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Mauerfall

Der Run auf das Begrüßungsgeld

Nachdem am 9. November 1989 die Mauer gefallen war, standen unzählige DDR-Bürger in Hof Schlange, um die 100 D-Mark abzuholen.
Von Christiane Gläser, dpa

Der ehemalige Hofer Oberbürgermeister Dieter Döhla (links) und Kaufhof-Abteilungsleiter Hans Stahlberg zeigen vor dem Rathaus in Hof Nachbildungen von 100-Mark-Scheinen, die damals heiß begehrt waren.
Der ehemalige Hofer Oberbürgermeister Dieter Döhla (links) und Kaufhof-Abteilungsleiter Hans Stahlberg zeigen vor dem Rathaus in Hof Nachbildungen von 100-Mark-Scheinen, die damals heiß begehrt waren. Foto: dpa

Hof.An den 11. November 1989 kann sich der frühere Hofer Bürgermeister Dieter Döhla noch gut erinnern. Mitten in der Nacht hatte ihn ein besorgter Bürger angerufen. „Ich müsse sofort kommen, vor dem Rathaus stünden schon mehrere hundert DDR-Bürger und warteten. Und es war eiskalt in dieser Nacht“, erinnert sich der 70-Jährige. Worauf die Menschen warteten? Auf die Öffnung des Rathauses – und die Auszahlung des Begrüßungsgeldes von 100 D-Mark.

Nach dem Fall der Mauer am 9. November hatten sich zahllose DDR-Bürger spontan auf den Weg in den Westen gemacht. Um Freunde und Verwandte zu treffen, aber auch zum Schauen, Bummeln, Einkaufen. Dazu holten sich viele als Erstes das Begrüßungsgeld ab, das die Bundesrepublik seit 1970 jedem DDR-Bürger bei der Einreise in den Westen zahlte.

Allein in Westberlin standen in den Tagen nach dem Mauerfall Zehntausende DDR-Bürger Schlange vor den Auszahlungsstellen. Auch nach Bayern rollte eine Trabi-Lawine, vor allem aus Sachsen und Thüringen. Und die oberfränkische Stadt Hof, direkt hinter der Grenze gelegen, war einer der ersten Anlaufpunkte für die Besucher.

„Mit diesem riesigen Ansturm hatten wir nicht gerechnet“, sagt Döhla. Auf den nächtlichen Anruf folgte am 11. November – ein Samstag – ein verrückter Tag mit viel zu wenig Geld in den Rathauskassen und Tausenden geduldig wartenden Menschen.

„Unangeordnete Hilfsbereitschaft“

Die Stadt war auf sich und das Organisationstalent des Bürgermeisters gestellt. „Es gab ja keine Regeln für die deutsche Einheit. Der Atomfall wurde regelmäßig geprobt, die Wiedervereinigung nicht“, sagt Döhla, der damals gerade ein Jahr im Amt war. Noch heute freut er sich über die „unangeordnete Hilfsbereitschaft“ seiner Mitarbeiter und schmunzelt über das Chaos in der Stadt. „Wir holten uns Nachschub von den Sparkassen und den Landeszen-tralbanken – immer wieder. Teilweise brauchten wir das Geld so schnell, dass wir 50 000 Mark einfach in Plastiktüten von A nach B getragen haben.“

Äcker wurden zu Parkplätzen umfunktioniert, Shuttle-Busse eingerichtet und Banken, Gerichte und Behörden zahlten rund um die Uhr Geld aus, auch an den Wochenenden. Unterm Strich zahlte die Stadt damals rund 90 Millionen D-Mark an die Besucher aus, die das meiste prompt in Hof wieder ausgaben.

Matchbox-Autos und Levis-Jeans

Ein blauer Schein – und Millionen glückseliger Geschichten. Noch heute wissen viele, wofür sie ihr Begrüßungsgeld ausgegeben haben. Levis-
Jeans, Milka-Schokolade, Matchbox-Autos, Barbies und Elektrogeräte – für 100 Mark konnte man damals vieles kaufen. Leere Regale, Sonderschichten und jede Menge Arbeit – aber gemeckert habe keiner, sagt Hans Stahlberg, der noch heute Abteilungsleiter bei Kaufhof in Hof ist.

„Wir mussten das Kaufhaus zeitweise sogar aus Sicherheitsgründen schließen. Da waren so viele Leute drin, dass wir nicht wussten, ob die Statik des alten Hauses das aushält“, erinnert sich Stahlberg.

Kommentar

Grenzerfahrungen

Als die Mauer fiel, war ich Teenager. Berlin war weit weg. Nichts war so weit entfernt wie die DDR. Kein Ausland, kein Urlaub, egal wohin, führte mich...

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