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Canossa-Gang eines Ministers

Innenminister de Maizière soll in Afghanistan dafür werben, dass von dort weniger Menschen fliehen. Eine schwierige Mission.
Von Reinhard Erös

Dr. Reinhard Erös ist Gründer der Kinderhilfe Afghanistan.
Dr. Reinhard Erös ist Gründer der Kinderhilfe Afghanistan.

Wie weiland König Heinrich IV. mit seinem Gang nach Canossa Unheil vom Reich (und sich) abwenden wollte, ist heute, 1000 Jahre später, ein deutscher Minister auf einem ähnlichen Bittgang unterwegs, um Schaden von Deutschland und einer CDU-geführten Regierung abzuwenden.

Drei volle Tage hatte de Maiziere eingeplant, um, nach dem Empfang im Palast des afghanischen Präsidenten Ghani, mit einem Minister zu verhandeln, der auch den meisten Afghanen unbekannt ist: Hussain Balkhi, seit erst einem Jahr Chef im „Amt für Flüchtlinge und Repatriierung“. Der Name seines Ministeriums ist identisch dem Auftrag, mit dem die Kanzlerin ihr „bestes Pferd“ an den Hindukusch geschickt hat: „Neue Flüchtlinge in Afghanistan stoppen und sie aus Deutschland möglichst rasch an den Hindukusch zurückführen.“

Kein anderer deutscher Politiker ist in Afghanistan so bekannt und angesehen wie de Maiziere. Und als ehemaliger Soldaten- und jetziger Polizei-Minister hat er in den Augen der Afghanen auch Macht. Diese Kombination aus deutschen Eigenschaften und politischer Macht erleichtert es ihm, Wünsche und Forderungen nicht nur anzusprechen sondern auch durchzusetzen. Mit Hussain Balkhi, dem einzigen Minister in Ghanis Kabinett, der einer ethnischen und religiösen Minderheit, den schiitischen Hazara, angehört, sitzt ihm allerdings ein harter Brocken gegenüber. Unter dem paschtunisch-sunnitischen Taliban-Regime waren es seine Landsleute, die wegen ihres „falschen Islam“ zu Tausenden hingerichtet wurden. Der seit Jahren wieder zunehmende Einfluss der Gotteskrieger – nur drei der 34 Provinzen des Landes sind 2016 noch „Taliban frei“ – treibt die Hazara wie keine andere afghanische Volksgruppe aus dem Land. Tausende verdingen sich als Söldner von Baschir Al-Assad in Syrien, zehntausende leben als Flüchtlinge im schiitischen Iran. Obwohl in Afghanistan nur eine Minderheit von knapp zehn Prozent, stellen sie in Deutschland bei den männlichen jungen Flüchtlingen fast die Hälfte.

Wohl mit Blick auf seine Landsleute begrüßt und ermuntert Balkhi gerade junge Männer seit Monaten zur Ausreise nach Europa. In einem Interview mit der Deutschen Welle im letzten Oktober fordert er Deutschland auf, noch viel mehr Afghanen aufzunehmen und diese den syrischen Kriegsflüchtlingen gleichzustellen.

Die „Flucht-Abschreckungs-Aktion“ unserer Regierung in den Großstädten Afghanistans im vergangenen Jahr war gut gemeint, aber hoffnungslos gescheitert. Auf Riesenposter war zu lesen: „Ihr wollt nach Deutschland? Habt Ihr Euch dies auch überlegt ?“ Ein junger Mann sagte mir, nachdem er das Plakat gelesen hatte: „Oh Ja, ich will nach Deutschland, und ich habe es mir auch genau überlegt.“

Dank der globalisierten Information über Internet – neun von zehn jungen Afghanen besitzen ein Smartphone – hat man das Selfie der Kanzlerin gespeichert, kennt das Wort „Willkommenskultur“, weiß man Bescheid über das „Paradies Deutschland“, das eine Million Arbeitskräfte benötigt und auch den Ausländern einen Mindestlohn von acht Euro bezahlt. Es hat sich rumgesprochen, dass Deutschland Afghanen bislang nicht abschiebt.

„Deutschland ist unsere Zukunft“ schwärmen die 70 Prozent arbeitslosen Jugendlichen „denn im eigenen Land finden wir keinen Job, haben kein Geld, um zu heiraten und eine Familie zu gründen.“

Dieses strahlende Bild von Deutschland soll der Besuch des Innenministers jetzt nicht nur konterkarieren, sondern schnell rückgängig machen. Der Bundesinnenminister hatte schon einfachere Missionen. Der winterlichen Canossa-Gang von König Heinrich erscheint hier wie eine sommerliche Altötting-Wallfahrt.

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