MyMz

Macht

Das Phänomen Merkel

Angela Merkel soll am Mittwoch zum vierten Mal zur Kanzlerin gewählt werden. Kritiker werfen ihr kühle Taktiererei vor.
Von Reinhard Zweigler

Die Anspannung der vergangenen Wochen hat sich aufgelöst: Angela Merkel war nach der Unterzeichnung des Koalitionsvertrags am Montag sogar zu einem Scherz mit Horst Seehofer (unten links) aufgelegt. Foto: Odd Anderson/afp
Die Anspannung der vergangenen Wochen hat sich aufgelöst: Angela Merkel war nach der Unterzeichnung des Koalitionsvertrags am Montag sogar zu einem Scherz mit Horst Seehofer (unten links) aufgelegt. Foto: Odd Anderson/afp

Nach der Pressekonferenz zur Unterzeichnung des Koalitionsvertrages Montagmittag versperrt Horst Seehofer im Gespräch mit der Mittelbayerischen den schmalen Ausgang aus dem Saal. Die hinter ihm wartende Angela Merkel bemerkt er nicht. Doch die schiebt freundlich, aber bestimmt den CSU-Chef zur Seite: „Mach mal Platz, Horst!“ Nur eine kleine Episode, die aber viel aussagt über den Stil der 63-jährigen CDU-Vorsitzenden, die heute zum vierten Mal zur Bundeskanzlerin gewählt werden soll. Dabei war Merkel nach der Bundestagswahl am 24. September von vielen bereits nieder- und abgeschrieben worden. Ein politisches Auslaufmodell. Auch in den Unionsparteien gab es nach den herben Verlusten heftige Kritik. An Merkel, an ihrem Führungsstil, vor allem an ihrer Flüchtlingspolitik. Da ballten viele Unions-Abgeordnete nicht nur die Faust in der Tasche, sondern forderten auch laut: Merkel muss weg. In schönster AfD-Manier. So um das Kanzleramt kämpfen wie in den letzten Monaten, musste Merkel noch nie.

„Ich danke der Kanzlerin für höchste (...) Kompetenz in den Koalitionsverhandlungen.“

Horst Seehofer, CSU-Vorsitzender

Auch CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt hat mit seiner Kritik an Merkel lange Zeit nicht hinter dem Berg gehalten. Im Frühjahr 2016 machte er in einem Interview Merkels Flüchtlingspolitik für den Aufstieg der AfD verantwortlich. Sie habe ein „politisches Vakuum“ entstehen lassen. Viele in der CDU waren damals der Meinung, dass Merkel Dobrindt – damals Verkehrsminister – aus dem Kabinett werfen müsse. Das tat sie jedoch nicht. Heute allerdings klingt Dobrindt im Gespräch mit unserem Medienhaus ganz anders. „Dass Angela Merkel viel Zuspruch erfährt, liegt daran, dass sie die höchst angespannte Situation nach der Bundestagswahl gemeistert hat.“

Dobrindts erstaunliches Lob

Der Oberbayer äußert nicht nur „Respekt“, sondern lobt auch „Verhandlungsgeschick und Hartnäckigkeit“ der Kanzlerin beim Koalitions-Marathon. „Eine herausragende Leistung“, befindet Dobrindt, sei es, Parteien zusammen geführt zu haben, die eigentlich nicht zusammen finden wollten. Und Dobrindt attestiert Merkel, sie sei auch „in der Lage die gesamte Wahlperiode gut zu führen“. Das sind erstaunliche Worte aus dem Munde eines CSU-Politikers, der lange in dem Verdacht stand, zusammen mit dem Merkel-Kritiker Jens Spahn (CDU), der jetzt Gesundheitsminister wird, sowie FDP-Chef Christian Lindner, die Kanzlerin stürzen zu wollen.

