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Mittwoch, 25. April 2018 22° 3

Justiz

Das Trauma aus dem Teambus

Der Bombenanschlag im April auf den Bus des BVB hinterließ tiefe Spuren. Jetzt steht der Prozess bevor.
Von Heinz Büse, dpa

Der Bus von Borussia Dortmund steht mit einer beschädigten Scheibe am 11. April diesen Jahre in Dortmund an einer Straße. Foto: Ina Fassbender/dpa

Dortmund.TV-Shows, Jahresrückblicke, Talkrunden – Hans-Joachim Watzke ist derzeit ein gefragter Gesprächspartner. Der Geschäftsführer des Fußball-Bundesligisten Borussia Dortmund muss sich nicht nur zum Trainerwechsel von Peter Bosz auf Peter Stöger äußern. Am Donnerstag beginnt vor dem Dortmunder Landgericht auch der Prozess um den Bombenanschlag auf den BVB-Mannschaftsbus. Noch heute fällt es Watzke schwer, über die Geschehnisse vom 11. April zu reden: „Das war schon eine Extremsituation.“

Das angebliche Motiv des mutmaßlichen Attentäters Sergej W., der viel Geld auf einen fallenden Aktienkurs beim einzigen an der Börse notierten deutschen Club gewettet haben soll, macht das Attentat zu einem beispiellosen Verbrechen in der deutschen Kriminalgeschichte. Es hinterließ bei allen Beteiligten tiefe Spuren. Lange Zeit wurden die BVB-Profis nach Angaben Watzkes psychologisch betreut: „Wir haben intensiv beobachtet, ob sich bei dem einen oder anderen Spieler eine posttraumatische Störung entwickelt hat. Diese Gefahr ist nach fünf, sechs Monaten am größten. Das hatten wir alles auf dem Schirm.“

Streit in der Öffentlichkeit

Besonders die Schmerzensschreie des Spaniers Marc Bartra, der von Splittern schwer am Arm verletzt wurde, blieben den Profis lange in Erinnerung. Eindringlich schilderte Bartras mittlerweile nach England gewechselter Landsmann Mikel Merino im „Guardian“ die Atmosphäre im Bus, der auf dem Weg vom Team-Hotel zum Champions-League-Heimspiel gegen den AS Monaco war. „Wir dachten alle, dass wir jetzt sterben. Einige Spieler haben sich auf den Boden geworfen und den Busfahrer angeschrien, dass er uns wegbringen soll. Wir wussten ja nicht, ob es noch mehr Bomben geben würde. Oder ein Killerkommando in den Bus stürmt und uns erschießt.“

„Wir haben intensiv beobachtet, ob sich bei dem einen oder anderen Spieler eine posttraumatische Störung entwickelt hat. Diese Gefahr ist nach fünf, sechs Monaten am größten. Das hatten wir alles auf dem Schirm.“

BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke

Dass die Mannschaft am Tag danach mit 2:3 gegen Monaco unterlag, verwunderte angesichts der emotionalen Ausnahmesituation niemanden. „Von dem Moment an, als ich vom Anschlag hörte, wusste ich, dass die Champions-League-Saison für uns zu Ende ist. Dass eine Mannschaft sich von einem Bombenanschlag erholt und noch eine Runde weiterkommt, ist ausgeschlossen“, sagte Watzke.

Auch der Vereinsfrieden nahm Schaden. Anders als erwartet rückten der damalige Trainer Thomas Tuchel und Watzke nach der heimtückischen Tat nicht enger zusammen, sondern trugen ihre Meinungsverschiedenheit öffentlich aus. Streitpunkt war die von Watzke und weiten Teilen der Mannschaft mitgetragene Entscheidung der UEFA, die Partie nur 24 Stunden später neu anzusetzen.

„Von dem Moment an, als ich vom Anschlag hörte, wusste ich, dass die Champions-League-Saison für uns zu Ende ist. Dass eine Mannschaft sich von einem Bombenanschlag erholt und noch eine Runde weiterkommt, ist ausgeschlossen.“

BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke

Die medienwirksame Kritik des Trainers an dieser Neuansetzung trug zur Trennung der Borussia von Tuchel Ende Mai bei. „Nachdem wir intern diese Entscheidung getroffen hatten, hätten wir uns einfach den Mund abputzen müssen und nach Hause gehen müssen. Das ist leider nicht so passiert“, klagte Watzke in der Vorwoche bei einem BVB-Talk der „Ruhr Nachrichten“, ohne Tuchels Namen zu nennen.

Watzke verteidigt Spielansetzung

Nach Einschätzung des BVB-Chefs war der damalige, nur wenige Stunden nach dem Anschlag getroffene Entschluss folgerichtig: „Wir hatten an diesem Abend und am Tag danach noch alle das Gefühl, dass es sich um einen Terroranschlag handelte. Es ging dann einfach um die Frage, willst du als Gesellschaft ein Zeichen setzen unter der Berücksichtigung, dass du von den Spielern fast Unmenschliches verlangst, oder nicht. Das war die eigentliche Botschaft“, sagte Watzke. Mit ernstem Blick fügte er an: „Dass es sich um einen Hochkriminellen oder vielleicht Gestörten handelt, konnte man zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen.“

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Die Anklage

  • Der Angeklagte,

    der 28-jährige Sergej W., wohnte zuletzt in Rottenburg am Neckar (Baden-Württemberg). Die Staatsanwaltschaft wirft ihm 28-fachen Mordversuch und Herbeiführen einer Sprengstoffexplosion vor. Er soll drei Sprengsätze in einer Hecke deponiert und per Fernzündung aktiviert haben.

  • Heimtückisch, aus Habgier

    und mit gemeingefährlichen Mitteln habe der Elektrotechniker gehandelt, so die Anklage. W. hat bisher nur erklärt, er habe in Dortmund lediglich Urlaub gemacht. (dpa)

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