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Politik
Donnerstag, 24. Mai 2018 23° 4

Umweltpolitik

Die hässliche Kehrseite der Plastikwelt

Drei Millionen Tonnen Plastikverpackungen fallen jährlich an. EU und Grüne plädieren für eine Steuer auf Wegwerfverpackungen.
Von Reinhard Zweigler

Ein Berg von gelben Säcken, gefüllt mit Verpackungsabfall: Um dem Problem Herr zu werden, wird über eine Plastiksteuer diskutiert. Foto: Patrick Pleul/dpa

Berlin.Der Siegeszug der Plastikverpackungen schien unaufhaltsam zu sein. Obst und Gemüse, Wurst und Käse, sogar Biogurken werden – mit Plastikfolie ummantel – , in den Supermärkten verkauft. Der Kaffeebecher mit dem Heißgetränk für unterwegs ist mit einer dünnen Polyethylen-Folie ausgekleidet. Beim Chinesen gibt es Essen in Einwegverpackungen aus Styropor. Und das Sandwich für zwischendurch ist ebenfalls mit einer Plastikhülle umgeben. Unsichtbar sind dagegen winzige Mikroplastikteilchen, die etwa in Zahnpasten oder Kosmetika als Schleif-, Binde- oder Füllmittel enthalten sind.

Die Kehrseite der schönen, sauberen Plastikwelt ist allerdings vor allem in den Meeren zu besichtigen. Auf gigantische 100 Millionen Tonnen schätzt das Umweltbundesamt den Plastikmüll in den Weltmeeren. Jährlich kämen etwa acht Millionen Tonnen hinzu. 70 Prozent davon lagerten sich auf dem Meeresboden ab. 15 Prozent landeten an den Stränden. 15 Prozent schwämmen auf der Oberfläche. Inzwischen gibt es mehrere riesige Müllstrudel in Atlantik und Pazifik. Das Schlimme daran: Fische, Meeressäuger und Vögel nehmen Plastik auf. 94 Prozent der Eissturmvögel in der Nordsee haben Kunststoff in ihren Mägen. Es gibt erschütternde Bilder von Basstölpeln auf der Insel Helgoland, die sich in Plastikfischernetzen, die die Meeresvögel zum Nestbau einsetzen, verfangen und zugrunde gehen.

Dorn im Auge

Als Noch-Umweltminister von Schleswig-Holstein und Grünen-Vorsitzender hat sich Robert Habeck mit einem Umweltskandal der besonderen Art herumzuschlagen. Am Ufer des Flüsschens Schlei in der Nähe von Schleswig tauchten plötzlich riesige Mengen kleiner Plastikschnipsel auf, die nun aufwendig eingesammelt werden müssen. Das städtische Klärwerk hatte von einem Zulieferer Bioabfälle bekommen. Allerdings waren die Verpackungen gleich mit geschreddert worden.

Kommentar

Endlich ehrlicher sein!

Über die große „Plastik-Lüge“ schrieb jetzt das Magazin „Die Zeit“. Wegen des großartigen dualen Erfassungssystems in gelben Tonnen oder Säcken glaubten...

Nun ermittelt das Landeskriminalamt. Habeck sind die Einwegverpackungen aus Plastik ein Dorn im Auge. Deshalb hat er jetzt eine „EU-weite Plastiksteuer auf Wegwerfprodukte“ vorgeschlagen. Damit schließt sich der Grünen-Chef einem Vorstoß des deutschen EU-Finanzkommissars Günther Oettinger (CDU) vom Januar an. Der CDU-Politiker hat eine Zwangsabgabe auf diese Verpackungen im Auge, vor allem um die Umwelt und Ozeane vor weiterer Vermüllung zu schützen, wie er sagte.

Oettingers niederländischer Kommissionskollege Frans Timmermanns, eigentlich für Flüchtlinge zuständig, wurde drastischer: „Wenn wir nicht die Art und Weise ändern, wie wir Kunststoffe herstellen und verwenden, wird 2050 in unseren Ozeanen mehr Plastik schwimmen als Fische.“ Brüssel hat inzwischen eine umfassende „Kunststoffstrategie“ für alle Mitgliedsländer angekündigt.

