MyMz

Geschichte

Die Entscheidung vom 9. Oktober 1989

Es hätte auch zu einem Tag der Gewalt werden können, doch der 9. Oktober 1989 wurde zum Beginn der friedlichen Revolution, die zum Mauerfall führte.
Von Reinhard Zweigler, MZ

„Wir wollen keine Gewalt! Wir wollen Veränderungen!“ ist auf einem Transparent zu lesen, das Demonstranten bei der Montagsdemonstration am 09.10.1989 in Leipzig mit sich führen. Foto: dpa

Leipzig.Die Spannung, die am 9. Oktober vor 25 Jahren über Leipzig lag, war unerträglich. Jeder wusste, heute würde etwas passieren. So oder so. Nach dem Montagsgebet in der Nikolaikirche eine Woche zuvor hatte die Staatsmacht noch mit Gewalt reagiert. Demonstranten, die nach Reisefreiheit und freien Wahlen riefen, wurden festgenommen. Und in Leipzig waren auch die Bilder von den brutalen Übergriffen einige Tage zuvor in Dresden und Ost-Berlin bekannt. Am Dresdner Hauptbahnhof knüppelte Polizei Hunderte Menschen nieder, die zu den Zügen mit Prager Botschaftsflüchtlingen Richtung Hof durchzukommen versuchten. Und in Ost-Berlin gab es zahlreiche Festnahmen von Regimegegnern, die am Rande der Jubelfeiern zum 40. DDR-Geburtstag ihren Unmut kund taten. Auch im sächsischen Plauen, nur wenige Kilometer von der innerdeutschen Grenze zu Bayern entfernt, gab es Demonstrationen. Dort setzte die Staatsmacht sogar einen Hubschrauber ein, um die Proteste auseinander zu treiben.

Der „Tag X“

Am 9. Oktober in Leipzig jedoch stand die Entscheidung für das an, was später die „friedliche Revolution“ genannt wurde. Das wusste die Staatsmacht, die für den „Tag X“, in Erinnerung an den Arbeiteraufstand vom 17. Juni 1953, nun gegen die erneute „Konterrevolution“ kräftig aufgerüstet hatte. 3125 Polizisten, 1500 Soldaten sowie weitere acht Hundertschaften von Kampfgruppen aus Betrieben und weitere 5000 Mitarbeiter der DDR-Staatssicherheit und sogenannte „gesellschaftliche Kräfte“, zumeist SED-Leute, standen bereit, den erwarteten Angriff der Opposition entgegen zu treten. „Genossen, ab heute ist Klassenkampf. Heute entscheidet sich: entweder die oder wir?“, war den Einsatzkräften eingebläut worden. Im Tagesbefehl des Chefs der Leipziger Polizei, Holm Fritzsche, wurde nicht weniger als „die dauerhafte Zerschlagung gegnerischer Gruppierungen und die Festnahme deren Rädelsführer“ befohlen.

Die Ausrüstung der Staatsmacht war martialisch. In Nebenstraßen standen gepanzerte Wagen mit Räumschilden bereit. Ebenso Wasserwerfer und Abschussvorrichtungen für Tränengas. Für die erwarteten Massenverhaftungen waren Internierungslager vorbereitet worden. In den Krankenhäusern hielt man Blutkonserven bereit. Im damaligen SED-Blatt „Leipziger Volkszeitung“ hatte der Kommandeur der Betriebskampfgruppen, Günter Lutz, erklärt, „wenn es sein muss, mit der Waffe in der Hand“, die „konterrevolutionären Aktionen endgültig und wirksam zu unterbinden“. Nach der blutigen Niederschlagung der Studentenunruhen in Peking einige Wochen zuvor erwarteten viele ein ähnlich blutiges Szenarium auch in Leipzig. Der SED-Sicherheits-Sekretär Egon Krenz hatte nach einem Besuch in Peking den Einsatz gutgeheißen. Nun war er für Leipzig zuständig.

„Wir sind das Volk“

Doch es kam anders. In den Tagen vor und am 9. Oktober verbreitete die Leipziger Opposition, die sich vor allen in evangelischen Kirchengemeinden formierte, Flugblätter mit der Losung „Keine Gewalt“ und „Wir sind das Volk“. Auf Initiative des Kabarettisten Bernd Lutz Lange kam zudem eine ungewöhnliche Sechser-Allianz zustande. Drei Bürger-Vertreter, darunter der Gewandhaus-Kapellmeister Kurt Masur, sowie drei SED-Bezirkssekretäre verfassten einen Aufruf. Die „gemeinsame Sorge“ habe sie zusammengeführt, um eine „Lösung“ zu suchen. Die „Sechs von Leipzig“ versprachen, sich für den „Dialog“ mit der Regierung einzusetzen. Der Aufruf wurde, gesprochen von Masur, über die Lautsprecher des Leipziger Stadtfunks verbreitet sowie beim Montagsgebet um 17 Uhr in der Nikolaikirche verlesen. Gegen 18 Uhr zum Ende der Veranstaltung in der Kirche war der Menschenauflauf rund um das Gotteshaus unübersehbar. Man schätze später rund 70 000.

Oppositionelle forderten zu Gewaltlosigkeit auf. Mit beidem hatte die Staatsmacht nicht gerechnet. Verzweifelt rief der SED-Bezirkssekretär und Einsatzleiter Helmut Hackenberg in Berlin an, was er tun solle. Doch Honecker war nicht erreichbar und Krenz reagierte nicht. Als sich gegen halb sieben eine breiter Demonstrationszug formierte und mit den Rufen „Wir sind das Volk“ und „Wir sind keine Rowdys“ um den Innenstadtring zu laufen begann, kapitulierte Hackenberg. Er gab den bewaffneten Einsatzkräften den Befehl, sich zurück zu ziehen. Für einen Moment hielt die Geschichte den Atem an. Das befürchtete Massaker blieb aus. Von da an war die Revolution in Ostdeutschland wirklich eine friedliche.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht