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Regensburg.

Das Ende der Brüderlichkeit

Keiner sah ihn voraus: Der Fall der Mauer überraschte1989 Politik und Gesellschaft in Ost und West.

  • Eine Montagsdemo in Leipzig. Am 13. März 1989 formierte sich zum ersten Male nach einem Friedensgebet ein Demonstrationszug. Im Herbst nahmen dann Zehntausende teil.
  • Der letzte Bruderkuss: Am 8. Oktober 1989 empfing Erich Honecker Michail Gorbatschow zu den Feierlichkeiten zum 40. Jahrestag der Gründung der DDR in Ost-Berlin. Die Reformpolitik des sowjetischen Staatsoberhaupts hatte der Politik der SED aber bereits zuvor die Grundlagen entzogen. Fotos: dpa

Von Gustav Norgall, MZ

So kann man sich irren: Noch im August 1989 postulierte SED-Chef Erich Honecker: „Den Sozialismus in seinem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf.“ Zuvor hatte er im Januar prophezeit: „Die Mauer wird in 50 und auch in 100 Jahren noch bestehen.“ Den SPD-Übervater Willy Brandt konnte man 1989 mit den Worten zitieren: „Die Wiedervereinigung ist die Lebenslüge der Bundesrepublik Deutschland.“ Doch selbst im Springer-Verlag, der Speerspitze des konservativen Journalismus in Deutschland, war man im Sommer 1989 des jahrzehntelangen Ausharrens im Kalten Krieg müde: Ab dem 1. August wurde – angeführt von der Bild-Zeitung – der Name „DDR“ von allen Blättern des Verlags DDR – also ohne Anführungszeichen – geschrieben. Man verabschiedete sich etwas zu früh von der journalistischen Nichtanerkennung des zweiten deutschen Staates.

Ein paar Monate später sah alles ganz anders aus. Honecker musste abdanken. Die Mauer fiel. Brandt prägte den Satz: „Nun wächst zusammen, was zusammen gehört.“ Die friedliche Revolution in der DDR, die Wiedervereinigung war ein Glücksfall für Deutschland – aber sie war kein Ergebnis zielvoller Politik, sie wurde kaum erwartet – und von vielen nicht gewünscht. Wie konnte es trotzdem zu dieser Umwälzung der politischen Landkarte in Mitteleuropa kommen?

Von der Sowjetunion lernen?

Entscheidend waren die Veränderungen in der Sowjetunion. Der Staat DDR war von Moskau abhängig. Ohne Stalin, ohne Sowjetunion wäre die DDR nicht entstanden und spätestens 1953 – beim Aufstand am 17. Juni – hinweggefegt worden. 380 000 Soldaten der „Westgruppe der sowjetischen Streitkräfte“ standen 1989 auf dem Territorium der DDR. Von dort aus sicherten sie für die UdSSR auch das gesamte Gebiet des Ostblocks. Doch im Kreml hatten sich entscheidende Veränderungen vollzogen. Im März 1985 übernahm Michail Gorbatschow das Amt des Generalsekretärs der KPdSU. Unter den Schlagworten Glasnost (Offenheit) und Perestroika (Umstrukturierung) wollte er die Sowjetunion reformieren und zukunftsfähig machen. Außenpolitisch distanzierte sich Gorbatschow von der Breschnew-Doktrin. Die Völker Mittel- und Osteuropas konnten nun hoffen, ihre Staatsform über kurz oder lang selbst bestimmen zu können – ohne sich vor den Panzern der Roten Armee fürchten zu müssen.

Die Führung der DDR sah die Entwicklung mit Sorge. Bisher hatte die Devise gegolten: „Von der Sowjetunion lernen, heißt Siegen lernen.“ Nun stellte Kurt Hager, Chefideologe der SED, in einem Interview auf die Perestroika angesprochen die rhetorische Frage: „Würden Sie, nebenbei gesagt, wenn Ihr Nachbar seine Wohnung neu tapeziert, sich verpflichtet fühlen, Ihre Wohnung ebenfalls neu zu tapezieren?“ Die Antwort der DDR-Führung war klar. Sie beharrte auf ihrem Führungsanspruch, sie war zu keinen Reformen bereit.

Das zeigte sich zum Beispiel bei den Kommunalwahlen am 7. Mai 1989. Als der Leiter der Zentralen Wahlkommission Egon Krenz, er war nominell der Stellvertreter Honeckers, das offizielle Wahlergebnis mit 98,85 % Ja-Stimmen für die Einheitsliste bekannt gab, war aufgrund der Wahlbeobachtung durch mutige Bürger klar, dass diese Zahl auf Fälschungen beruhen musste, da viele Bürger die Stimmabgabe verweigert hatten oder mit Nein gestimmt hatten. Im Juni lobte die DDR-Führung dann ausdrücklich die kommunistische Regierung in Peking. Dort wurde am 4. Juni auf dem Platz des Himmlischen Friedens die Demokratiebewegung blutig zerschlagen. Die DDR-Volkskammer bewertete das Massaker als „Niederschlagung einer Konterrevolution“. Das war indirekt auch eine Warnung an innenpolitische Gegner, nicht durch unbedachten Reformeifer „chinesische Verhältnisse heraufzubeschwören“.

