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Meinung

Die Lunte glüht am Persischen Golf

Die USA haben durch ihren Rückzug ein Machtvakuum hinterlassen, das nun Akteure füllen, die ihr eigenes Süppchen kochen.
Von Thomas Spang, USA-Korrespondent

USA-Korrespondent Thomas Spang
USA-Korrespondent Thomas Spang

Im Persischen Golf glüht nach dem Angriff auf die größte saudische Ölfabrik die Lunte, die das Pulverfass einer größeren Konfrontation zwischen Sunniten und Schiiten jederzeit in die Luft fliegen lassen kann. Wer sie gelegt und wer sie angezündet hat, spielt im Moment weniger eine Rolle, als wer sie nun beherzt austritt.

In der Vergangenheit wäre dies der Weltsicherheitsrat gewesen. Doch der funktioniert seit der Ankunft des „Amerika-Zuerst“-Präsidenten im Weißen Haus so wenig wie der Rest der Weltordnung, die Trump systematisch unterminiert ohne selber Verantwortung zu übernehmen. Das durch den Rückzug der Ordnungsmacht USA hinterlassene Vakuum füllen nun Akteure, die allesamt ihr eigenes Süppchen kochen. Genauer gesagt rühren Iran und Saudi-Arabien im Mittleren Osten eine Giftbrühe an, für die der brutale Stellvertreter-Krieg im Jemen einen Vorgeschmack liefert.

„Im Unterschied zu Trump haben die Saudis, Iraner und Israelis klar definierte Ziele, die ironischerweise nicht im Interesse des „Amerika-First“-Präsidenten liegen können.“

In Wahrheit gibt es in diesem Teil der Welt keine „guten Akteure“, sondern nur Regime, die es in ihrem religiösen Eifer und Streben nach Hegemonie weder mit Menschenleben noch mit der Wahrheit genau nehmen. Das gilt ausdrücklich auch für die Saudis, deren Alleinherrscher, Mohamed bin-Salman (MBS), dem Regimekritiker Jamal Khashoggi vor fast genau einem Jahr bei einem Konsulatsbesuch in der Türkei den Kopf abschneiden ließ. Darauf zu „warten“, wie Trump sagt, was MBS und dessen hörige Generäle zu dem Angriff auf die Ölanlage befinden, um dann „Gewehr bei Fuß“ zu stehen, offenbart das ganze Ausmaß der kopflosen und amoralischen Außenpolitik dieser US-Regierung.

Indem er die Verantwortung der Supermacht auslagert, erlaubt es der Präsident bildlich gesprochen, dem Schwanz mit dem Hund zu wackeln. Im Unterschied zu Trump haben die Saudis, Iraner und Israelis klar definierte Ziele, die ironischerweise nicht im Interesse des „Amerika-First“-Präsidenten liegen können.

„Nach dem Verschleiß seines dritten Nationalen Sicherheitsberaters schlüpft Trump nun selber in die Rolle.“

Schmerzhaft bemerkbar macht sich nun auch die Aushöhlung des Nationalen Sicherheitsrats im Weißen Haus, dessen Experten US-Präsidenten über sieben Jahrzehnte fachlichen Rat erteilt hatten. In seiner Selbstherrlichkeit glaubt Trump, er könne auf diese Fachleute verzichten. Die hätten ihm bestimmt erklären können, warum der Angriff auf die Ölfabrik in Saudi-Arabien nicht so ein klarer Fall ist. Wenn es tatsächlich ein Angriff der Hutis war, wie diese behaupten, wäre es eine Kriegshandlung in einem Konflikt, den Saudi Arabien gegen die Schiiten in Jemen führt. Und zwar so gnadenlos, dass der US-Kongress Trump bereits aufgefordert hat, die Unterstützung der saudischen Bombardements aus der Luft einzustellen.

Nach dem Verschleiß seines dritten Nationalen Sicherheitsberaters schlüpft Trump nun selber in die Rolle. Statt einer klaren Strategie kommt dabei ein Durcheinander heraus, dem Kohärenz (Schlüssigkeit) und Konsequenz fehlen. Das erklärt das gefährliche Schwanken zwischen Kriegsdrohungen und Diplomatie. Die USA haben bisher keine Beweise vorgelegt, die Irans Urheberschaft der Angriffe belegen könnten. Und es gibt viele gute Gründe, Trump nicht über den Weg zu trauen. Warum sollte die Welt in der Frage von Krieg und Frieden einer Regierung glauben, die ihren eigenen Bürgern bei Hurrikan Dorian manipulierte Wetterkarten vorlegte?

Die hochbrisante Situation am Persischen Golf bleibt in erster Linie das Ergebnis der Selbst-Verzwergung der Supermacht, die sich mit der Auslagerung ihrer Sicherheits- und Außenpolitik im Mittleren Osten in eine strategische Sackgasse hineinmanövriert hat. Führung sähe anders aus. Trump müsste dafür ganz schnell die Lunte austreten, die Scharfmacher auf beiden Seiten des religiösen Großkonflikts in der Region mit teuflischer Lust abbrennen sehen.

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