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Soziales

Die Pflege selbst ist ein Pflegefall

In der Oberpfalz gibt es rund 33 000 Pflegebedürftige. Experten sagen einen starken Anstieg voraus – mit dramatischen Folgen.
Von Reinhard Zweigler

Ohne pflegende Angehörige würde das System zusammenbrechen, sagen Sozialexperten. Foto: Daniel Reinhardt/dpa
Ohne pflegende Angehörige würde das System zusammenbrechen, sagen Sozialexperten. Foto: Daniel Reinhardt/dpa

Berlin.Vor acht Jahren wurde das Leben des Ehepaares Marianne und Thomas G. völlig aus der Bahn geworfen. In der Nacht erlitt Thomas G. einen Herzinfarkt. Geschlagene 27 Minuten dauerte es, bis der Notarzt eintraf. G. lag wochenlang im Koma. Die schlimme Folge: schwerste neurologische Störungen bei dem Mittfünfziger. Pflegegrad 5. Seine Ehefrau musste ihren Beruf aufgeben und kümmert sich seitdem aufopferungsvoll um ihren Mann – rund um die Uhr, 365 Tage im Jahr. Nur wenn Freunde ihren Mann betreuen, schafft sie es, ein Mal pro Woche für zwei Stunden das Haus zu verlassen.

Für den bayerischen Pflegebeauftragten Hermann Imhof sind die pflegenden Angehörigen stille Helden. Sie übernehmen die gewaltige Bürde der Pflege zu Hause. In Bayern leben rund 350 000 Pflegebedürftige. In der Oberpfalz sind es über 33 000, wovon 22 000 zu Hause betreut werden. Die Leistungen, Sorgen und Nöte der pflegenden Angehörigen gelangen allerdings kaum an die Öffentlichkeit. Doch ohne sie würde das Pflegesystem völlig zusammenbrechen, meint die Vorsitzende des Sozialverbandes VdK in Bayern, Ulrike Mascher. Neben der täglichen Pflegeleistung müssen sich die Betroffenen noch mit der riesigen Antrags-Bürokratie herumschlagen.

Pflege in Deutschland

  • Zahlen:

    Derzeit gibt 3,5 Millionen pflegebedürftige Menschen in Deutschland. Davon werden 2,5 Millionen zu Hause und 780 000 in Pflegeeinrichtungen versorgt. Experten schätzen, dass sich die Zahl der Pflegebedürftigen bis 2035 verdoppeln könnte.

  • Kosten:

    Die gesetzliche Pflegeversicherung nahm im vergangenen Jahr rund 36 Milliarden Euro an Beiträgen ein. Die Ausgaben lagen mit 38,5 Milliarden Euro deutlich darüber. Experten rechnen aufgrund der demografischen Entwicklung mit einem starken Kostenanstieg. Um den Anstieg der Pflegekosten aufzufangen, schlägt Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) eine Beitragserhöhung um 0,5 Prozentpunkte vor. Derzeit liegt der Satz bei 2,55 Prozent des Bruttoeinkommens. Kinderlose zahlen 2,8 Prozent.

Angehörige oft alleingelassen


Vielerorts fehle die Beratung, welche Ansprüche und Möglichkeiten es für die Unterstützung der Angehörigen gibt, etwa in der Kurzzeitpflege oder Hilfen in der Hauswirtschaft. Neben den Leistungen der Pflegeversicherung wird es ab diesem Monat ein bayerisches Pflegegeld von 1000 Euro im Jahr geben, sagt Imhoff. Wegen des dramatisch steigenden Bedarfs soll die Anzahl der Pflegeplätze erhöht werden. Ebenso werde es mehr Möglichkeiten der Betreuung in Hospizen geben. Auch die Palliativmedizin wird ausgebaut. Ministerpräsident Markus Söder sagt, Respekt und Würde gälten auch „auf der letzten Meile des Lebens“.

Vor 23 Jahren wurde unter dem damaligen Sozialminister Norbert Blüm (CDU) die gesetzliche Pflegeversicherung eingeführt. Seither sind die Einnahmen und Leistungen dieser Versicherung explodiert. Konnte die Versicherung in den Anfangsjahren noch ein finanzielles Polster aufbauen, zehrt sie heute von der Substanz. Im Vorjahr nahm die gesetzliche Pflegeversicherung rund 36 Milliarden an Beiträgen ein, doch die Ausgaben lagen mit 38,5 Milliarden Euro deutlich darüber. Weil die Menschen in Deutschland immer älter werden, rechnen Experten mit einem enormen Anstieg der Pflegekosten.