Der Tod von Chris Gueffroy

Viele Bürger der DDR wollten diese Sturheit des Regimes nicht länger ertragen. Flucht war aber weiter hochgefährlich. Im Februar starb der 20-jährige Chris Gueffroy an der Mauer in Berlin im Kugelhagel der DDR-Grenzer. Ein Brustschuss zerriss ihm den Herzmuskel. Gueffroy war der letzte Mauertote. Aber immer mehr DDR-Bürger wagten einen anderen Schritt: Sie stellten einen Ausreiseantrag. Im Sommer 1989 wurden über 125000 gezählt – dies trotz der Schikanen, die die Antragsteller zu erwarten hatten. In der Öffentlichkeit zeigten viele DDR-Bürger Mut. Bekannt waren die Friedensgebete in der Leipziger Nikolai-Kirche, doch auch an vielen anderen Orten organisierten sich Protestgruppen. Im August 1989 zählen die DDR-Sicherheitsorgane 160 „feindliche, oppositionelle Zusammenschlüsse“.

Die Bereitschaft zum Widerstand gegen das System wurde gefördert, durch die immer mehr sichtbar werdenden ökonomischen Probleme. Im Mai 1989 führte Gerhard Schürer, der Planungschef der DDR, vor dem SED-Politbüros aus, dass die Westverschuldung der DDR im Monat um 500 Millionen Mark zunehme. 1991 drohe, bei Fortsetzung dieser Entwicklung die Zahlungsunfähigkeit. Vielerorts wurde die DDR zwar noch als zehntgrößte Wirtschaftsmacht der Welt beschrieben, in Wirklichkeit lag die Ökonomie am Boden. Mit großem Aufwand wurde die Mikroelektronik gefördert, dafür verfiel die Infrastruktur. Als Energieträger setzte die DDR – um Devisen für Öl zu sparen – auf die heimische Braunkohle. Die Folge war eine gigantische Umweltverschmutzung, die oft zu riechen und nicht mehr zu übersehen war. Auch dagegen richteten sich erste Proteste der Bürger.

Im Westen, in der Bundesrepublik, wurde diese Entwicklung nur teilweise wahrgenommen. In Zeitungsartikeln wurde von einer verhaltenen Zustimmung vieler DDR-Bürger zu Honecker fabuliert. Ihm werde gedankt, dass er einen Sozialismus in den Farben der DDR anstrebe und sich außenpolitisch für den Frieden einsetze. Ministerpräsidenten reisten gerne nach Ost-Berlin und ließen sich mit der DDR-Führung ablichten. Heftig wurde darüber diskutiert, ob es noch zeitgemäß sei, dass die Zentrale Erfassungsstelle in Salzgitter sich weiter um die Erfassung von Unrechtstaaten des DDR-Regimes kümmern solle.

Bezeichnend für die Einschätzung ist vielleicht die Erinnerung an den Besuch einer Oberpfälzer Reisegruppe der Friedrich-Ebert-Stiftung in Leipzig. Einige Besucher anerkannten voller Sympathie die Errungenschaften der DDR: Kinderkrippe, Vollbeschäftigung, soziale Sicherheit. Die Praxis-erfahrenen Kommunalpolitiker sahen aber vor allem die Schwachstellen des Systems: Schlechte Straßen, verfallende Wohnungen, überbesetzte Betriebe.

Es herrschte Unsicherheit im deutsch-deutschen Verhältnis. Während das Grundgesetz zur Wiederherstellung der Einheit in Frieden und Freiheit aufrief, hätte die Mehrheit der Bürger wohl der Aussage von Dorothee Wilms zugestimmt. Die Bundesministerin für innerdeutsche Beziehungen sagte damals: „Wir wissen, dass die Überwindung der Teilung Deutschlands in naher Zukunft nicht zu erwarten ist, weil auch die Teilung Europas noch andauert.“ Eine Wiedervereinigung noch im 20. Jahrhundert hielten 1989 laut einer Umfrage nur acht Prozent der Bürger für möglich. Das Bewusstsein für die Einheit bröckelte. Von der Toskana wusste man mehr als von Sachsen – und das galt für Politiker wie Durchschnittsbürger.

Die außenpolitische Lage wurde daher zum entscheidenden Antrieb für die weitere Entwicklung. Ungarn begann bereits im Mai mit dem Abbau des Stacheldrahtzauns an der Grenze zu Österreich. Im August reisten dann der ungarische Ministerpräsident und sein Außenminister nach Bonn. Dort erklärten sie Kanzler Helmut Kohl: „Ungarn hat sich entschieden, den DDR-Bürgern die freie Ausreise zu erlauben. Wir haben uns dazu vor allem aus humanitären Gründen entschieden.“ Damit öffnete sich die Tür nach Westen für die DDR-Bürger – die Tragweite für den Ost-Berliner Staat wurde von niemandem erkannt. Es war daher Zufall, dass einen Tag später eine Initiativgruppe zur Gründung einer sozialdemokratischen Partei in der DDR aufrief.

Das Volk stand auf

Es gab also bereits in den Wochen und Monaten vor dem Mauerfall deutlich Zeichen, dass die wirtschaftlich und politisch morsche DDR vor dem Zusammenbruch stand. Sie verlor noch dazu den unbedingt notwendigen Rückhalt des großen sowjetischen Bruders. Die überalterte DDR-Führung verharrte angesichts der Herausforderungen aber auf ihren Positionen. Das Politbüromitglied Günter Mittag bekannte Ende August auf einer Sitzung angesichts der Bilder von DDR-Flüchtlingen in Ungarn ratlos: „Ich möchte auch manchmal den Fernseher zerschlagen, aber das nützt ja nichts.“ Gorbatschows Rat, rechtzeitig Veränderungen zuzulassen, wurde in den Wind geschlagen. Die Bürger der DDR nahmen ihr Schicksal in die Hand. Das Volk stand auf.

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