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Schule

Dieselben Abi-Fragen überall?

Die Abiturprüfungen in Bayern beginnen am 2. Mai. Wäre ein nationales Zentralabitur gerechter? Die Redaktion ist sich uneins.
Von Sebastian Heinrich und Christine Straßer

Abiturienten schreiben in der Turnhalle des Anton-Bruckner-Gymnasiums in Straubing die Abiturprüfung in Deutsch. Foto: Armin Weigel/dpa/Archiv
Abiturienten schreiben in der Turnhalle des Anton-Bruckner-Gymnasiums in Straubing die Abiturprüfung in Deutsch. Foto: Armin Weigel/dpa/Archiv

„Jeder Gymnasiast in Deutschland hat ein Recht auf gleichwertige Ausbildung – und auf gerechte Benotung seiner Leistung.“ – Darum hält Sebastian Heinrich die Einführung eines bundesweiten Zentralabiturs für richtig:

Wer vor einem Jahrzehnt an einer bayerischen Uni immatrikuliert war, der war in aller Regel auf StudiVZ, dem Facebook-Abklatsch für deutsche Studenten. Und auf StudiVZ gab es Gruppen mit Namen wie diesem: „Kniet nieder, ich hab’ mein Abi in Bayern gemacht!“ StudiVZ ist längst digitale Historie. Die Sprüche bayerischer Studenten sind geblieben. Und so überheblich sie klingen mögen, es steckt ein steinharter Kern Wahrheit in ihnen: Es ist in der Regel nach wie vor deutlich leichter, das Gymnasium in Recklinghausen abzuschließen als in Regensburg. Das darf nicht so bleiben. Jeder Gymnasiast in Deutschland hat ein Recht auf gleichwertige Ausbildung – und auf gerechte Benotung seiner Leistung. Ein bundesweites Zentralabitur wäre ein großer Schritt zu diesem Ziel.

Jeder Gymnasiast in Deutschland hat ein Recht auf gleichwertige Ausbildung – und auf gerechte Benotung seiner Leistung. Ein bundesweites Zentralabitur wäre ein großer Schritt zu diesem Ziel.

Sebastian Heinrich, Redakteur

In diesem Zentralabi müsste freilich stecken, was der Name verspricht: deutschlandweite Prüfungen am selben Tag, mit denselben Inhalten in den jeweiligen Fächern, zumindest im schriftlichen Teil. Ein positives Beispiel ist Österreich: Seit 2015 gibt es dort eine schriftliche Zentralmatura. Auch in Italien sind die schriftlichen Abiturprüfungen landesweit gleich – und somit von Mailand bis Palermo vergleichbar. Zentralisierte Prüfungen haben einen Nebeneffekt: Sie decken schonungslos auf, wie stark sich das Leistungsniveau in unterschiedlichen Regionen unterscheidet.

Sebastian Heinrich ist für die Einführung eines bundesweiten Zentralabiturs.
Sebastian Heinrich ist für die Einführung eines bundesweiten Zentralabiturs.

Ein bundesweites Zentralabi wäre selbstredend keine Universallösung für die vielen Probleme in den unterschiedlichen Teilen Deutschlands. Die Ursache für Qualitätsmängel ist ja nicht die Abiturprüfung, sondern es sind schlecht konzipierte Lehrpläne, der Mangel an qualifizierten Lehrern, Lehrerausfälle, veraltete Technik in Schulen – und der erbarmungswürdige Zustand mancher Klassenzimmer, Turnhallen und Schultoiletten. Aber ein Zentralabi wäre mit einer eindeutigen Botschaft an alle Gymnasiasten verbunden: Dieses Niveau musst Du in Deutschland erreichen, um die allgemeine Hochschulreife zu erhalten. Damit wären einheitliche Qualitätsziele verbunden, die alle Bundesländer erreichen müssten, ohne Wenn und Aber – und bei deren Erreichen sie der Bund, wo nötig, unterstützen müsste. Einheitliche Standards sollten freilich nicht zu einheitlichem Unterricht führen: Auf welchem Weg diese Ziele zu erreichen sind, das sollte bei den Lehrplänen jedem Bundesland – und in den didaktischen Details den einzelnen Gymnasien – überlassen bleiben.

Klar ist bei all dem: Der Weg zum zentralen Abitur ist ein steiniger. Die ersten, zaghaften Schritte in die Richtung sind ja schon unternommen, bisher wird nur ein Bruchteil der Aufgaben für die Abiprüfung aus einem bundesweiten Pool entnommen – und selbst das erhöht die Vergleichbarkeit nicht wirklich. Und es gibt ein praktisches Problem: Ein zentraler Termin für die Abiturprüfungen ist schwierig, weil die Sommerferien von Bundesland zu Bundesland zu unterschiedlichen Zeitpunkten beginnen.

Die Einführung eines Zentralabiturs geht deshalb nicht von heute auf morgen. Aber die Bundesregierung sollte einen mittelfristigen Plan dorthin aufstellen, mit realistischen, gut durchdachten Zwischenschritten. Damit Abi endlich gleich Abi ist – in Regensburg wie in Remscheid.

Ein Abitur für alle?