Im Berliner Umweltministerium ist man dagegen skeptisch und hält die Brüsseler Vorstöße noch für „reichlich unkonkret“, wie ein Sprecher von Umweltministerin Svenja Schulze (SPD) sagte. Stattdessen verwies er auf die Novelle zur deutschen Verpackungsverordnung, die ab September in Kraft tritt. Die Recyclingquote für Plastikmüll soll danach von derzeit knapp 40 Prozent auf 63 Prozent bis 2021 angehoben werden. Ein neues Verpackungsregister soll etwa mehr Transparenz schaffen, wie viel und was tatsächlich recycelt wird oder wohin genau der übrige Plastikmüll geht. Das neue Kreislaufwirtschaftsgesetz orientiere sich zudem klar hin zur Wiederverwendung der aus Erdöl erzeugten Kunststoffe. Eine Plastiksteuer plane die SPD-Ministerin dagegen nicht.

Auch die Union ist gegen eine solche Zwangsabgabe. CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt sagte der Mittelbayerischen: „Den Vorschlag der Brüsseler Kollegen mache ich mir nicht zu eigen.“ Deutschland sei beim Kunststoffrecycling „sehr fortschrittlich“. Das Müllproblem müsse vielmehr durch Aufklärung der Verbraucher und Müll-Vermeidung angegangen werden.

Konsequente Vermeidung

Das sieht der Plastikexperte der Umweltorganisation Greenpeace, Michael Meyer-Krotz, allerdings anders. Eine Plastiksteuer hält er für „einen guten Ansatz“. Allerdings müsse sie so ausgestaltet werden, dass sie wirklich zu einer Vermeidung von Einwegverpackungen führe. Er plädiert dafür, überall, wo es gehe, Mehrwegverpackungen einzusetzen beziehungsweise zu kaufen. Recycling ist für den Hamburger jedoch nicht der Weg zur Lösung, sondern es müsse viel mehr für eine konsequente Müllvermeidung getan werden.

Langlebiger Plastikmüll

  • 450 Jahre

    dauert es etwa bis sich eine Trinkflasche aus PET (Polyethylenterephthalat) im Wasser „aufgelöst“ habe, sagt das Umweltbundesamt. 5,9 Millionen Tonnen Kunststoffabfall werden pro Jahr in Deutschland erfasst. Etwa die Hälfte – rund drei Millionen Tonnen Plastikverpackungen – landen nach Angaben von Greenpeace beim dualen System in gelben Tonnen oder Säcken.

  • 53 Prozent

    des Plastikmülls werden verbannt, „thermisch verwertet“, wie es im Bürokratendeutsch genannt wird. 1,1 Millionen Tonnen des Kunststoffmülls werden wiederverwertet. 1,4 Millionen Tonnen des in Deutschland anfallenden Plastikmülls werden in andere Länder exportiert. Die Abnehmer dort sollten sich an die gleichen Regeln halten wie Unternehmen in Deutschland, heißt es zumindest.

  • 13 verschiedene Plastiksorten

    sind hauptsächlich auf dem Markt. Von Polypropylen für Tüten und Einwegbecher, Haushaltsgeräte oder Kunstrasen bis zu Polyester für Textilfasern, Folien oder CDs. Inzwischen wurden erste Bakterien entdeckt, die Plastik zersetzen können. „Ideonella sakariensis 201-F6 “ nannten Biochemiker aus Japan die Winzlinge, die – enorm langsam – PET verdauen können.

Einen Teil des Problems Plastikmüll – etwa 1,4 Millionen Tonnen – exportiere Deutschland zudem noch in andere Länder. China allerdings, das bislang etwa 560 Millionen Tonnen pro Jahr abnahm, lässt seit März keinen verunreinigten Plastikmüll aus Deutschland mehr ins Land. Es handelte sich vor allem um Abfälle aus der Wirtschaft. Nur noch sortenreine Plastikabfälle dürften importiert werden, hat Peking angeordnet. Allerdings habe sich der Plastikmüllexport bereits andere Abnehmer gesucht. In Vietnam, Thailand oder Malaysia. Damit müsse Schluss sein, verlangt der Greenpeace-Aktivist.

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