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Cannabis in der Freizeit ist ein Tabu

Die Bundesdrogenbeauftragte erklärt, warum sie mehr Wert auf Gesundheit als auf Lifestyle legt und warum sie nie gekifft hat.
Von Reinhard Zweigler, MZ

Cannabis als Medizin für schwer kranke Menschen ja, zum Freizeitkonsum nein – so lautet das Credo der Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler (CSU). Foto: dpa
Cannabis als Medizin für schwer kranke Menschen ja, zum Freizeitkonsum nein – so lautet das Credo der Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler (CSU). Foto: dpa

Frau Mortler, wie kommunizieren Sie mit Ihren Kindern? Per WhatsApp, Twitter, Facebook, Instagram oder klassisch mit SMS und Telefon?

Marlene Mortler: Reden ist mir immer noch am liebsten. Vielleicht auch mal eine SMS. Aber wenn ich merke, das reicht nicht, dann greife ich zumindest zum Telefon. Facebook und Twitter habe ich in meiner Funktion als Drogenbeauftragte erst mal aufgegeben, weil ich keine Lust mehr hatte, pausenlos einem Shitstorm der Cannabislobby ausgesetzt zu sein. Ich laufe als Drogenbeauftragte nicht dem Zeitgeist hinterher, sondern versuche, reale Probleme zu lösen.

Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler (CSU). Foto: dpa
Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler (CSU). Foto: dpa

Kritiker im Netz warfen Ihnen vor, legale Drogen wie Alkohol und Nikotin zu verteidigen, Cannabis dagegen zu verteufeln.

Wer sich damit beschäftigt, was ich mache, der weiß, dass ich diejenige bin, die für ein weitgehendes Tabakwerbeverbot kämpft und bei jeder Gelegenheit vor den Gefahren des Alkoholmissbrauchs warnt. Anders als Grünen und Linken leuchtet mir nicht ein, warum man, wo wir mit den Volksdrogen Alkohol und Tabak schon genug Schwierigkeiten haben, auch noch beim Cannabis die Schleusen öffnen sollte. Mir geht es um die Gesundheit, nicht um Lifestyle.

Wird jetzt nicht durch die Freigabe von Cannabis zur Behandlung bestimmter Krankheiten das totale Cannabis-Verbot durchlöchert?

Nein, natürlich nicht. Ich habe eine klare Linie: Cannabis als Medizin ja, zum Freizeitkonsum nein. Wenn Menschen schwer krank sind und keine andere Therapie mehr hilft, dann kann eine Behandlung mit Cannabis, das über die Qualität eines Arzneimittels verfügt, ein Segen sein. Was den Freizeitkonsum betrifft, liegen die Dinge völlig anders. Ich sage das nicht als konservative Politikerin, sondern weil die Studien der Wissenschaft eindeutig sind: Je jünger regelmäßig Cannabis konsumiert wird, desto größer sind die gesundheitlichen Risiken: Depressionen, ein sechs Mal höheres Risiko an Psychosen zu erkranken und ein ernsthaftes Risiko bleibender Hirnschäden.

Andere Parteien, von SPD über Grüne bis hin zu Linken und Piraten, sehen eine Freigabe von Cannabis viel entspannter. Wird das Cannabis-Verbot im Unions-Wahlprogramm stehen?

Mit der Union wird es keine pauschale Legalisierung von Cannabis zum Freizeitkonsum geben. Mir ist wichtig, dass wir denen den Rücken stärken, die zu Cannabis und anderen Drogen „nein“ sagen, statt ihnen mit undifferenzierten Legalisierungsdebatten in den Rücken zu fallen.

Haben Sie selbst schon mal gekifft, bei einer Party vielleicht?

Nein, nie. Ich war offenbar auf den falschen Partys. Aber ich habe es auch nicht vermisst.

Kann auch das Internet zur Droge werden, wenn man etwa am Tag sechs, acht Stunden oder noch mehr am Smartphone oder PC hängt?

Nicht die Zeit, die ich am Computer oder Smartphone verbringe, ist entscheidend, sondern ob ich kontrollieren kann, wie lange ich im Internet unterwegs bin. Anzeichen für Internetabhängigkeit sind, wenn ich Familie, Freunde, Schule oder Ausbildung vernachlässige oder wenn ich schon nach kurzer Zeit Entzugssymptome bekomme. Wir haben festgestellt, dass es in vielen Spielen Belohnungs- und Bestrafungsmechanismen gibt, die zum Weitermachen animieren, etwa wenn das Spiel einfach weiterläuft, auch wenn man selbst den Rechner ausgeschaltet hat und die eigene Mannschaft in dieser Zeit ohne einen auskommen muss.

Die zwei Seiten von Cannabis

  • Cannabis

    ist eine Gattung der Hanfgewächse mit psychoaktiven Wirkstoffen und wird als Haschisch (Dope, Shit) oder Marihuana (Gras) konsumiert.