Merkels Erfolg, eine vierte Koalition zustande gebracht zu haben, hat offenbar auch diesen „Sturm im Wasserglas“ in sich zusammen stürzen lassen. Man erinnert sich an die Revolte gegen ihren Ziehvater Helmut Kohl im Spätsommer 1989. Kohl saß die Attacke seiner Kritiker, wie der Ex-CDU-Generalsekretäre Heiner Geißler und Kurt Biedenkopf oder der spätere Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth, seinerzeit einfach aus – und wurde Monate später als Kanzler der deutschen Einheit gefeiert.

Zwei Klischees ärgern sie

Über zwei Klischees scheint sich die Kanzlerin besonders zu ärgern. Das erste lautet, sie zaudere mit ihren Entscheidungen, warte ab, ehe sie sich zu Wort melde. Bei den Koalitionsverhandlungen habe sie nur „moderierend eingegriffen“. Merkel schüttelt den Kopf. Sie habe „hinreichend viele Momente“ gehabt, in denen sie „schnell entscheiden musste“. Das zweite Klischee besagt, die Pastorentochter aus der Uckermark sei zu emotionalen Regungen kaum fähig, große Gesten gingen ihr ab. Sie sei eine „kühle Taktikerin der Macht“. Merkel lächelt über diesen Vorwurf: „Ich kann auch freundlich gucken.“

„Am meisten schätze ich an ihr, wie sie diese leicht arroganten Kerle im Griff hat.“ Gregor Gysi, Abgeordneter der Linkspartei

Im internen Kreis, wenn keine Kameras und Mikrofone auf sie gerichtet sind, zeigt sie durchaus Humor. So berichtet sie gerne, dass sie nach der Wiedervereinigung 1990 mit ihrer Bewerbung beim Bundespresseamt abblitzte, weil ihr Blutdruck zu hoch gewesen sei. Wie anders wäre die Geschichte verlaufen, wenn Merkel, damals stellvertretende Regierungssprecherin des letzten DDR-Ministerpräsidenten Lothar de Mazière , eine Beamtenkarriere begonnen hätte und nicht in die Bundespolitik eingestiegen wäre? Kanzler Helmut Kohl machte sie auf Anraten aus Ost-Berlin Ende 1990 zur Familien- und Jugendministerin. Und im Zuge der CDU-Spendenaffäre 1999/2000 emanzipierte sich Merkel von Übervater Kohl und wurde CDU-Vorsitzende.

Viele Kontrahenten aus der eigenen Partei, hat Merkel einfach beiseitegeschoben, wie den einstigen Fraktionschef Friedrich Merz, der wieder als Anwalt arbeitet, oder Hessen Ex-Ministerpräsidenten Roland Koch. Heutige innerparteiliche Kritiker lässt sie entweder links liegen, wie den hessischen Bundestagsabgeordneten Klaus-Peter Willsch, der Merkels Griechenland-Rettungspolitik attackierte. Oder bindet sie in die Kabinettsdisziplin ein, wie jetzt die Speerspitze der Konservativen, Jens Spahn. Und manche Kritik, etwa die zehnminütige Demütigung durch Horst Seehofer auf dem CSU-Parteitag im November 2015, scheint Merkel einfach abprallen zu lassen.

Drei Jahre später war Seehofer froh, dass ihm die „liebe Angela“ ein Ministeramt in Berlin anbot. Wer Merkels Politik nahesteht, kann früher oder später mit Beförderung rechnen. So die saarländische Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer, die Merkel zur CDU-Generalsekretärin und möglichen Nachfolgerin im Kanzleramt bestimmte. Nach dem Motto: „Totgesagte leben länger“ könnte Merkel nun die nächsten dreineinhalb Jahre weiterhin die Regierung anführen. Die Frau ist ein Phänomen, staunen viele.

Merkels 4. Kanzler-Wahl: Viel Veränderung in 4495

Lesen Sie außerdem die Analyse von unserem Berlin-Korrespondent Reinhard Zweigler zu Merkels neuen Ministern!

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht