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Gesellschaft

Die große Bewährungsprobe

Die Integration der Flüchtlinge ist eine Herausforderung. Um sie zu bewältigen, muss die Gesellschaft kämpfen.
Von Charlotte Knobloch

Charlotte Knobloch ist Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern. Foto: Steffen Leiprecht/froggypress.de
Charlotte Knobloch ist Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern. Foto: Steffen Leiprecht/froggypress.de

Wer angesichts der Willkommens-Euphorie Deutschland in einem Sommermärchen wähnte, war in Wunschdenken verfangen. Längst zeigt sich das Ausmaß der Herausforderung. Kommunen, Polizei- und Hilfskräfte, Sozialämter und Bildungseinrichtungen – all jene, die die Flüchtlinge in der ersten Phase betreuen –sind am Limit. Der Bund muss hier noch stärker stützen, sonst droht der Kollaps im Lokalen, in den Zentren unserer Republik.

In der zweiten Phase – die hat schon begonnen – sind wir alle gefordert. Unser Land steht vor einer historischen Herausforderung. Wir müssen für unsere freiheitlich-demokratischen Überzeugungen und für die Wahrung unserer tradierten Werte kämpfen – an zwei Fronten.

Erstens: Offenheit und Willkommenskultur stehen Deutschland gut zu Gesicht. Aber wir müssen von den Geflüchteten auch etwas fordern: die Integration in unsere Werteordnung. Wer hier leben möchte, muss sich unbedingt zu den Fundamenten unserer Verfassung bekennen. Das sind insbesondere die Grundrechte, also auch Religionsfreiheit und Gleichberechtigung, unsere Rechtsstaatlichkeit, in der die Scharia keinen Platz hat, die strikte Trennung von Staat und Religion sowie die Ächtung von Antisemitismus und das klare Bekenntnis zum Existenzrecht Israels. Judenhass ist in vielen Heimatländern der Geflüchteten selbstverständlicher Teil der Sozialisierung. Respektlosigkeiten gegenüber Frauen, Christen- und Judenfeindlichkeit, Drohungen gegenüber Minderheiten und ähnliche Phänomene, die in den Flüchtlingsunterkünften an der Tagesordnung sind, müssen kompromisslos geahndet und geächtet werden, um das Entstehen von Parallelkulturen im Keim zu ersticken.

Insofern teile ich die Skepsis angesichts der Zahl an Flüchtlingen – vielfach junge Männer ohne Ausbildung, die leichte Beute für Islamisten werden könnten. Was mich jedoch anwidert und besorgt – damit komme ich zu zweitens – ist die Radikalisierung am rechten Rand, die sich immer stärker in die Mitte der Gesellschaft frisst. Rechtspopulisten scheinen massentauglich, maskieren sich sozialadäquat. Das macht sie so gefährlich. Bei Pegida ist die Maske gefallen.

Die Bewegung ist durchsetzt von Neonazis. Pegida zeigt sich rassistisch und antisemitisch. Rhetorik, Plakate, Gesänge sind völkisch, fremdenfeindlich, tragen volksverhetzende Züge. Inakzeptabel, dass dieses Pack am 9. November, 77 Jahre nach der „Reichskristallnacht“, durch deutsche Straßen marschiert – ein Albtraum, den Politik und Justiz verhindern müssen!

Hass heilt nicht die berechtigten Sorgen der Menschen. Hass – sei er rechtsradikal, islamistisch oder linksextrem – zerstört unser Land. Deutschland hat sich in hervorragender Weise zu einem tragfähigen, stabilen freiheitlichen Gemeinwesen entwickelt. Darauf sollten wir stolz sein. Das sage ich als Holocaustüberlebende aus Überzeugung, aber mit einer klaren Forderung: Jedem in unserem Land ist das Bekenntnis zu unseren Werten abzuverlangen – ohne Kompromisse.

Die demokratischen Parteien dürfen den Patriotismus nicht aus der Hand geben. „Wir“ müssen selbstbewusst definieren, welche Werte und Haltungen „uns“ ausmachen. Hiervon darf es keine Abstriche geben. Jetzt müssen sich alle Staatsgewalten als wehrhafte Hüter unseres Systems beweisen. Sonst steuern wir nach der Euphoriewelle dunklen Zeiten entgegen.

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