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Interview

„Das Gegenteil eines glatten Politikers“

Der frühere SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück spricht mit MZ-Korrespondent Reinhard Zweigler über Helmut Schmidt.

Peer Steinbrück und Helmut Schmidt, hier auf einer Archivaufnahme aus dem Jahr 2010 Foto: dpa
Peer Steinbrück und Helmut Schmidt, hier auf einer Archivaufnahme aus dem Jahr 2010 Foto: dpa

Berlin.Herr Steinbrück, wann haben Sie zum letzten Mal mit Helmut Schmidt Schach gespielt?

Das muss Anfang 2015 gewesen sein.

Wer hat gewonnen?

Darüber haben wir nie Auskunft gegeben. Nur soviel: Er war jemand, der auch mit großem Anstand verlieren konnte.

Wie erklären Sie das Phänomen Helmut Schmidt – dass Schmidt über 30 Jahre nach seiner Kanzlerschaft immer noch stets präsent und gefragt war?

Offenbar diente er vielen Menschen als eine Art Projektionsfläche. Sie wünschten sich einen Politikertypen, der Verantwortung übernimmt, Führungsstärke zeigt und gesunden Menschenverstand besitzt. All dies verkörperte der Pflichtmensch Helmut Schmidt und war damit sozusagen das Gegenteil des moderierenden, glatten, vagen Politikers.

Warum gibt es diese Politikertypen wie Helmut Schmidt nicht mehr, die notfalls auch mit der eigenen Partei über Kreuz liegen, wenn es ihre Überzeugung erfordert?

Es liegt wohl an den Biografien, wie sie die Ikonen der SPD – Willy Brandt, Herbert Wehner oder Schmidt – aufzuweisen hatten. Sie haben dramatische Zeiten erlebt und daraus ihre Schlüsse gezogen. Helmut Schmidt hat nach dem furchtbaren Erleben von Krieg und Nazi-Diktatur 1946 für sich gesagt: Diese „Scheiße“ darf nie wieder passieren. Darin lag sein Antrieb, ein demokratisches und soziales Gemeinwesen aufzubauen und sicherzustellen. Daraus hat er seine Konsequenzen gezogen.

Schmidt hat Franz Josef Strauß als seinen lebenslangen Widersacher bezeichnet. Wenn beide gegeneinander in Rededuellen antraten, brannte die Luft. Haben sich beide dennoch persönlich geschätzt?

Ja, mindestens geachtet, das weiß ich von ihm selbst. Strauß war seine rhetorische Herausforderung im Bundestag. Hinter den Kulissen haben sie sich wechselseitig Respekt gezollt.

Was fehlt der Sozialdemokratie, wenn Schmidt nun nicht mehr da ist?

Es fehlt einer, der politische Absichtserklärungen an der Wirklichkeit misst. Einer, der klar macht, dass es nicht ausreicht, nur eine gute Gesinnung zu haben, sondern die Politik heute und morgen das Notwendige tun muss, um das Gemeinwesen zusammen zu halten und Europa eine friedliche und prosperierende Perspektive zu geben.

Hat Helmut Schmidt Sie zur Kanzlerkandidatur 2013 bewegt?

Nein, auch wenn das gelegentlich so ausgesehen haben mag. Er hat mich weder gedrängt, noch habe ich ihn um den Ritterschlag gebeten.

Schmidt hat davor gewarnt, dass Zuwanderung nicht die Probleme auf dem deutschen Arbeitsmarkt lösen werde. Hatte er Recht?

Ich weiß nicht, ob er das so gesagt hat. Wenn ja, dann wäre das ein Punkt, in dem ich mit ihm nicht übereinstimmen würde. Wir verlieren bis 2030 rund vier Millionen Erwerbstätige. Seit 20 Jahren ist klar, dass wir gegen diesen Trend auch ein Einwanderungsgesetz brauchen. Das wurde versäumt. Auch, weil die Union den Menschen jahrelang Sand in die Augen gestreut hat, wir bräuchten keine Einwanderung. Richtig ist angesichts der Flüchtlingsströme allerdings, dass es zu einer Konkurrenz im gering qualifizierten Segment kommen dürfte. Daraus können Spannungen entstehen, die uns mehr zu schaffen machen werden, als wir heute vermuten.

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