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Lesung

Die vielen Leben des Gregor Gysi

In Regenstauf stellte der Linken-Präsident seine Autobiografie vor. Das Publikum war überschaubar, die Lacherfolge groß.
Von Michael Scheiner

Gregor Gysi ist ein blendender Erzähler. Foto: Scheiner
Gregor Gysi ist ein blendender Erzähler. Foto: Scheiner

Regenstauf.Es war ein ungewohntes Bild, das sich Gregor Gysi und dem Journalisten Jürgen Rummel in Regenstauf bot. Während Lesungen des Berliner Politstars in anderen Regionen Deutschlands häufig lange vorher ausverkauft sind, war die bis hinten bestuhlte Jahnhalle gerade mal zu einem Viertel gefüllt. Zudem musste das erwartungsvolle Publikum zuvor auch noch einiges an Geduld aufbringen. Fast eine Stunde warteten die Fans des Linken-Politikers vor verschlossener Tür, ohne über den verspäteten Beginn informiert zu werden. Nur einmal durchbrach heftiges Klopfen an der Saaltür die erstaunliche Langmut und beinahe buddhistische Gelassenheit der Wartenden.

Indes Gysi über die leeren Stuhlreihen hinwegsah und sein Publikum freundlich begrüßte, machte Rummel keinen Hehl aus seiner Enttäuschung. Er habe sich mehr erwartet, grummelte der Moderator, der sich gleich mit seinem Headset verkrachte, mit Blick in den Saal. Vor rotem Vorhang, ein durchaus passender Hintergrund für den Präsidenten der Europäischen Linken, startete er mit der Frage, was er vormittags gemacht habe. Er habe sich mit „Bischof Ipolt im Kloster Stift Neuzelle getroffen“, legte Gysi los und erzählte so launig, eloquent und unterhaltsam von der Begegnung mit dem Kirchenmann, wie man ihn kennt. Neu sei für ihn die Erkenntnis gewesen, grinste Gysi, dass er „als Mann“ selbst – wenn er denn getauft wäre – zum Papst gewählt werden könnte.

Es soll noch was kommen

Bis zur Pause hangelte sich Rummel nun als Stichwortgeber von der Verlegung der US-Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem, die 60 Millionen Flüchtlinge weltweit, die Lage in Syrien und Korea bis zu Demokratie versus Diktatur praktisch durch die ganze Welt, um schließlich bei der Wahl in Bayern im Herbst zu landen. Nach den Chancen für die Links-Partei gefragt, wandte sich Gysi lieber der eigenen Biografie zu und meinte, dass er sich „immer freundlicher gefunden“ habe, als „mich die Mehrheit der Bevölkerung sah“. Seine Autobiografie hieße „Ein Leben ist zu wenig“, nicht weil er Buddhist sei und „noch fünf weitere Leben vor mir habe“. Vielmehr hätten ihn die Lebensumstände mit Aufwachsen in der DDR, dem Anwaltsdasein, dem späteren Umbruch und seiner politischen Karriere, erst bei der SED-PDS und dann im Bundestag, verschiedene Leben beschert. In seinem jetzigen, sechsten Leben habe er sich gegen viel Ablehnung „Respekt erarbeitet“. Und von „meinem letzten Leben, dem Alter“ wisse er „nicht, wann es kommt!“ Damit sammelte der blendende Erzähler, wie noch häufiger während des Abends, einen Lacherfolg und Beifall ein.

Zur Person

  • Politiker:

    Gregor Gysi, Jahrgang 1948, ist Rechtsanwalt, Jurist und ein Politiker der Linkspartei. 1990 wurde Gysi zum ersten Mal in den Bundestag gewählt, von 2005 bis 2015 war er Vorsitzender der Fraktion „Die Linke“. Im Juni 2015 gab er bekannt, dass er nicht mehr für den Fraktionsvorsitz kandidieren wird. Seit letzten Herbst sitzt er als einfacher Abgeordneter im Bundestag.

  • Autobiografie:

    Seine Autobiografie „Ein Leben ist zu wenig“ ist im vergangenen Jahr im Aufbau Verlag Berlin erschienen und kostet 24 Euro.

Düstere Prognose für die SPD

In der Pause signierte Gregor Gysi viele Bücher. Foto: Scheiner
In der Pause signierte Gregor Gysi viele Bücher. Foto: Scheiner

Über Marx, der aus der Umklammerung von Sowjetunion und DDR und von „der Verbannung aus Deutschland“ befreit werden müsse, landete das Duo auf der Bühne schließlich bei der Biografie. In der Pause hatte Gysi das Buch bei einer langen Schlange von Käufern, die geduldig anstanden, einzeln und oft mit einer Widmung versehen signiert. Zuvor hatte er der SPD noch in einer nüchternen Analyse eine düstere Zukunftsprognose gestellt – „in der großen Koalition kann sie sich nicht erneuern!“

Mit Details aus seiner wirklich spannenden Familiengeschichte und boshaften Witzen, die über ihn kursieren, beendete er selbstironisch die amüsante und aufschlussreiche Veranstaltung.

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