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Politik
Freitag, 23. Februar 2018 2

Baustelle

Das Bayern-Museum im Check

Der Prestige-Bau in Regensburg bekommt viel Schelte. Was ist dran? Ein Streitgespräch mit den Architekten Traxler und Eckert
Von Marianne Sperb

Das Bayern-Museum am Regensburger Donaumarkt: 2019 wird es eröffnen, im Juni 2018 können sich Besucher beim Museumsfest eigene Eindrücke verschaffen. Fotos: altrofoto.de

Regensburg.An der Donau, vor dem neuen Bayern-Museum pfeift der Wind. Es nieselt und es ist kalt. Ein schlaksiger Mann mit Helm und in giftgelber Baustellen-Weste steht im Regen und redet in eine Kamera.

Architekt Stefan Traxler kommentiert für unser Medienhaus Facebook-Posts zu seinem Entwurf. Die Schreiber nehmen kein Blatt vor den Mund: „Das braucht keiner. Jetzt ist es zu spät“, schreibt etwa Markus Bitter. Der Museums-Planer reagiert cool, mit Humor. „Da kann ich nur sagen: stimmt“, sagt er und schaut kurz auf den Rohbau. „Jetzt steht das Haus da.“ Doris Schwabenbauer zitiert auf Facebook Touristen, die von der Steinernen Brücke auf den Donaumarkt schauen: „Schade, dass sie das Parkhaus so dominant nach vorne bauen. Verschandelt irgendwie die Silhouette.“ Traxler sagt: „Scheint eine Art satirischer Beitrag zu sein.“ Aber das Haus verschandle nicht. „Es bereichert. Es schließt eine Wunde. Denn vorher war hier ja gar nichts.“

Video: Froschhammer

Das sagt Stefan Traxler zu Kommentaren bei Facebook: Hier das Video

Bayerns Prestige-Projekt, Kosten: 90 Millionen Euro, bekommt langsam Kontur – und viel Kritik. Auch von Kollegen. Thomas Eckert, Chef der Dömges AG in Regensburg, formulierte sein Unbehagen öffentlich. In seinen Augen sieht das Museum aus „wie eine Lagerhalle mit einer billigen Blechfassade“.

Was ist da dran? Unser Medienhaus lud die beiden Männer vom Fach zum Check. Beim Rundgang auf der Baustelle ging es ans Eingemachte.

„Man kann Menschen nicht nur nach dem Outfit beurteilen, und ein Haus nicht nur nach der Fassade.“

Stefan Traxler

Die Fassade bekommt am meisten Schelte. An diesem Punkt beharken sich auch die zwei Architekten am innigsten. Traxler sagt: „Man muss alle Punkte des Entwurfs betrachten. Man kann Menschen nicht nur nach dem Outfit beurteilen, und ein Haus nicht nur nach der Fassade.“ Es ärgert ihn, dass viele nur über das Grau reden. „Das ist ja ein Grau-Beige-Braun.“ Er glaubt: „Die negative Sicht entsteht, weil man nur die Haut sieht, sie aber nicht versteht, weil man das Innere noch nicht kennt.“ Er betont auch, dass die Außenhaut in einem Extra-Workshop entwickelt wurde, mit Vertretern von Stadt, Bauamt und Jury.

„Es braucht auch schöne Details“

Das Ergebnis – eine geriffelte Keramikfassade – überzeugt Eckert nicht. „Städtebaulich, also gesehen aus der 100-Meter-Distanz, und von der Proportion her stimmt der Entwurf.“ Aber im Detail gebe es Defizite. „Mit einer einzigen Idee, also den geriffelten Keramikflächen, das ganze Gebäude einzuhüllen, das ist mir zu wenig.“ Traxler widerspricht: „Es gibt hier doch immer wieder das Spiel mit einer zweiten Ebene!“ Er deutet auf die Fenster, wo die Fassade eine Stab-Struktur annimmt, und auf Felder hinter den Stäben, die Tiefenwirkung erzeugen.

