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Freitag, 21. September 2018 28° 4

Infrastruktur

Das Land der Mobilfunklöcher

Handyempfang erreicht in Ostbayern teils nicht 2G-Standard. Bei neuem Förderprogramm spielt Regensburg eine Schlüsselrolle.
Von Christine Schröpf

Smartphones werden immer ausgefeilter. Damit wachsen auch die Wünsche nach einem flächendeckend gutem Mobilfunknetz. Foto: Andrej Sokolow/dpa
Smartphones werden immer ausgefeilter. Damit wachsen auch die Wünsche nach einem flächendeckend gutem Mobilfunknetz. Foto: Andrej Sokolow/dpa

München.Die Farbe Blau ist auf der Landkarte der bayerischen Mobilfunklöcher ein miserables Zeichen. Sie markiert, wo es beim Telefonieren oder beim Surfen im Internet zappenduster ausschaut und Handybesitzer eiserne Nerven haben sollten. Eine Karte auf der Homepage des bayerischen Wirtschaftsministeriums zeigt auf, dass in den betroffenen Regionen in „0 bis 50 Prozent“ der Fälle gerade einmal der niedrig Standard 2G erreicht wird, der das Surfen im Internet oder ein Telefonat zum Glückspiel macht. In Ostbayerns sind eine Reihe von Landstrichen in dieses böse Blau getaucht. Es betrifft etwa die Region zwischen Nabburg und Oberviechtach, die tschechische Grenze bei Schönsee, die Gegend zwischen Neukirchen beim Heiligen Blut und Eschlkam das Dreieck zwischen Bach, Brennberg und Altenthann.

Wirtschaftsminister Franz Josef Pschierer (CSU) hat es bei Autofahrten durch Ostbayern häufig durchlitten. „Fünf, sechs oder sieben Kilometer weit – kein Netz“, erzählt er. Das neue Mobilfunkförderprogramm der Staatsregierung soll das ändern. Es liegt gerade der EU-Kommission in Brüssel zur Genehmigung vor. Pschierer rechnet noch im Sommer mit dem Plazet, will danach das Startsignal geben.

Ein 80-Prozent-Zuschuss

Kommunen sollen künftig einen 80-Prozent-Zuschuss bekommen, wenn sie in jenen Regionen Mobilfunkmasten bauen, von denen Mobilfunkbetreiber aus wirtschaftlichen Gründen lieber die Finger lassen. Das Kalkül: Die Standorte werden für Firmen attraktiver, wenn sie die Masten nicht mehr selbst errichten, sondern nur noch mieten und mit der Sendetechnik aufrüsten müssen. Ein neues Mobilfunkzentrum mit Sitz in Regensburg, angesiedelt bei der Regierung der Oberpfalz, soll nach Pschierers Worten den Kommunen bei ihren Planungen kräftig assistieren, Musterverträge bereitstellen und bestmögliche Standorte ausloten. Ein Service für ganz Bayern, der ab Herbst von zehn Mitarbeitern geleistet werden soll. Vorbild ist die Hilfe, die Bürgermeister beim Breitbandprogramm des Finanzministeriums erhalten. Pschierer setzt zudem einen eigenen Akzent: Kommunen können den Mastenbau auch extern an einen „Konzessionär“ vergeben.

Das Wirtschaftsministerium zeigt auf seiner Homepage eine Karte mit den bayerischen Mobilfunklöchern – dort, wo blaue Flächen zu sehen sind, schaut es duster aus.

Schlechter Mobilfunk ist für die Wirtschaft ein schwerer Wettbewerbsnachteil. „Erreichbarkeit ist in der digitalen Welt entscheidend. Da geht es nicht nur ums telefonieren, sondern um Datentransfers“, sagt Pschierer. Mit „Invest daheim“ ermuntert die Regierung gerade Firmenchefs, zumindest Teile ihrer Produktion in den ländlichen Raum zu verlagern. In den Funklöchern Bayerns ist dieses Unterfangen ziemlich aussichtslos.

Signal vom Bund

  • Absichtserklärung:

    Bundesinfrastrukturminister Andreas Scheuer (CSU) traf sich am Donnerstag in Berlin mit Mobilfunkbetreibern und legte Ziele fest. Bis Ende 2021 sollen 99 Prozent der Haushalte in jedem Bundesland versorgt sein. Die Unternehmen wollen bisherige Funklöcher durch mindestens 1000 Masten mit 4G-Standard schließen. Neu gebaut oder aufgerüstet werden soll zudem an 10 000 weiteren Standorten.

