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Die Scharia gibt es eigentlich nicht

Im Evangelischen Bildungswerk in Regensburg stellt Islamwissenschaftler Mouhanad Khorchide Gedanken zu einem Reizthema vor.
Von Stephan Grotz, MZ

Islamwissenschaftler Mouhanad Khorchide sprach in Regensburg über die Scharia.
Islamwissenschaftler Mouhanad Khorchide sprach in Regensburg über die Scharia. Foto: Lex

Regensburg.Noch vor zehn Jahren war das Wort „Scharia“ in der westlichen Welt nur denen ein Begriff, die sich mit islamischer Kultur und Religion gut auskannten. Heute ist Scharia in aller Munde – und eine Kampfansage an die zivilisierte Welt. Scharia steht für die Wiederkehr all dessen, was Europa in langen Kämpfen und mit hohem Blutzoll überwunden hat: besonders die Vereinnahmung der Religion für politische Zwecke.

In und an den Grenzen der westlichen Welt wurden so Handlungen von unbeschreiblicher Grausamkeit und Menschenverachtung möglich. Und die Täter berufen sich immer wieder auf das vermeintlich heilige Recht der Scharia. Die Kehrseite der Medaille ist ebenfalls bekannt: Mit der Barbarei im Namen des Islam kam eine veritable Weltreligion in Verruf. Das Resultat: Verfechter wie Verächter der Scharia stehen sich unversöhnlich gegenüber – mit anhaltend tödlichen Konsequenzen.

Das Wort bedeutet „Weg zu Gott“

Wenn man verhärtete Fronten auflockern möchte, gibt es ein probates Mittel: Man zeigt, dass sich der Streit eigentlich nicht lohnt. Diesen Weg wählte der bekannte Münsteraner Islamwissenschaftler Mouhanad Khorchide im Regensburger Evangelischen Bildungswerk. Bereits durch seine Biographie ist Khorchide zum Vermittler prädestiniert: geboren im Libanon und aufgewachsen in Saudi-Arabien, erhielt er seine akademische Ausbildung in Europa. Mit allem Nachdruck versucht Khorchide die Scharia in eine religiöse Sphäre zurück zu verlegen, aus der sich kein politisches Kapital schlagen lässt.

Scharia heißt ursprünglich „Weg zu Gott“ und fordere daher zur Nachahmung von Gottes Hinwendung zum Menschen auf. Im Klartext: Scharia ist ein Synonym für Nächstenliebe und umfassende Gerechtigkeit – und keine Lizenz zum politischen Mord. Eine menschenwürdige und gottgefällige Gesellschaft ist jedoch ein Ziel, das in jeder Generation neu definiert und erobert sein will.

Dagegen ist die Festschreibung der Scharia auf überzeitliche und übergesellschaftliche Regeln ein grober Unfug. Der Koran jedenfalls kennt nur sehr wenige explizite Rechtsvorschriften. Die Scharia ist eine Interpretation des heiligen Textes – und daher ein zeit- und kulturabhängiges Konstrukt: „Die Scharia gibt es nirgends“, so Khorchide. Ihre Verwirklichung „müssen Menschen jedes Mal neu untereinander aushandeln“. Mit ganz verschiedenen Ergebnissen: In Indonesien etwa erlaubt die Scharia Frauen das Autofahren, in Saudi-Arabien dagegen nicht.

Der Autor weiß, dass er aneckt

Khorchide weiß genau, dass er mit seinen Thesen innerhalb der muslimischen Glaubensgemeinschaft aneckt: „Wir stehen hier vor zwei Verständnissen der Scharia.“ Khorchide will einen modernen, weltoffenen Islam. Aber auch einen Islam, der die Tradition nicht über Bord kippt, sondern an sie anknüpft: „Unterschiedliche Positionen sind Teil der Tradition im Islam.“ So hat sogar der Terror des Islamischen Staates (IS) etwas Gutes für Khorchide: „Die Gewalt rüttelt auch die Muslime wach.“ Für die arabische Welt wird die Diskussion unumgänglich, welchen Islam sie eigentlich will. Erste Anfänge sind zu sehen: In Mekka findet in Kürze eine Konferenz über religiös motivierte Gewalt statt.

So sympathisch und nachvollziehbar Khorchides Verständnis der Scharia ist: eine schlüssige oder gar neue Erklärung, warum ausgerechnet der Islam so gewalttätig in Erscheinung tritt, hat auch er nicht. Für Khorchide liegt es teils an der „veralteten Theologie“, der viele gewaltbereite Muslime anhängen. Doch ein rückständiges Weltbild führt nicht zwangsläufig zu Terror-Exzessen. Teils liege es auch daran, dass die große Masse der Muslime bislang schweigt und daher medial nicht auffällt. Derzeit präge eine extremistische Minderheit das westliche Bild vom Islam. Die Trennlinie kann für Khorchide daher nicht mehr zwischen den Religionen verlaufen. Gefragt sind andere Allianzen: zwischen Menschen guten Willens – gleich, welcher Religion sie angehören. Vielleicht ist das auch ein pragmatisches Rezept für die politische Konfliktlösung.

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