Eckert bleibt hartnäckig. „Die Fassade vermittelt nicht die Wertigkeit, die sie ja hat. Das ist ja keine billige Hülle; die kostet vielleicht 500 Euro pro Quadratmeter. Aber diese Wertigkeit nimmt man nicht wahr. Da kippt’s, finde ich.“

Thomas Eckert von der Dömges Architekten AG: Er kritisiert die Fassade des neuen Bayern-Museums. Foto: altrofoto.de

„Da sind Sie etwas früh dran mit Ihrem Urteil“, sagt Traxler. „Das wird superwertig aussehen!“ Schon wegen des Domfensters mit seinen Riesen-Scheiben. „Außerdem: Ich finde es sogar gut, wenn das Ganze nicht wie ein Hochglanz-Haus wirkt. Das entspricht auch dem Ansatz stärker, hier Geschichte von unten zu zeigen.“ Eckert lässt nicht locker: „Die Hülle wurde ja verglichen mit feinem Nadelstreifen. Aber feiner Stoff reicht nicht für einen guten Anzug. Es braucht auch schöne Details, Knopflöcher und Paspelierungen, an denen das Auge hängen bleibt und sich erfreut. Jetzt ist auf einen Blick alles sofort zu erfassen und der Betrachter wendet sich gelangweilt ab.“

„Viele Details, die Sie vermissen, sind noch gar nicht gebaut!“

Stefan Traxler

Nach einigem Hin und Her ist klar: Beim Punkt Fassade kommen die zwei Männer nicht wirklich zusammen. „Viele Details, die Sie vermissen, sind noch gar nicht gebaut!, sagt Traxler noch. „Warten wir es ab.“

Als „Klotz“ kann man das Museum nicht abtun, darüber müssen die zwei Architekten nicht streiten. An der Südseite, die zum Kolpinghaus schaut, springt das Gebäude mehrfach zurück; es nimmt die Stufungen der Nachbarhäuser auf. „Ich finde, das ist maßstäbliches Bauen und kein ,Kasten’“, sagt Traxler. Eckert stimmt zu: Den städtebaulichen Fingerabdruck so eines Museums dürfe man auch nicht an Wohnhäusern messen. „Das ist von der Bedeutung und vom Rang her etwas völlig anderes.“ Aber das Haus dürfe sich mit der Stadt vernetzen. „Und das tut es ja durchaus.“

Video: MZ

Richtfest auf der Baustelle des Bayern-Museums: Ein Video dazu sehen Sie hier.

Einig sind sich die zwei Männer, dass das Museum ausgezeichnet ins Umfeld einfügt. Die Bavariathek, das zweite Gebäude, das zum Museum gehört, rundet den Block mit einem ruhigen Gebäude ab. Sie hat eine Lochfassade, wie man sie in der Altstadt überall antrifft, aber außergewöhnliche, asymmetrische Fenster. Der Baukörper ist unten eingeschnitten, ähnlich wie der des Museums. Das findet man in mittelalterlichen Städten häufig. „Ein moderner Ansatz. Völlig okay“, sagt Eckert.

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Der Regensburger Stadtraum verengt und weitet sich immer wieder. „Das greifen wir auf“, erklärt Traxler. „Zwischen Bavariathek und Museum entsteht ein Platz, vor dem Hauptgebäude öffnet sich eine Freifläche zum Fluss.“ Eckert findet das super. „Das ist eine der großen Stärken Ihres Entwurfs.“ Die zwei Baukörper formulieren einen neuen Platz. „Das wird gut. Ein Platz und eine Promenade, die sich großzügig zur Donau öffnen: Das gibt es bisher in Regensburg nicht.“

Stefan Traxler vom Büro Wörner Traxler Richter in Frankfurt: Er hat das neue Bayern-Museum entworfen. Sein Vorschlag war laut Jury unter 254 Entwürfen der beste. Foto: altrofoto.de

Lange nehmen sich die zwei Architekten Zeit für einen Rundgang im Inneren des Museums. Gewaltige Dimensionen überall: Das Foyer ragt 18 Meter hoch bis zum Glasdach. Die Halle spiegelt die Geschichte dieses Fleckchens Altstadt. Die Wände zeichnen die Grenzen des Hunnenplatzes nach, den es früher hier gab. Das Foyer ist auch wie ein Stadtplatz gestaltet, mit Fenstern und mit leicht unregelmäßigem Putz. In Richtung Ostengasse zieht sich ein Schnitt durch den Bau; er zeichnet die Eschergasse nach, die hier früher zwischen den Altstadthäusern verlief.

