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Sprache

Der Dialekt bleibt ein Statist

Bairisch wird auf Bauerntheater reduziert. Für ein mundartförderndes Klima braucht es staatliche Beauftragte
Von Sepp Obermeier, Vorsitzender des Bundes Bairische Sprache

Sepp Obermeier, Autor der aktuellen „Außenansicht“. Er ist Vorsitzender des Bunds Bairische Sprache e.V..
Sepp Obermeier, Autor der aktuellen „Außenansicht“. Er ist Vorsitzender des Bunds Bairische Sprache e.V..

Regensburg.Ein vergleichender Blick auf die Schwindsucht der Dialekte und die Grippewelle in Bayern ist gerade heuer zum Internationalen Tag der Muttersprache aufschlussreich und entlarvend zugleich. Steht Bairisch seit der Aufnahme durch die Unesco in den Weltatlas der bedrohten Sprachen im Jahr 2009 unter Dauerbeobachtung aus New York, so ist die Weltgesundheitsorganisation WHO noch nicht auf Bayern aufmerksam geworden. Wohl deshalb, weil die Öffentlichkeit mit aktuellen Zahlen der Grippefälle versorgt wird und die Medikation planmäßig nach den Regeln ärztlicher Kunst verläuft. Über die Dialektkompetenz im Freistaat gibt es nach acht Jahren im Bedrohungsstadium noch immer keine Zahlen von dialektsprechenden Vorschulkindern, die Prognosen über das Überleben der Mundarten zuließen. Die staatliche Dialektförderung bleibt in Einzelprojekten im einstelligen Promillebereich ohne Wirkung und krankt an „DPPD“, einer „Dialekt-Placebo-Pillen-Dreherei“.

Wenn die Förderung der Mundarten bei offiziellen Anlässen mit Schulklassen als Statisten im Bauerntheater-Stil gefeiert wird, jedoch sämtliche Politiker und Dialektfürsprecher das Hohelied auf bairische Dialekte völlig unglaubwürdig in Schriftdeutsch singen, dann kommt das einem Glaubwürdigkeitsbankrott gleich.

Bairisch wird der Lächerlichkeit preisgegeben

Es ist ein Irrglaube zu meinen, dass man mit einer Mundart-Projektstunde pro Woche an Kindergärten und Grundschulen auch nur einem Kind den akzentfreien Spracherwerb in einem Dialekt ermöglichen könnte, ebenso verhält es sich mit steuergeldfinanzierten Bairisch-Lerntafeln für Asylbewerber, die eine der ältesten europäischen Sprachen auf Oktoberfest-Witzpostkarten-Niveau der Lächerlichkeit preisgeben. „Ruckarschlings ins Mannagloo“ – das ist rückwärtsgerichtet bis ins Jahr 1899, als Kaiser Wilhelm II. sich mit schenkelklopfendem Vergnügen die „Völkerschau aus Bayern“ vorführen ließ!

Bayerns Dialekte sind nur noch zu retten, wenn möglichst viele Kindergartengruppen gebildet werden, in denen Dialektsprecher in der Mehrheit sind, deren Sprache ihre Altersgenossen spielerisch übernehmen. Dies funktioniert in einem von uns vor acht Jahren angestoßenen Pilotprojekt im Kindergarten St. Marienheim in Denkendorf nachhaltig.

Beiträge aus unserer Reihe mit Dialektforscher Professor Ludwig Zehenter lesen Sie hier.

Wir vom Bund Bairische Sprache schlagen deshalb vor, dass, analog zum Integrationsbeauftragten der Staatsregierung, für die bairischen, fränkischen und schwäbischen Dialekte drei Dialektbeauftragte installiert werden, die mit Vorbildcharakter und Multiplikationseffekt für ein dialektfreundliches und mundartförderndes Klima durch alle Gesellschaftsschichten sorgen, verbunden mit einer Berichterstattungspflicht an den Landtag. Es könnte beginnen mit einer Parlamentarier-Exkursion in die Schweiz, um zu erleben, wie vom Bäckerlehrling bis zum Hochschulprofessor und Nobelpreisträger neben der Standardsprache ganz selbstverständlich in allen Lebenslagen Mundart gesprochen wird.

Weiter unterstützen wir den Augsburger Dialektologen Prof. Werner König mit seiner Forderung nach einem Gesetz, wie es seit über 100 Jahren in Norwegen verankert ist. Demnach dürfen Kinder in der schriftlichen Ausdrucksweise verbessert werden, in der mündlichen jedoch nicht.

Weitere Beiträge aus unserer Reihe „Außenansicht“ lesen Sie hier.

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