Soziales

Ab September gibt es Pflegegeld

Hans Fischer pflegt zuhause seine Mutter und hat auch einen Antrag gestellt. Der Freistaat will damit die Arbeit honorieren.

Ein neuer Pfleger pro Einrichtung

Im Wahlkampf 2017 ploppte das Thema Pflege urplötzlich auf. Bei einem TV-Auftritt der Kanzlerin lud der Pfleger Ferdi Cebi die Kanzlerin spontan zum Besuch seines Altenpflegeheims ein. Ein knappes Jahr später folgte Merkel dieser Einladung. Im Koalitionsvertrag hatten Union und SPD die Schaffung von 8000 zusätzlichen Stellen für Pflegekräfte vereinbart. Mittlerweile lautet die Zielmarke 13 000 zusätzliche Stellen. Das Geld dafür soll aus dem Budget der Krankenkassen kommen.

Bundesweit gibt es 13  000 Pflegeeinrichtungen und soziale Dienste. Tanja Müller vom Pflegeunternehmen Korian Deutschland, das allein in Bayern 49 Einrichtungen betreibt, sagt: „Die Schaffung von 13 000 neuen Stellen in der Altenpflege ist ein erster Schritt in die richtige Richtung.“ Es werde durchschnittlich eine weitere Kraft pro Einrichtung sein, die ihr Unternehmen „gerne zur Entlastung der Mitarbeiter zusätzlich beschäftigen“ werde. Das Problem sei allerdings, „dass die entsprechend qualifizierten Mitarbeiter überhaupt gewonnen werden können“. Damit trifft sie den Nagel auf den Kopf. Bereits heute sind Sozialunternehmen in der Fort- und Weiterbildung, der Ausbildung junger Menschen oder bei der Gewinnung ausländischer Pflegekräfte sehr aktiv. Das Problem ist nur, es gibt nicht ausreichend Interessenten für diesen verantwortungsvollen Beruf.

Die Pflegeexpertin Müller meint, dass mit der geplanten Erhöhung der Beiträge lediglich die etwas bessere Bezahlung der Pflegekräfte refinanziert werden wird, „ohne die Familien zu entlasten oder grundsätzlich die Finanzierungsbedingungen zu verändern“. Wenn die Pflegekräfte besser bezahlt, wenn mehr eingestellt und wenn die Heime anspruchsvoller ausgestattet werden, würde sich das zwangsläufig in höheren Zuzahlungen der Familien niederschlagen, warnt sie. Eugen Brysch, Vorstand der Stiftung Patientenschutz, fordert deshalb: „Es ist Zeit, dass die Pflegeversicherung endlich wieder die gesamten Pflegekosten zahlt.“

Bessere Beratung wäre wichtig

Für Hundertausende, die ihre Angehörigen zu Hause pflegen, bringen höhere Beiträge für die Pflegeversicherung so gut wie nichts, sagt Ulrike Mascher. Sie brauchten jedoch eine bessere Beratung sowie „erkennbar zuverlässige Hilfen“, um den Alltag mit ihren pflegebedürftigen Angehörigen besser meistern zu können. Dafür tritt auch der Pflegebeauftragte Imhof ein und verweist auf ein entsprechendes Fünf-Millionen-Förderprogramm des Freistaates. Damit sollen etwa die Möglichkeiten zur Kurzzeitpflege, Betreuungsleistungen von Pflegediensten oder für sogenannte niedrigschwellige Betreuungsangebote verbessert werden.

Den „stillen Helden“ wie Marianne G. müsse endlich stärker geholfen werden, verlangt Mascher. Sie berichtet davon, dass viele der Angehörigen, die zu Hause pflegen, oft am Ende ihrer Kräfte sind. Sie müssten dringend entlastet werden, auch einmal Freizeit bekommen, in den Urlaub fahren können. Für Marianne G. sind das allerdings Illusionen. Als sie zur ihrer Entlastung einen Pflegedienst engagieren wollte, teilte der ihr mit, so schwere Fälle wie ihren Mann zu betreuen, rentiere sich nicht.

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