  • Gegenleistung:

    Scheuer sicherte Netzbetreibern im Gegenzug zu, dass ihre Zahlungen für 4G-Frequenzen aufgeschoben werden. Die Unternehmen machten die Umsetzung der Pläne auch davon abhängig, welche Bedingungen sie bei der Ende 2018/Anfang 2019 anstehenden Frequenzvergabe des schnelleren Mobilfunkstandards 5G erfüllen müssten. (dpa)

Das Förderprogramm umfasst 80 Millionen Euro für die nächsten vier Jahre. Schätzungsweise 500 neue Masten für eine Versorgung mit LTE-Netz könnten so gebaut werden. Ein Standard, der ausreicht, um auf dem Handy Musik zu streamen oder Filme zu gucken. Ministerpräsident Markus Söder hatte in seiner Regierungserklärung vom April allerdings 1000 Masten bis 2020 in Aussicht gestellt. Pschierer rechnet damit, dass finanziell noch einmal kräftig aufgestockt wird.

Der Kostenanteil der Kommunen, die 20 Prozent selbst stemmen müssen, dürfte nach Schätzungen bei etwa 40 000 Euro liegen. Städte und Gemeinden hatten mit mehr oder minder großen Skepsis auf das Förderprogramm reagiert. Es sei gut, dass die CSU das Thema endlich anpacke, sagt die Regensburger Landrätin Tanja Schweiger (Freie Wähler). Für sie ist der erste Aufschlag aber nicht wuchtig genug.

Schweigers Idee: Mikrozellen

Schweiger hatte zuletzt ausgelotet, wie groß der Bedarf in ihrem eigenen Landkreis ist. In einem öffentlichen Verfahren gaben 1100 Bürger Hinweise auf Funklöcher. Fachleute ermittelten vor Ort das Ausmaß des Problems. Die Landrätin zog daraus ihre Schlüsse. „Wir brauchen allein 50 neue Masten im Landkreis Regensburg“, sagt sie. 50 bestehende Masten müssten mit einem Glasfaseranschluss ertüchtigt werden.

Der Bau neuer Mobilfunkmasten stößt nicht nur auf Gegenliebe. Foto: Daniel Reinhardt/dpa
Der Bau neuer Mobilfunkmasten stößt nicht nur auf Gegenliebe. Foto: Daniel Reinhardt/dpa

Auf Bayern mit seinen 71 Landkreisen bedeutet das für sie, das weit mehr Masten nötig sein werden, als die 500 die Pschierer plant, oder die 1000, die Söder in Aussicht stellt. „Ich gehe davon aus, dass es mehrere tausend sein müssten“, sagt sie. Schweiger hat Pschierer per Brief einen eigenen Vorschlag unterbreitet, wie es schnell vorangehen könnte. Sie setzt auf „Mikrozellen“ einer bayerischen Firma, die günstiger und strahlungsärmer sind. Das könnte auch die Grundskepsis in Teilen der Bürgerschaft gegen Mobilfunkmasten senken, die sich aus der befürchteten Strahlenbelastung nährt. „Jeder will zwar telefonieren. Aber keiner will die Masten haben.“

Die Oberpfälzer SPD-Landtagsabgeordnete Annette Karl – eine Spezialistin für Probleme des ländlichen Raums – äußert am Donnerstag erheblich Zweifel am CSU-Mobilfunk-Programm. „Ein Bürokratie-Monster mit wenig Aussicht, dass es die Situation entscheidend verbessert.“ Alle Probleme würden auf die Kommunen abgewälzt, von den Miet-Verhandlungen mit dem Mobilfunkbetreibern bis zur Überzeugungsarbeit bei den Bürgern. Sie fordert, dass die Staatsregierung den Bau von Mobilfunkmasten in Eigenregie übernimmt. Einwände, die EU-Kommission würde dem einen Riegel vorschieben, nennt sie Quatsch. Der CSU fehle es vielmehr an Mut, guten Mobilfunk als Staatsaufgabe zu verstehen.

Mobilfunklöcher behindern auch Wahlkämpfer in Ostbayern. Die Geschichte dazu finden Sie hier!

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