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Das Erfolgsrezept der AfD

Die AfD befindet sich im Höhenflug. Parteienforscher Werner Weidenfeld erklärt, woraus die Partei ihre Stärke bezieht.
Von Stefan Stark, MZ

Professor Werner Weidenfeld Foto: dpa
Professor Werner Weidenfeld Foto: dpa

Regensburg.Herr Weidenfeld, in neuen Umfragen legt die AfD in der Wählergunst auf 15 Prozent zu. Wie erklären Sie den Erfolg der Partei?

Der Erfolg der AfD ist zunächst begründet im Misserfolg der traditionellen Parteien. Die Bürger sind verängstigt, verunsichert, frustriert und wütend, weil sie im Angebot der etablierten Parteien keine Antworten auf ihre Sorgen sehen und ihre Distanzierung irgendwo festmachen wollen. Das tun sie bei der AfD. Dort verankern viele Wähler ihre Enttäuschung über die gesamtpolitische Lage.

Kann sich die AfD als rechtspopulistische Kraft in Deutschland etablieren?

Das hängt davon ab, wie die anderen Parteien in Zukunft mit ihr umgehen. Solange die Traditionsparteien ein Strategie- und Erklärdefizit aufweisen, wird es relativ starke populistische Strömungen geben. Das können sie auch in den anderen europäischen Ländern beobachten, wo es ähnliche Phänomene gibt. Wenn die etablierten Parteien dieses Erklärungsdefizit aufgeben, werden auch die populistischen Strömungen rasch an Relevanz verlieren.

Gibt es Parallelen zwischen der AfD und der FPÖ in Österreich?

Ja, beide sind sich sehr ähnlich – wobei die FPÖ in Österreich einfach 15 Jahre früher dran war. Die FPÖ ist ja auch entstanden aus einer Frustration über die traditionelle Große-Koalition-Konstellation in Österreich. Zwei große Parteien dominieren alles und machen die Machtstrukturen unter sich aus. Irgendwann geht denen dann sie Energie aus. Als Folge distanzieren sich die Menschen und wenden sich einer neuen Kraft zu, die dann die Frustration der Leute zum Ausdruck bringt. Bei der Frage von Meinungsforschern, was die Bürger am jetzigen FPÖ-Spitzenkandidaten schätzen, lautet die häufigste Antwort: Er kennt unsere Sorgen. Das ist das Entscheidende – und nicht, ob sie den großen Wurf anbieten oder überzeugende Lösungen. Dasselbe kann man bei der AfD beobachten. Bei den Umfragen trauen die Bürger der Alternative für Deutschland nämlich auch nicht zu, dass sie die Probleme lösen.

Spielt denn das Führungschaos bei der AfD keine Rolle?

Eines lässt sich konstatieren: Im alten Parteiensystem wäre die AfD schon längst wieder von der Bildfläche verschwunden. Ein Beleg für das Chaos: AfD-Gründer Bernd Lucke tritt aus der Partei aus, gründet seine eigene Partei und distanziert sich in Interviews vom „Monster“, das er erschaffen habe. Dann beschließt der Bundesvorstand, einen Landesverband aufzulösen. Trotzdem existiert der immer noch. Ein weiteres Beispiel: Die Parteichefin sagt, mit dem Pressesprecher arbeite sie nicht mehr zusammen. Dann beschließt der Parteivorstand einstimmig, dass man mit dem Pressesprecher doch weiter zusammenarbeitet. Das ist das totale Führungschaos, das eine Partei früher sofort zum Verschwinden gebracht hätte. Denken sie etwa an die Piraten. Doch in der aktuellen Phase der Enttäuschung über die Traditionsparteien ist dieses Tohuwabohu kein Thema mehr.

Die 15 Prozent, die heute die AfD wählen würden, können also mit den Altparteien nichts mehr anfangen?

Ja – solange die etablierten Parteien keine anderen Angebote machen. Die Veranstaltung der SPD am vergangenen Montag können sie genau in diese Rubrik einordnen. Die Sozialdemokraten vermittelten dort das Gefühl, sie müssten eine alte Stärke der SPD wieder reaktivieren – das Image als Gerechtigkeitspartei. Ob sie das schaffen, ist zwar mit großen Fragezeichen versehen. Aber die SPD-Oberen haben offenbar verstanden, dass sie den Bürgern wieder eine alte Form von Sicherheit vermitteln müssen.

Wie haben sich die Wähler in Deutschland verändert?

Das soziologische Milieu, in dem Wähler jahrzehntelang einer Partei treu blieben existiert nicht mehr. Früher galt: Ein Arbeiter wählt SPD, ein Mittelständler wählt FDP oder ein Unternehmer wählt das und das. Diese kalkulierbare Stimmabgabe bestimmter Gruppen ist nicht mehr gegeben. Denn das soziologische Milieu wurde abgelöst durch ein Stimmungsmilieu.

Wird durch die AfD Rechtspopulismus wieder salonfähig?

Eine schwierige Frage, weil zumindest Rechtsextremismus in Deutschland verpönt ist. Die harmloserer Variante des Rechtsextremismus – der Rechtspopulismus – versucht ja, nicht einordenbar zu sein. Das Thema Rechte in Deutschland ist wegen unserer Geschichte immer ein höchst problematisches Feld. Wer etwa heute einen Begriff verwendet, der in alten Zeiten schon benutzt wurde, der erntet sofort die große Empörung. Die AfD jedenfalls wehrt sich erfolgreich dagegen, in die rechte Ecke gestellt zu werden.

Was raten Sie den etablierten Parteien im Umgang mit der AfD?

Sie müssen strategische Zukunftsperspektiven liefern. Weder nutzt es ihnen zu sagen, mit der AfD redet man nicht. Genauso wenig bringt es es ihnen etwas, die AfD pausenlos zu attackieren. Die Traditionsparteien müssen ein eigenes umfassendes Angebot haben, die Probleme zu lösen. Gleichzeitig müssen sie vermitteln, dass sie sich um die Sorgen der Bürger kümmern. Solange sie das nicht tun, bleibt sie AfD stark.

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