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Bildung gegen dumpfen Hass

Es würde klar helfen, eine Antisemitismussensibilisierung in den „Integrationskurse“ zu implementieren.
David Lüllemann, Historiker

Die wieder aufgeflammte Antisemitismus-Debatte ist mehr als notwendig und doch so wirkungslos wie jede zuvor. In manchen Köpfen hat sich die Idee festgesetzt, „die Deutschen“ hätten aus ihrer Vergangenheit eine Lehre gezogen. Doch leider ist gerade in letzter Zeit das Gegenteil der Fall: Ein rechtspopulistischer Bundestagsabgeordneter bezeichnet die Schoah als „Vogelschiss“, Aktivisten der antisemitischen BDS-Kampagne stören den Auftritt einer Schoah-Überlebenden an der Berliner Humboldt-Universität, je nach Umfrage teilen bis zu 40 Prozent der Bevölkerung eine „Meinung“, die unter israelbezogenen Antisemitismus fällt, und jüngst aus dem Nahen Osten zu uns Geflüchteten wird nachgesagt, besonders am Antisemitismus zu hängen.

Politik, Medien und weite Teile der Gesellschaft ergießen sich angesichts antisemitischer Vorfälle in Berlin, Frankfurt und Chemnitz in Aktionismus und schrillen Tönen – oder, was noch am schlimmsten ist, hüllen sich in Schweigen, um nicht aus Versehen „die Zionisten“ zu unterstützen. Dabei wäre es relativ einfach, etwas zu tun – neben dem Aufrechterhalten einer lebendigen Gedenkkultur: Es würde klar helfen, eine Antisemitismussensibilisierung in „Integrationskurse“ zu implementieren. Das Projekt „Zeugen der Zeitzeugen“, dem ich angehöre, plant dies und führt dazu momentan Interviews mit Geflüchteten, um ihre Einstellungen zu erfassen.

Es würde klar einen Unterschied machen, Schülern aller Schularten im Sozialkundeunterricht den 3-D-Test zu erklären, um antisemitische Israelfeindschaft von Kritik an israelischer Politik unterscheiden zu können: Wird Israel in diesem Text, in dieser Karikatur dämonisiert, delegitimiert oder mit doppelten Standards bewertet? Statt endlos Antisemitismusbeauftragte zu ernennen, wäre die Politik besser beraten, Bildungsprojekte besser zu fördern. Doch in der Antisemitismus-Debatte nur nach der Politik zu rufen, geht an der Realität vorbei. Die Gesellschaft, wir alle, müssen uns Antisemitismus nicht nur mental, sondern praktisch entgegenstellen, wenn unser Kollege antisemitische Verschwörungsfantasien verbreitet, der Nachbar die Schoah verharmlost oder unsere Kinder den falschen YouTubern zuhören. Antisemitismus begegnen wir im Alltag – ob wir dann schweigen, ist eine Frage der inneren Haltung.

Der Autor ist Bereichsleiter für „Bildung gegen Antisemitismus“ im Projekt „Zeugen der Zeitzeugen“

Die Außenansicht gibt die subjektive Meinung des Autors wieder und nicht unbedingt die der Redaktion.

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