben erstmals urkundlich erwähnt. Das sind nun immerhin auch schon 1038 Jahre. Die jüdische Gemeinde gehörte zu den bedeutendsten des Mittelalters.“

Nach der Shoa hätten Menschen wie Hans Rosengold und Otto Schwerdt den Grundstein für eine glückliche Entwicklung gelegt, die nach dem Krieg nach Deutschland zurückkamen oder hier gestrandet waren. Durch die Zuwanderung von Juden aus der ehemaligen Sowjetunion sei schließlich seit 1990 das Gemeindeleben quantitativ gestärkt und kulturell bereichert worden. „Die Integration der jüdischen Zuwanderer in unsere Gemeinden ist eine Erfolgsgeschichte. Die nachwachsenden Generationen betrachten inzwischen Deutschland ganz selbstverständlich als ihr Zuhause und haben den Willen, dieses Land mitzugestalten.“ Die Eröffnung der neuen Synagoge steht deswegen bei Dr. Josef Schuster sinnbildlich für diese Aufbruchsstimmung, die bei den jungen Mitgliedern der Gemeinden zu spüren sei. „Und der Neubau steht auch dafür, dass das Judentum in dieser Stadt neu mit Leben erfüllt wird.“

Religion

Neue Synagoge wird heute eingeweiht

Die jüdische Gemeinde in Regensburg erhält ein neues Gebetshaus. TV-Kommissarin Adele Neuhauser spricht als Schirmherrin.

Die Synagogen-Schirmherrin Adele Neuhauser rezitierte das Gedicht „Gemeinsam“ von Rose Ausländer, das Tom Kristen in einer 53 Meter langen Spirale in den Eingang des Gemeindezentrums stellte. Am Schluss musste der Architekt Volker Staab von seinem Kind Abschied nehmen. Er schilderte den schönsten Moment, als er am Vorabend der der Einweihung in der Dunkelheit an der ersten Synagoge, die er baute, vorbeiging „und die Kuppel hat geleuchtet in die Stadt hinein“. Hinein ins bayerische Regensburg. Die Roman Kuperschmidt Klezmerband schlug stimmig die kulturelle Brücke mit einem Mix aus Shalom alechem und dem urbayerischen Klarinettenmuckl.

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