MyMz

Medien

Das lange Leben der Lügen

Verschwörungstheoretiker und Extremisten verbreiten im Netz groteske Unwahrheiten, zuletzt auch über die Mittelbayerische.
Von Claudia Bockholt

Wahr oder falsch? Ein Großteil der Deutschen schätzt sich beim Erkennen von Fake News als nicht sonderlich kompetent ein. Foto: Markus Mainka/stock.adobe.com
Wahr oder falsch? Ein Großteil der Deutschen schätzt sich beim Erkennen von Fake News als nicht sonderlich kompetent ein. Foto: Markus Mainka/stock.adobe.com

Regensburg.Es ist ein Treppenwitz des digitalen Medienzeitalters. Ausgerechnet dubiose „Nachrichten“-Portale im Internet, die die klassischen deutschen Medien gerne als „Lügenpresse“ diffamieren, nutzen deren Seriosität, um sich selbst glaubwürdiger erscheinen zu lassen. Gerade hat es die Mittelbayerische getroffen. Ein winziger technischer Fehler wurde zu einer monströsen Verschwörungstheorie aufgeblasen.

Und die geht so: Die Mittelbayerische ist verwickelt in ein linkes Komplott. Denn die Redaktion wusste Tage vor der Gewalttat in Chemnitz, dass ein Mensch sterben würde. Daniel H., der junge Deutsche mit kubanischen Wurzeln, sei nur aus einem Grund ermordet worden: damit linke Bands wie die Toten Hosen einen Vorwand hatten, ein Konzert gegen Rechts zu veranstalten.

Wenn es nicht so besorgniserregend wäre, müsste man über diesen haarsträubenden Unsinn lachen. Doch der aggressive Kampf-Text gegen die „Staatsmedien“ auf dem Portal „anonymousnews.ru“ wurde der Zählung des Betreibers zufolge über 7500 Mal angesehen. Stimmt die Zählung, dann wurde ein gleichlautender Vorwurf über den Bremer Weser-Kurier bereits fast 200 000 Mal angeschaut oder gelesen.

Fake-News-Opfer: Renate Künast

Fatal ist: Die Korrekturen der betroffenen Redaktionen hatten eine weitaus geringere Reichweite. Auch die Mittelbayerische reagierte blitzschnell und stellte den Sachverhalt klar. Der externe Dienstleister Teleschau, der unsere Webseite – und die des Weser-Kuriers – automatisch mit Nachrichten aus der Welt der Unterhaltung versorgt, hatte den Text versehentlich unter dem falschen Datum eingespeist. Doch die Richtigstellung auf unserer Webseite www.mittelbayerische.de erreichte deutlich weniger Leser. Sie erzielte rund 3000 Klicks. Das ist nicht wenig, aber leider nicht genug, um die eifrig geteilte Verschwörungstheorie in ganzer Breite zu entkräften. Diese ernüchternde Erkenntnis deckt sich mit einer Studie von Prof. Dr. Ralf Hohlfeld, Inhaber des Lehrstuhls für Kommunikationswissenschaft an der Universität Passau. „Was erst einmal in der Welt ist, bleibt offenbar auch langfristig und robust dort“, sagt der Wissenschaftler.

Fake News um Migranten

Ein Beispiel: Über die Grünen-Politikerin Renate Künast wurde auf Facebook tausendfach verbreitet, sie habe für den jungen Migranten, der in Freiburg eine Studentin getötet hat, Verständnis gezeigt und ihn gewissermaßen freigesprochen. Der ihr zugeschriebene, angeblich aus der „Süddeutschen Zeitung“ zitierte Satz „Der traumatisierte junge Flüchtling hat zwar getötet, man muss ihm aber jetzt trotzdem helfen" war allerdings frei erfunden. Künast stellte Strafanzeige, ging gegen Facebook vor – es half nichts. Die Falschnachricht klebt wie alter Kaugummi an ihren Sohlen.

„Fake News, die sich um das Thema Migration ranken und einer gewissen Weltanschauung Nahrung geben, sind die erfolgreichsten.“

Prof. Dr. Ralf Hohlfeld, Inhaber des Lehrstuhls für Kommunikationswissenschaft an der Universität Passau

„Fake News, die sich um das Thema Migration ranken und einer gewissen Weltanschauung Nahrung geben, sind die erfolgreichsten“, sagt Hohlfeld. Das hat eine von ihm geleitete Studie 2017 bestätigt. Solche meist politisch lancierten „Nachrichten“ haben die höchsten Interaktionsraten, werden im Netz also am häufigsten kommentiert und geteilt. Am gefährlichsten, sagt der Medienwissenschaftler, sind die Falschinformationen, die in einem gewissermaßen harmlosen Nachrichtenfluss mitschwimmen. Solche, die einen wahren Nachrichtenkern manipulieren, etwa indem sie einen Aspekt herausnehmen, ins Gegenteil verkehren und das Ganze zu einer absurden Hypothese verquirlen. „Dann sagen die Leser: Davon hab’ ich doch schon mal gehört. So ist das also“, erklärt Hohlfeld. Er spricht von „Wölfen im Schafspelz“.

Deutsche halten sich, was das Erkennen von Fake News angeht, nicht für sonderlich kompetent. Das hat eine Studie des ipsos-Instituts ergeben. Nicht einmal jeder zweite (47 Prozent) glaubt, solche Meldungen zu identifizieren. Zum Vergleich: In der Türkei vertrauen 77 Prozent der Menschen ihrer Kompetenz im Umgang mit (Sozialen) Medien. Selbst- und Fremdwahrnehmung klaffen in allen Nationen auseinander. Simpel gesagt: Seine Nachbarn hält man immer für dümmer als sich selbst.

Kaum Einfluss auf Landtagswahl

Eine gute Nachricht hat Ralf Hohlfeld gottseidank auch noch parat. Seine Studie hatte sich 2017 ausführlich mit dem Einfluss sogenannter Social Bots auf das Ergebnis der Bundestagswahl befasst. Laut verschiedener Untersuchungen wurden die US-Wahl und auch die britische Brexit-Abstimmung maßgeblich durch Maschinen manipuliert, die blitzschnell und millionenfach politische Propaganda im Sinne ihrer Auftraggeber verbreiten. In Deutschland, so die beruhigende Erkenntnis des Passauers, spielen Bots bislang keine große Rolle. Das gilt seiner Einschätzung nach auch für den bisherigen Landtagswahlkampf in Bayern. Dennoch fordert er nachdrücklich ein eigenes Schulfach „Medienbildung“, das Kindern die Kompetenz vermittelt, die sie brauchen, um im Netz keinen Seelenfängern auf den Leim zu gehen.

Das Vertrauen der Deutschen in die Medien hierzulande ist noch deutlich höher als in anderen EU-Ländern. Das stählt sie gegen Fake News. Laut Professor Hohlfeld haben Studien gezeigt, dass regelmäßige Nutzer von Qualitätsmedien sich leichter tun, in der täglichen Nachrichtenflut Wahres von Falschem zu unterscheiden.

Weitere Nachrichten aus aller Welt lesen Sie hier.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht