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Baukunst

Der Mann hinter der neuen Synagoge

Der Top-Architekt aus Berlin hat das Gotteshaus in Regensburg entworfen. Hier erzählt er, was ihn antreibt.
Von Marianne Sperb

  • Volker Staab in seinem Büro in Berlin. Neben ihm an der Wand hängt eine Ansicht der neuen Synagoge in Regensburg. Foto: Sperb
  • Das LWL-Museum Münster: „Ein bisschen New York in Münster“, beschrieb eine Besucherin das Haus nach Plänen des Büros Volker Staab. Foto: Gentsch/dpa

Berlin.Professor Staab, wo immer es in Deutschland um Prestigebauten geht, taucht Ihr Name auf. Sie planen Großprojekte wie das Landesmuseum Münster, 7500 Quadratmeter groß, 50 Millionen Euro teuer. Gleichzeitig entwerfen Sie die Synagoge Regensburg, im Vergleich ein Zwergenbau. Warum nehmen Sie so einen Auftrag an?

Für uns ist nicht die Größe das Entscheidende, sondern die Aufgabe an sich. Und die Synagoge ist eine herausragende Aufgabe, als zeitgenössisches Gebäude in einer historischen Stadt, aber auch mit Blick auf die ideelle Bedeutung. Und: Diese Aufgabe macht uns großen Spaß! Auch aus Verbundenheit zu Regensburg. Ich kenne die Stadt recht gut aus der Zeit als Gestaltungsbeirat von 2005 bis 2010.

Die Synagoge stellt Sie vor Widersprüche: Architektur auf der Höhe der Zeit mitten im Welterbe. Ein großes Raumprogramm auf kleiner Fläche. Ein offenes, aber sicheres Haus. Wie schaffen Sie das?


Es ist ja eine Eigenschaft von Architektur, dass sie immer das Unmögliche will. Sie soll spektakulär und unverwechselbar sein und sich gleichzeitig liebevoll in die Umgebung einfügen. Für die Synagoge in Regensburg gibt es den Wunsch nach Sicherheit und nach Offenheit. Dazu kommt noch: Das Grundstück ist nicht einfach und sehr eng. Wir haben zwei Dinge versucht: erdgeschossige Nutzungen, die Einblick ins Gebäude erlauben, und ein kleiner Patio, der vor der eigentlichen Sicherheitszone liegt. So entsteht Raum, der zwischen Stadt und Synagoge vermittelt. Deshalb gibt es auch große Fenster, die den Blick in den Gemeindesaal freigeben, sowie eine öffentlich zugängliche Bibliothek. Ich war übrigens sehr glücklich mit der Entscheidung zur Kunst am Bau, für das Gedicht von Rose Ausländer, das ja auch den Wert von Gemeinsamkeit betont.

Das Büro Volker Staab plant die neue Synagoge in Regensburg: Hier die Entwürfe des Wettbewerbs.

Entwürfe für die Regensburger Synagoge

Welchen Bezug zur Religion haben Sie persönlich?

Von Haus aus bin ich protestantisch, aber ich fühle mich keiner Religion so ganz eng verbunden. Allerdings: Das Interkonfessionelle, Religion an sich als Träger von Werten, das hat mich immer interessiert.

Aber Sie mussten sich doch mit dem jüdischem Glauben befassen, mit Ritualen und Abläufen in der Synagoge.

Das ist ja das Schöne an unserem Beruf: Wir tauchen, je nach Aufgabe, in ganz unterschiedliche Welten ein. Wir überlegen, welche Bedürfnisse ein Museum oder ein Kammermusiksaal haben, und knien uns dann über Jahre in diese Themen hinein.

Ein Haus, das Widersprüche versöhnt: Hier lesen Sie, wie die Synagoge aussehen wird

Vor dem Europarat in Straßburg haben Sie erklärt, Architektur müsse autonom und gleichzeitig verbindend sein. Wie gelingt das?Kaum ein anderes Büro plant derart konstant in dieser Qualität. Ihr Museum in Nürnberg ist bis heute kein bisschen aus der Zeit gefallen.


Der zeitgenössischen Architektur wird ja immer vorgeworfen, entweder langweilig oder autistisch zu sein. Was mich interessiert, ist tatsächlich, wie Häuser in Kontakt zur Nachbarschaft treten, ohne dass sie Kopien der Nachbargebäude werden. Im Idealfall entsteht etwas, das wie ein gutes Gespräch ist. Das ist ja auch spannender und ertragreicher, wenn die beiden Gesprächspartner nicht das Gleiche denken – sofern man in der Lage ist, zuzuhören. Vielleicht kann man sagen: Wir bauen nicht auf laute Art spektakulär, sondern auf leise Art spannend.
Nun ja. Es gibt auch schlechtere Gebäude aus unserem Büro.

Bis heute kein bisschen aus der Zeit gefallen: das Neue Museum Nürnberg. 1991 begannen die Planungen des Büros Volker Staab. Foto: Daniel Karmann/dpa
Bis heute kein bisschen aus der Zeit gefallen: das Neue Museum Nürnberg. 1991 begannen die Planungen des Büros Volker Staab. Foto: Daniel Karmann/dpa

Welche?

Das verrate ich natürlich nicht. Aber Nürnberg ist vielleicht ein gutes Beispiel für den Spagat, wie ein Gebäude seine Funktionen erfüllt, mit seinem Umfeld klarkommt und dennoch eigenständig bleibt. Wir machen die Erfahrung: Wenn Dinge auf unterschiedlichen Ebenen Sinn ergeben, halten sie sich länger. Das ist ähnlich wie in der Mode: Das eine können Sie nach zwei Jahren nicht mehr sehen, das andere tragen Sie immer noch gern.

Was macht Ihre Meisterschaft aus? Wo liegt Ihre Kernkompetenz?

Ich merke, dass ich gern an Projekten arbeite, bei denen es starke historische Bindungen gibt. Aber ob man das Meisterschaft nennen soll? Unser Büro tut sich jedenfalls oft viel schwerer mit Gebäuden, die auf der grünen Wiese entstehen sollen. Wo ich mich am wohlsten fühle, ist tatsächlich da, wo es kompliziert wird. Und ich finde, dass wir da auch am besten sind.

Und was ist für Sie unverhandelbar?

Es gibt Grenzen moralischer Art. Ich habe zum Beispiel kein Interesse, für Diktatoren im Nahen Osten oder sonstwo zu bauen. Es gibt Grenzen bei Bauprogramm und Bauherr. Und es gibt einen Qualitätsanspruch, den ich nicht unterlaufen würde. Ein Beispiel ist das Naturkundemuseum Bayern, an der Flanke von Schloss Nymphenburg.

Die Kritiker laufen Sturm. Sie nennen Ihren Anbau „KZ“ und werfen Ihnen einen kaltschnäuzigen Umgang mit dem Schloss vor.

Es gibt eine aktive Bürgergruppe, die findet, wir zerstören die Schlossanlage. Diese Bürger möchten, dass wir die Schwaige, ein Gebäude an der südlichen Flanke des Schlosses, auf der gegenüberliegenden Seite nachbauen. Da verläuft für uns eine Grenze. Wir sind nicht geeignet für historische Plagiate. Sehen Sie, eine Stadt ist ja wie ein kulturelles Archiv. Wir fragen uns also: Was erzählt ein Haus von seiner Zeit? Wenn wir so tun, als ob ein Gebäude aus einer anderen Zeit stammt als der, in der er entsteht, erzählt es die falsche Geschichte.

Die Baustelle des Museums der Bayerischen Geschichte in Regensburg, Stand: August 2017 Foto: Armin Weigel/dpa
Die Baustelle des Museums der Bayerischen Geschichte in Regensburg, Stand: August 2017 Foto: Armin Weigel/dpa

In Regensburg reiben sich Bürger am Museum für Bayerische Geschichte, das ein Frankfurter Büro geplant hat. „Hässlicher geht es nicht“, heißt es. Wie geht ein Architekt sinnvoll mit solcher Kritik um?

Generell finde ich die Auseinandersetzung mit Architektur wunderbar. Es ist gut, wenn diskutiert wird. Aber manchmal will man sich ja nicht austauschen, sondern Frust loswerden. Ein Beispiel ist das Richard-Wagner-Museum in Bayreuth. Es hieß, wir machen das Ensemble um die Villa Wahnfried platt. Man kann da nur noch schwer auf eine Gesprächsebene finden. Und ich muss gestehen, ich habe keine Idee, wie das bei Fundamentalkritik gelingen könnte. Egal, was man tut: Architektur wird nie allen gefallen.

Manchmal hilft es, auf die Kraft des Gebäudes zu vertrauen, oder? Auch gegen Ihr Museum in Münster wurde gegiftet.

Es hieß: „Das ist ein Betonbunker.“ Und als es fertig war, wurde das Museum von den Einwohnern zum beliebtesten Gebäude in Münster gewählt.

Beim Wettbewerb für das neue Konzerthaus München landete Ihr Vorschlag auf Platz fünf. Was halten Sie vom Siegerentwurf?

Der erste Preis ist sicher einer der besten Entwürfe, die eingereicht worden sind. Aber das Projekt wird noch große Entwicklungen durchmachen. Solche Visualisierungen, wie sie bisher zu sehen sind, sind natürlich geduldig – es wird spannend, was auf diesem schwierigen Grundstück tatsächlich entstehen kann.

Nach meinem Eindruck ist es immer häufiger so: Es gibt einen Wettbewerb mit Top-Büros. Es gibt einen gefeierten Sieger. Und am Ende entsteht ein Gebäude, das alle enttäuscht. Was läuft da schief?

Man muss die Geschichte des jeweiligen Projekts kennen, aber meistens gibt es zwei Schuldige. Die Qualität, die entsteht, hängt vom starken planerischen Willen des Architekturbüros ab. Und von der Frage, wie stark der Bauherr dem Büro vertraut. Und dazu kommen dann noch die Kosten-Themen. Gerade wenn Investoren die Auftraggeber sind, die vor allem ans Geldverdienen denken, wird es schwierig. Beide müssen sich anstrengen, der Bauherr und der Architekt.

Ein zweites Phänomen: das große Grau am Bau, die Monotonie, die sich über unsere Städte legt.

Das ist in Regensburg nicht anders als in Berlin. Der günstige Wohnungsbau ist das dominierende Thema. Wenn man sich die horrenden Bodenpreise anschaut, wenn man sieht, wie viele Vorschriften zu befolgen sind, vom Schallschutz bis zum Energieverbrauch: Das kostet alles Geld. Am Ende, wenn alle Vorgaben befolgt sind, sind für die Qualität des Gebäudes kaum noch Kraft und Ressourcen übrig. Und das Problem verschärft sich, je mehr die Bodenpreise steigen. Alles zusammen macht das Bauen irre kompliziert und teuer. Und in 25 Jahren werden wir diese Häuser, bei denen nur noch für billige Oberflächen und billige Materialien Geld übrig war, alle abreißen können.

Sie sind am 25. Dezember 60 Jahre alt geworden. Welches Haus würden Sie gern noch bauen?

Das nächste! Das interessanteste Gebäude ist immer das nächste.

Im Oktober 2017 wurde auf der Baustelle der Synagoge in Regensburg Richtfest gefeiert: Hier geht es zur Bilderstrecke.

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