Das neue Bayern-Museum im Check

Eine Bilderstrecke zum Bayern-Museum finden Sie hier.

„Das Gedächtnis der Stadt ist ihr Grundriss“, sagt Eckert. „Das Museum nimmt das auf und stellt wieder her, was verloren war. Eine sehr gute Idee, die ja auch die Jury sehr gelobt hat.“ Ob das Museumswirtshaus auch abends geöffnet sein wird, will Eckert noch wissen. „Ich glaube, das ist noch nicht klar“, sagt Traxler. Möglich wäre es. Das Wirtshaus ist eigenständig erschlossen.“

Ein imposanter Saal nimmt das Obergeschoss ein. 2500 Quadratmeter, ohne eine einzige Stütze. „Das Dach ist gefaltet. Es folgt der Höhe der Exponate. Dort, wo der Landtags-Teppich gezeigt wird, das größte Objekt, ist auch der höchste Dachsprung“, erklärt Traxler. Am Domfenster wird eine „Wortwolke“ leuchten, wechselnde Buchstaben, die sich zu Worten formieren. Das Licht im Raum selbst bleibt reduziert, aus Rücksicht auf die Objekte. Aber von einer vorgestellten Bank aus wird man den Altstadt-Blick genießen können.

Das Haus macht den Ort besser


Eckert ist skeptisch: „Die große Geste des Panoramafensters wird im Inneren wieder zurückgenommen. Der Altstadt-Blick ist nur mit einer Hilfskonstruktion möglich, mit der vorgestellten Sitzbank. Konsequent ist das nicht.“ Traxler kontert: „Das ganz Gebäude lebt ja von der Spannung aus Enge und Weite. Denken Sie an das weite Foyer und den engen Schnitt der Eschergasse. Und hier haben wir einen großen Saal mit sehr reduziertem Licht. Und vorne, am Fenster, wird dann überraschend viel Licht und Weite angeboten.“

Ein Blick ins Innere des neuen Bayern-Museums: Hier werden Veranstaltungen stattfinden und Wechselausstellungen gezeigt. Foto: altrofoto.de

Am Ende zieht Eckert ein versöhnliches Fazit: „Gute Architektur macht den Ort besser. Das ist hier zweifellos der Fall. Städtebaulich, im Kontext der Umgebung, entsteht richtig guter öffentlicher Raum.“ Traxler hofft, dass die Menschen das Museum annehmen, als Ort, an dem man sich gerne aufhält. „Beim Museumsfest im Juni werden wir sehen, wie es Besuchern gefällt.“

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Zwei Männer, ein Museum

  • Stefan Traxler,

    Jahrgang 1958, ist geschäftsführender Gesellschafter der Planungsgesellschaft Wörner Traxler Richter. Er studierte in Darmstadt und Dortmund. Sein Büro gehört zu den renommierten und großen, mit 160 Mitarbeitern in Frankfurt, Hamburg, Dresden und München. Für das Bayern-Museum setzte sich das Büro unter 254 Bewerbern durch. Eine hochkarätige Jury begutachtete die Vorschläge fünf Tage lang und fand, mit 13:2 Stimmen: Traxlers Entwurf ist der beste. Die Fassade wurde in einem Extra-Workshop entwickelt.

  • Thomas Eckert,

    Jahrgang 1964, ist der Vorstandsvorsitzende der Dömges Architekten AG. Er studierte in Berlin, Zürich und Darmstadt. Das Büro mit gut 50 Mitarbeitern, 1946 gegründet, ist in Ostbayern eine Adresse von Gewicht und Renommee. Es war einer der 254 Kandidaten im Wettbewerb.

  • Das Büro macht sich stark für die öffentliche Auseinandersetzung mit zeitgenössischem Bauen. Siegfried Dömges (1939-2008) war ein Motor bei der Gründung des Regensburger Gestaltungsbeirats, er initiierte auch den Architekturkreis Regensburg.

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