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Politik
Freitag, 20. Juli 2018 31° 2

Europa

Christian Wulffs Lektion in Regensburg

Der Ex-Bundespräsident leuchtet die Herausforderungen 2018 aus. Nach wie vor gilt für ihn: „Der Islam gehört zu Deutschland.“
Von Marianne Sperb

Prof. Jürgen Jerger (links) und Uni-Präsident Prof. Udo Hebel (rechts) mit Bundespräsident a. D. Christian Wulff Foto: Sperb
Prof. Jürgen Jerger (links) und Uni-Präsident Prof. Udo Hebel (rechts) mit Bundespräsident a. D. Christian Wulff Foto: Sperb

Regensburg.Als Christian Wulff am Mittwoch vor dem Vielberth-Gebäude der Uni Regensburg vorfährt, erwartet ihn eine Schar Fans. Sie möchten ein Selfie mit dem Alt-Bundespräsidenten. Das Handy zickt. Wulff greift ein, findet den richtigen Auslöser und geht Richtung Saal. Der 58-Jährige spricht dort in der Reihe „roots lecture in economics“. Eine Stunde lang leuchtet er „Herausforderungen für Deutschland 2018“ aus – und auch am Rednerpult drückt er wirksame Knöpfe.

Der Anwalt, bis zu seinem Rücktritt im Februar 2012 der höchste Mann im Staate, spannt den Horizont maximal weit. Politisch, wirtschaftlich, kulturhistorisch, philosophisch, psychologisch: Von allen Seiten kreist er Herausforderungen ein, die Deutschland meistern muss. Die Ausgangslage: Statt abgebauter Mauern und „Winds of Change“, wie sie die Scorpions 1990 fühlten, machen sich Protektionismus, Antiliberalismus und Fremdenfeindlichkeit breit, sind das Vertrauen in Rechtsstaatlichkeit, Redefreiheit und Demokratie bedroht – „obwohl die wirtschaftliche Lage historisch gut ist“. Wie es zu den Verwerfungen kam und wie sie zu glätten sind, das fädelt Wulff an sechs Punkten auf.

Die Fliege im Ohr des Stiers

In Terror, Globalisierung und Digitalisierung ortet Wulff die Wurzeln eines bedrohlichen Wandels. Angst vor Anschlägen lasse die Gesellschaft Maß und Mitte verlieren, sagt er und hat dafür ein sprechendes Bild: „Eine Fliege ist im Porzellanladen machtlos. Aber eine Fliege im Ohr eines Stiers kann bewirken, dass der ganze Laden zertrümmert wird“, spielt er auf Rassisten an, die im Parlament angekommen sind. Die Enttäuschung über Effekte einer Globalisierung, die Gewinne individualisiert, transnationale Steuervermeider schont und Verluste sozialisiert, lasse das Vertrauen in Gerechtigkeit schwinden. Die Digitalisierung schließlich spült in Echtzeit Meinungen ins Netz, die früher an Stammtischen geblieben seien.

Die Reihe von „roots“

  • Die Reihe:

    Der Alumniverein der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften, „roots“, veranstaltet regelmäßig „roots lecture in economics“. Gäste waren bisher etwa Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder, MdB Gregor Gysi und EKD-Ratschef Prof. Heinrich Bedford-Strohm.

  • Der Besuch:

    Den Besuch von Alt-Bundespräsident Christian Wulff organisierten Prof. Jürgen Jergel (Lehrstuhl für Internationale und Monetäre Ökonomie) und Dr. Norbert Meckl.

Der Politiker, als Ministerpräsident in Niedersachsen bis 2010 ein Hoffnungsträger der CDU, stellt den drei Übeln drei Instrumente gegenüber. Er setzt auf Vielfalt, auf Europa und auf Heimat. Er wirbt er für ein weltoffenes Land und verweist auf das befruchtende Potenzial von Neubürgern, ohne die sich eine Gesellschaft nicht entwickle. „Stellen Sie sich die National-Elf bei der WM in Russland vor: Wenn dort nur die Julians, Kevins und Manuels spielen würden, kämen wir über die Vorrunde nicht hinaus.“ Vielfalt sei anstrengend, „aber das Gegenteil ist Einfalt, sind Mauern und Abschottung“.

Christian Wulff trägt sich im Vielberth-Gebäude ins Gästebuch ein, im Hintergrund (von rechts): Uni-Präsident Prof. Udo Hebel, Regensburgs Wissenschaftsreferent Dieter Daminger und Dr. Norbert Meckl vom Verein „roots“, Prof. Jürgen Jerger, Inhaber des Lehrstuhls für Internationale und Monetäre Ökonomie, und Prof. Andreas Roider, Geschäftsführer des Instituts VWL  Foto: Sperb
Christian Wulff trägt sich im Vielberth-Gebäude ins Gästebuch ein, im Hintergrund (von rechts): Uni-Präsident Prof. Udo Hebel, Regensburgs Wissenschaftsreferent Dieter Daminger und Dr. Norbert Meckl vom Verein „roots“, Prof. Jürgen Jerger, Inhaber des Lehrstuhls für Internationale und Monetäre Ökonomie, und Prof. Andreas Roider, Geschäftsführer des Instituts VWL Foto: Sperb

In einem solidarischen Europa sieht Wulff ein zweites Bollwerk gegen das Auseinanderdriften. Freiheit, Einheit, Marktwirschaft: Keine der EU-Errungenschaften sei selbstverständlich, viele dagegen mutig erkämpft. „Patriotisch – aber nicht nationalistisch“ umreißt Wulff seine Haltung. Das Modell „Stop an nationalen Grenzen“ tauge nicht für ein Europa, das international wirken und wachsen will. Wulff folgt der Position von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron. Die Frage, ob wir uns Europa mehr kosten lassen sollen, ´sei heikel. „Aber ein prosperierendes Europa bringt mehr als es kostet – gerade für das Exportland Deutschland.“

Die Lektion von Christian Wulff in Regensburg: Vie

Im Video: Christian Wulff an der Universität Regensburg

Als letzten Punkt beschwört Wulff, was Deutschland auszeichnet und zusammenhält, etwa Sprache, Tradition, Verfassung, Arbeitsethos, Forschergeist – und eben auch Vielfalt. Der Bundespräsident a. D. bekräftigt im Vielberth-Saal seinen berühmt gewordenen Satz: „Die deutschen Muslime gehören zu Deutschland, mit ihren Imamen und Moscheen. Und deshalb gehört auch der Islam zu Deutschland.“

Indirekt stellt sich Wulff gegen aktuelle Meinungen in CDU und CSU, aber direkte Angriffe verweigert er, mit Verweis auf die Sprachregelung für Alt-Bundespräsidenten, die sich aus der aktuellen Politik heraushalten. Er bleibt sachlich – und gerade das kommt im Saal gut an. „Politisch war ich mit Wulff nicht immer d’accord“, sagt ein Professor am Ende. „Aber dass er die großen Emotionen meidet, das gefällt mir.“ Vor der Abfahrt muss Wulff am Auto nochmal kurz Halt machen: Fans wollen ein Selfie.

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