  • Bayern:

    Das Zentralabitur in Deutschland hat die längste Tradition in Bayern. Hier werden die schriftlichen Abituraufgaben seit 1854 vom Kultusministerium gestellt. Nur in Ausnahmesituationen wie den Kriegs- und Nachkriegsjahren der beiden Weltkriege hat das Ministerium diese Aufgabe den Schulen überlassen.

  • Folgen von Pisa:

    Nach 2000 setzte, teilweise unter Berufung auf die Ergebnisse der Pisa-Studien, in Deutschland ein Trend zum Zentralabitur ein. Derzeit führen 15 der 16 Bundesländer ein Zentralabitur durch. Nur in Rheinland-Pfalz findet ein dezentrales Abitur statt. Die unterschiedlichen Anforderungen in den Ländern sind vielen ein Ärgernis.

„Es geht darum, auf ein Leben in einer Welt vorzubereiten, die durch die Digitalisierung radikal verändert wird.“ – Darum hält Christine Straßer die Einführung eines bundesweiten Zentralabiturs für falsch:

Zentrale Abiturprüfungen sollen mehr Gerechtigkeit, Transparenz und Vergleichbarkeit bringen. Aber das ist eine große Illusion. Seit Jahrzehnten hat es das Bildungssystem nicht geschafft, dass Schulen gerechter werden. Ganz im Gegenteil. Drei von vier Akademikerkindern beginnen ihrerseits ein Studium. Wenn die Eltern keine Hochschule besucht haben, dann ist es nur jedes fünfte Kind. Ein Zentralabitur wird an diesem Missstand rein gar nichts ändern.

Es heißt, eine Zwei in Regensburg signalisiere nicht dasselbe wie eine Zwei in Remscheid. Ungerecht daran sei, dass man mit weniger Können mancherorts einfacher Zugang zu Studiengängen oder Studienorten erhalte. Andererseits ist es aber doch oft auch so, dass zwei Gymnasien in einer Stadt als unterschiedlich schwer angesehen werden. Mehr noch. Eine Zwei in Mathe an ein und demselben Gymnasium kann für einen Schüler etwas anderes aussagen, je nachdem, von welchem Lehrer man sie bekommen hat.

Christine Straßer ist gegen die Einführung eines bundesweiten Zentralabiturs.
Christine Straßer ist gegen die Einführung eines bundesweiten Zentralabiturs.

Ein Prüfungsergebnis hängt nicht nur davon ab, welche Aufgaben gestellt und wie sie bewertet wurden. Schüler werden an Schulen unterrichtet, in Kursen oder Klassen, von Lehrern, in Stadtteilen oder auf dem Land und von Eltern unterstützt und gefördert oder auch nicht. Vor diesem Hintergrund zu sagen, ein zentrales Abitur mache die Leistungen unterschiedlicher Schüler vergleichbarer, erschließt sich mir nicht.

Dass die Zulassung für bestimmte Studiengänge vom Notendurchschnitt abhängt, ist eine richtige Feststellung. Schon eine verpatzte Schulaufgabe kann da enorme Folgen haben. Für mich ist die Lösung aber nicht die Umstellung auf ein Zentralabitur. Denn es wäre keine Verbesserung. Die starke Fixierung auf Noten halte ich für falsch. Der Auswahlprozess rein über Noten und Durchschnitte führt nicht unbedingt dazu, dass diejenigen, die am stärksten für einen Beruf brennen tatsächlich fürs Studium zugelassen werden.

Die Einführung eines Zentralabiturs würde bewirken, dass noch mehr auf Tests geschielt wird.

Christine Straßer, Redakteurin

Die Einführung eines Zentralabiturs würde bewirken, dass noch mehr auf Tests geschielt wird. Das ist fatal, wenn man sich die Herausforderungen betrachtet, vor der Schulen stehen. Es geht darum, auf ein Leben in einer Welt vorzubereiten, die durch die Digitalisierung radikal verändert wird. Bei abfragbarem Wissen wird der Mensch gegen den Computer verlieren. Die Logik des Bildungswettbewerbs – wer mehr weiß, ist erfolgreicher. – ist zum Scheitern verurteilt. Was also tun? Der Chef des Internetriesen Alibaba, Jack Ma, schlägt vor, dass Kinder vor allem das lernen sollen, wodurch sie sich von Maschinen unterscheiden. Ma, selbst einst Schulversager und trotzdem heute Multimillionär, nennt „Sport, Musik, Malen – Kunst, die sicherstellt, dass Menschen verschieden sind.“

Der nötige Überbau ist Pädagogen und der Ministerialbürokratie ja auch bekannt. Er steht beispielsweise in Artikel 131 der Bayerischen Verfassung, die Schulen nicht nur Wissen und Können zu lehren verpflichtet, sondern auch „Herz und Charakter“ auszubilden. „Oberste Bildungsziele“ seien unter anderem Achtung vor der Würde des Menschen, Verantwortungsgefühl, Hilfsbereitschaft, „Aufgeschlossenheit für alles Wahre, Gute und Schöne“. Ein Zentralabitur hilft nicht dabei, diese Ziele zu erreichen.

Noch fit in Biologie? Und wie steht es mit Deutsch und Chemie? – Testen Sie, ob Sie das Abitur schaffen würden:

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