  • Haschisch und Marihuana

    sind die am weitesten verbreiteten illegalen Drogen.

  • Geraucht, gegessen

    oder getrunken führt das Rauschgift zu leichten Halluzinationen.

  • Es gibt mehr als

    80 psychoaktive Substanzen in der Cannabispflanze. Sie erzeugen je nach Grundstimmung Glücksgefühle, Halluzinationen oder Angstzustände.

  • Der wichtigste

    der rauscherzeugenden Stoffe ist Tetra-Hydro-Cannabinol (THC).

  • In einigen Ländern,

    darunter etwa Deutschland, darf der Cannabis-Inhaltsstoff Dronabinol vom Arzt bei gewissen Krankheiten verschrieben werden.

  • In Deutschland

    gibt es zwei Firmen, die den auch Delta-9-THC genannten Wirkstoff für Apotheken herstellen.

  • Die Apotheker

    bereiten daraus krampflösende und schmerzdämpfende Kapseln oder Tropfen zu. (dpa)

Was tun, wenn die reale Welt in die virtuelle entgleitet?

Dann sind Hilfe und Beratung dringend notwendig. Wenden kann man sich zum Beispiel an die vom Bundesministerium für Gesundheit geförderte Online-Ambulanz OASIS. Dort wird via Webcam Kontakt zum Betroffenen hergestellt und bei Bedarf auch Hilfe vor Ort vermittelt. Auf meiner Website findet man jede Menge Hinweise zu den bestehenden Hilfsangeboten. Klar ist aber, dass Medienkompetenz bei den Eltern anfangen muss. Da kann man sich klare Regeln setzen: „Beim Essen bleibt das Smartphone aus“ kann eine davon sein.

Tabak und Alkohol darf man nach Jugendschutzgesetz erst ab einer bestimmten Altersgrenze konsumieren. Das Internet ist grenzenlos erreichbar.

Wir brauchen auch in der digitalen Welt einen funktionierenden Jugendschutz. Auch Online-Spiele haben eine Alterseinstufung. Die Plattformen, die diese Spiele anbieten, müssen sicherstellen, dass sie nicht von jedermann heruntergeladen werden können, sondern nur von Kindern, die alt genug sind. Außerdem ist es mir wichtig, dass die suchtfördernden Belohnungs- und Bestrafungsmechanismen in Zukunft Bestandteil der Altersbewertungen der Spiele werden. Ich habe gerade ein Gutachten, das die entsprechenden Merkmale herausarbeitet, an die freiwillige Selbstkontrolle der Spielewirtschaft geschickt.

Dabei kann man sich im Netz doch alles Mögliche herunterladen, tolle Spiele, aber auch Schund.

Das ist leider so. Eben deshalb müssen wir Kinder dabei unterstützen, einen guten Weg mit den Verlockungen des Internets zu finden. Außerdem brauchen wir einen wirkungsvollen digitalen Jugendschutz.

Was halten Sie vom Handy-Fasten?

Es ist eine Möglichkeit, sich wieder ganz der realen Welt zu widmen. In vorbildlichen Familien gilt übrigens die Regel: Beim Essen und beim Reden sind Handys tabu. Vorsicht sollte auch bei Kleinkindern gelten. Hier bleibe ich bei meiner Aussage: Erst die Bauklötze, dann das Tablet. Kein Kleinkind benötigt ein Tablet.

Lesen Sie auch: Ärzte fühlen sich alleine gelassen, die Polizei bleibt cool: So sehen Regensburger die Freigabe von Hanfblüten als Medizin.

Ob im Internet oder in Spielhallen – vielerorts boomt das Glücksspiel. Wie groß ist die Zahl der Spielsüchtigen?

Unsere Fachleute schätzen, dass in Deutschland etwa 700 000 Menschen spielsüchtig sind oder zumindest auf dem „besten“ Weg sind, dies zu werden.

Manche von denen verspielen ihr letztes Geld, ihre Existenz. Was ist gefährlicher: Wetten und spielen im Internet oder in der Spielhalle?

Drei Viertel der ambulant Behandelten spielen an Glücksspielautomaten. Wissenschaftler sagen mir, dass ein Großteil des Umsatzes an diesen Geräten mit Abhängigen gemacht wird. Das ist kein gutes Geschäftsmodell. Das Mindeste, was passieren muss, ist, dass das geltende Recht eingehalten wird. Leider ist das vielfach nicht der Fall: An Autobahnrastplätzen und Autohöfen zum Beispiel ist bei 90 Prozent der Geräte die erforderliche technische Sperre ausgestellt. Wer kommt, gleich ob erwachsen oder Kind, kann einfach losspielen. Das geht so nicht. Da sind Gastronomie, Automatenwirtschaft und Ordnungsämter allesamt gefragt!

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